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Mario Götzes Zeiten als Edelreservist bei Borussia Dortmund sind vorbei.

Mario Götze in Eindhoven

Hit in Holland

  • Jakob Böllhoff
    vonJakob Böllhoff
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Unter Trainer Roger Schmidt will Mario Götze in Eindhoven wieder „seinen Fußball“ spielen.

Mario Götze tritt nun also in die Fußstapfen von Jack White, dem alten Schlagerstar, und man darf sich ruhig die Frage stellen, wo da eigentlich die Überraschung liegt. Zuletzt schien sich Götze ja nicht mehr zurechtzufinden in seiner Fußballerkarriere, die einfach nicht aufhören wollte, verwirrende Wendungen zu nehmen und ihn zwischen Anspruch und Wirklichkeit von einer Sackgasse in die nächste trieb. Kürzlich, nach seinem Abschied aus Dortmund, hat er gar 100 Minuten lang mit dem sehr intensiven Trainer Bruno Labbadia telefoniert, um herauszufinden, ob ein Engagement beim Bundesligisten Hertha BSC Sinn macht – andere Fußballer haben schon wegen geringeren Anstrengungen die Laufbahn beendet und etwas gänzlich Neues angefangen.

Und damit zur Überraschung: Ja, es stimmt, Mario Götze tritt in die Fußstapfen von Jack White, aber nein, seine Fußballkarriere beendet er nicht, und mit der Musik fängt er glücklicherweise auch nicht an. Jack White verfügt nämlich auch über respektable Fußstapfen im Profisport. Unter seinem echten Namen Horst Nußbaum heuerte er 1965 als erster deutscher Kicker beim niederländischen Spitzenklub PSV Eindhoven an – dort also, wo Mario Götze, 28 Jahre alt, nun als vorerst letzter Deutscher sehr unerwartet einen Zweijahresvertrag unterschrieben hat.

Im neuen roten Trikot: Mario Götze.

In einem beigen Mantel, der Jack White durchaus zur Ehre gereicht, gab Götze im PSV-Stadion noch am späten Dienstagabend sein erstes Interview. „Es ist sehr überraschend, dass es so gekommen ist. Ich bin sehr glücklich, hier zu sein und ich freue mich auf die Reise“, sagte der Siegtorschütze aus dem WM-Finale 2014: „Ich fühle mich hier sehr willkommen und geschätzt, das ist eine gute Sache für einen Spieler.“ Bei PSV trifft er auf den deutschen Trainer Roger Schmidt, der ebenfalls erst in diesem Sommer beim 24-maligen niederländischen Meister anheuerte, und die Landsmänner Philipp Max, Lars Unnerstall, Timo Baumgartl, Vincent Müller und Adrian Fein, der kurzfristig vom FC Bayern ausgeliehen wurde.

Doch Weltstar Götze überstrahlt sie natürlich alle. „Super-Stunt met Super-Mario“, titelte die Zeitung „De Telegraaf“ aufgeregt, was keiner Übersetzung bedarf. „Wir sind sehr stolz“, ließ sich PSV-Sportdirektor John de Jong zitieren und bezeichnete den Neuzugang als „Geschenk des Himmels“: „Mario war sofort interessiert, nachdem unser Cheftrainer Roger Schmidt Kontakt mit ihm aufgenommen hatte.“ Götze bestätigte, dass Schmidt, in der Bundesliga von 2014 bis 2017 Coach von Bayer Leverkusen und zuletzt zwei Jahre in China bei Beijing Guoan, ein entscheidender Faktor bei seiner Entscheidung war: „Wir hatten netten Gespräche.“

Dabei scheinen Schmidt und Götze fußballerisch auf den ersten Blick nicht zusammenzupassen. In Deutschland machte sich der 53-jährige als Verfechter eines gnadenlosen Pressing- und Hochgeschwindigkeitsfußballs einen Namen, während der zarte Techniker Götze genau von derartigen Entwicklungen aus seiner Karriere gedrängt zu werden drohte. Doch Menschen, die ihn in seiner Zeit in China regelmäßig beobachteten, sprechen von einem Wandel im Trainer Schmidt und im Menschen Schmidt. Er ist jetzt offenbar nicht mehr der Pressingdogmatiker aus Leverkusener Tagen, denkt pragmatischer, lässt variabler spielen, und auch sein in Deutschland verfestigtes Image als unnahbarer, bisweilen arroganter Besserwisser hat das China-Abenteuer – von Schmidt in einem im Mai erschienen Buch festgehalten – nicht überlebt. Als er trotz anhaltenden Erfolgs in Peking umgehend entlassen wurde, als er in Erwägung zog, seinen auslaufenden Vertrag nicht zu verlängern, feierten ihn beim Abschied am Flughafen hunderte Fans. Schmidt weinte.

Mario Götze ist sich jedenfalls sicher: „Roger Schmidt, das Team, das passt. Ich bin am richtigen Ort, um meinen Fußball spielen zu können. Ich will dem Team helfen zu wachsen.“ Viel zu lange schien er ja niemandem so recht helfen zu können, weder sich und seinem Fußball noch dem Team, ob es Bayern München hieß oder Deutsche Nationalmannschaft oder Borussia Dortmund, wo ihn zuletzt links und rechts die 17-Jährigen überholten. Über die Rolle des sogenannten Edelreservisten kam Götze beim BVB unter Trainer Lucien Favre nie hinaus, wobei er am Ende gar ein so edler Reservist war, dass er nicht einmal mehr eingewechselt wurde.

In Eindhoven wird er von Anfang spielen, vermutlich immer, ganz sicher aber öfter als Horst Nußbaum alias Jack White in den Sechzigern, der nach einer Saison und zwei Einsätzen Eindhoven wieder verließ, man könnte fast sagen: sang- und klanglos.

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