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Martina Voss-Tecklenburg: „Es muss etwas übrig bleiben“

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Von: Frank Hellmann

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Starke Leistung abseits des Platzes: Nadine Keßler.
Starke Leistung abseits des Platzes: Nadine Keßler. © IMAGO/Beautiful Sports

Uefa zieht ein überaus positives Fazit des Turniers in England und überlegt, wo die nächste Europameisterschaft stattfinden soll. Viel Lob für deutsche Organisatorin Nadine Keßler.

Ziemlich viel Fußball-Prominenz versammelte sich am Sonntagmorgen am noblen Grosvenor Square in London gar nicht weit weg vom Buckingham Palast. Die Dachorganisation Uefa hatte zu einem hochkarätigen „Final Forum“ mit dem Slogan „Raise the bar“ – das Level heben – geladen, weil es ja keine Zweifel mehr gibt, dass die 13. Europameisterschaft in England neue Maßstäbe für den Frauenfußball gesetzt hat. „Es war ein beeindruckendes Turnier. Wir haben viel erwartet – aber so viel haben wir nicht erwartet“, sagte Uefa-Präsident Aleksander Ceferin, als ihn die die britische Moderatorin Jacqui Oatley befragte, die seit 2005 alle EM-Turniere erlebt hat – und nicht minder beeindruckt war.

Zuletzt 2017 in den Niederlanden und 2013 in den Schweden hatte es atmosphärisch noch Luft nach oben gegeben. Nun aber strömten 570 000 Fans zu den 31 EM-Partien, mehr als 18 000 Zuschauende im Schnitt. Vor fünf Jahren waren es erst 240 000 Besucher:innen gewesen. Weltweit haben am Fernseher rund 300 Millionen Menschen zugesehen, die Resonanz in den Sozialen Medien hat sich vervielfacht.

„Aber nicht nur die Zahlen sind imposant: Wir haben superschöne Tore, enorme technische Fähigkeiten gesehen“, sagte Ceferin. „Eine Menge Leute haben vorher gezweifelt, jetzt bewundern sie dieses Turnier.“ Der 54-Jährige empfahl mit einem Augenzwinkern allen Topmarken, in den Frauenfußball zu investieren, „noch ist es nicht so teuer“.

In der Luxusherberge Biltmore Mayfair hörten auch DFB-Generalsekretärin Heike Ullrich, Uefa-Exekutivmitglied und Ex-DFB-Mann Rainer Koch, aber auch Ex-Nationalspielerinnen wie Tabea Kemme, Josephine Henning oder Babette Peter, wie der Uefa-Chef einen persönlichen Dank an Nadine Keßler richtete, die in einem auffälligen rosafarbenen Kostüm gekommen war.

Die Uefa-Abteilungsleiterin Frauenfußball hat mit ihrer stringenten Arbeit und gleichermaßen freundlichen Art erheblichen Anteil an so manchem Fortschritt – sie hat schon viele Türen geöffnet. Die gebürtige Pfälzerin freute sich besonders, dass fast 100 000 Kinder in die Stadien von Manchester, Rotherham, Sheffield, Southampton und Brighton strömten. Fast die Hälfe des Publikums war weiblich. „Wir haben ein Turnier für die Geschichtsbücher erlebt“, sagte die 34-Jährige: „Der Fußball war fantastisch.“ Die frühere Weltfußballerin vom VfL Wolfsburg verriet aber zwischendrin auch: „Ich bin nie glücklich: Ich bin Deutsche.“ Noch sei also genug zu tun.

In dieselbe Kerbe schlug Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg, die am Tag vor dem Finale einen globalen Aufruf startete: „Wir werden am Ende nur dann gewinnen, wenn wir all das, was jetzt gerade passiert, ob in Deutschland, in England oder in Europa oder in der Welt, wenn wir das auch mit einer Nachhaltigkeit beenden können. Es muss etwas übrig bleiben.“ Die 54-Jährige schob hinterher: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“

Ceferin betonte, dass „Sponsoren, TV-Anstalten und alle anderen“ gefordert seien und versprach, dass die Uefa auf keinen Fall nachlassen werde. „Die Entwicklung muss weitergehen, genauso wie im Männerfußball.“ Doch es ist beileibe nicht erstrebenswert, die teils entrückten Dimensionen der Männer als Orientierungspunkt zu nehmen, weil dann der familiäre Charakter fehlen würde.

So war der von den DFB-Frauen drei Mal genutzte Spielort Brentford mit einem 17 000 Plätze bietenden Stadion eine optimale Lösung. Dass sich Fans am Communtiy Stadium nach einem Match noch Autogramme und Selfies abholen konnten; dass Angehörige zu den Protagonisten durchdrangen; dass Sicherheitskräfte und Parkwächter mal ein Auge zudrückten, gehörte auch zur besonderen Nähe.

Frauenturniere sollten Familientreffen und Kontaktbörse bleiben – wird es klinisch rein und hermetisch abgeriegelt wie eine EM oder WM bei den Männern, würden sie ihre Seele verkaufen. Dem sollten sich alle bewusst sein. Noch denkt die Uefa nicht an die Erweiterung von 16 Teilnehmerländern bei einer EM, während die Fifa die WM 2023 in Australien und Neuseeland bereits mit 32 Teilnehmerinnen ausspielt.

Wo die EM 2025 stattfindet, darüber wird zum Jahresende entscheiden. Nachdem sich die Ukraine wegen der Kriegswirren aus dem Bewerberkreis zurückgezogen hat, stehen Frankreich, Schweiz, Polen und eine Allianz aus Finnland, Norwegen, Schweden und Dänemark parat. Die skandinavische Variante besitzt einigen Charme, weil die Länder eine enge Beziehung zu Frauensportarten besitzen. Polen wäre der Gegenentwurf, denn hier kommt der Frauenfußball nur mühsam voran. Der Uefa möchte dem in weiten Teilen Osteuropas noch sehr stiefmütterlich behandelten Frauenfußball einen Wachstumsschub verleihen. Der Slowene Ceferin sagte zum kommenden Ausrichter nur: „Es wird schwer: Wenn der nächste Veranstalter dieses Level erreicht, wäre es ein Erfolg.“

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