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Sarah Elfort und Gabrida Ferreira da Cruz in Montpellier.

Kolumne 

Premiere in Montpellier

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Warum zwei brasilianische Studentinnen gerade lieber Marta und Cristiane unterstützen als Neymar.

Dass Sarah Elfort und Gabrida Ferreira da Cruz auf diesen Tag gefreut haben, ist weder zu überhören noch zu übersehen. Aufgeregt wie Kinder vor der Bescherung bewegen sie sich die beiden schon zwei Stunden vor Anpfiff am Stade de Mosson, das in einem so verruchten Vierteln von Montpellier liegt, dass französische Polizisten schon beim Ausstieg an der Endstation der Ligne 1 warnen, bloß nicht den falschen Abzweig zu zu nehmen.

Die beiden jungen Brasilianerinnen müssen aber auch nicht vorgewarnt werden. Die 19-Jährige Sara Elfort kennt sich in Montpellier bestens aus: Vor fünf Jahren beschloss ihre aus dem Bundesstaat Pará im Norden Brasiliens stammende Familie, dass ihre Tochter doch eine bessere Zukunft in Europa hätte. „Hier ist vor allem die Ausbildung besser“, erzählt sie, die fließend Französisch spricht. „Mein Vater ist Franzose.“

Deshalb war es für sie auch nicht schwierig, über Französisch-Guayana, das französische Überseedepartement an der Nordostküste Südamerikas, nach Frankreich auszuwandern. Montpellier war dafür der passende Ort: Die dynamische Stadt unweit der Mittelmeerküste boomt an allen Ecken und Enden, überall sind neue Gebäude und Komplexe gebaut. Und die Universität hat einen guten Ruf. Sarah Elfort studiert hier Medizin, ihre Freundin geht noch zur Schule.

Sehr enttäuscht von Neymar

Dass sie sich für Fußball interessieren, „das geht in Brasilien nicht anders“, erzählen beiden. Als sie hörten, dass Brasiliens Weltstar Marta bei der Frauen-WM in Montpellier spielen würde, haben sie sich sofort ein Ticket für das zweite Gruppenspiel gegen Australien (2:3) besorgt. Für einen Studentenpreis. 22 Euro. „Eine WM kannten wir bisher nur aus dem Fernsehen.“ Dass sie zuschauen, ist ohnehin gerade ein richtiges Zeichen, weil sie sich von den Männern hintergangen fühlen. „Eigentlich stehe ich ja auch auf Neymar, aber ich bin sehr enttäuscht von ihm“, sagt Sarah Elfort, „was er gemacht, war ein schwerer Fehler.“ Es ist jetzt irgendwie ein Skandal zu.

Daher unterstützt sie lieber Cristiane, Formiga oder Barbara, die Namen der Nationalspielerinnen gehen ihr flüssig über die Lippen. Schlecht findet sie nur, dass sich die brasilianischen Medien zu wenig um diese Seleção kümmern würden. Was ja auch stimmt: Fernando Valeika de Barros, ein herzensfreundlicher Fußballjournalist aus São Paulo, der den Kontakt zu den beiden Landsleuten hergestellt hat, hat von der Niederlage gegen Australien ausführlich berichtet und noch in der Straßenbahn hektisch seine Texte geschrieben. Aber schon bald wird das bestens vernetzte Sprachgenie aus Frankreich abreisen; ganz egal, wie weit Marta und Co. bei der Frauen-WM noch kommen. Ihn lockt die Copa América. Männerfußball. Das ist für Brasilien wieder wichtiger, auch wenn Neymar nicht mitspielt.

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