+
Der Teilzeitchef: Marcus Sorg vertritt den kranken Bundestrainer Löw.

Nationalmannschaft

Marcus Sorg: Bundestrainer für acht Tage

  • schließen

Wie Marcus Sorg seine Rolle als Ersatzmann für Joachim Löw interpretiert und wer das letzte Wort bei der Aufstellung hat.

Es hat in der wechselvollen Geschichte des Fußballs schon mehrfach verletzte oder erkrankte Trainer gegeben. Meistens wegen hartnäckiger Rückenleiden (der Freiburger Christian Streich musste darum neulich mal ein wenig länger pausieren) oder handelsüblicher Grippeerkrankungen (der Dortmunder Lucien Favre fiel deshalb kurz aus). Es gibt aber auch schlimmere Fallbeispiele. Kuno Klötzer, seinerzeit in Diensten des SV Werder Bremen, verunglückte im Februar 1981 auf spiegelglatter Fahrbahn der B 214 zwischen Celle und Braunschweig und zog sich Rippenbrüche, Platzwunden und eine böse Gehirnerschütterung zu. Klötzer, schon nicht mehr der Jüngste damals, sollte übergangsweise durch Otto Rehhagel vertreten werden. Der Interimstrainer machte seinen Job dann aber derart gut, dass Werder den armen Kuno Klötzer nicht mehr zurückwollte und den Vertrag auflöste.

Marcus Sorg ohne Ambitionen auf das Amt des Cheftrainers

Ein ähnlich betrübliches Schicksal dürfte Joachim Löw erspart bleiben. Auch wenn es den wegen einer Arterienquetschung unfreiwillig in Freiburg in der Klinik weilenden Bundestrainer doch recht arg getroffen hat, wenn auch nicht ganz so arg wie einst Kuno Klötzer. Von Löw weiß man, dass er sich nur allzu gerne in der Muckibude aufhält, vor allem, um seinen sichtbar gewachsenen Brustkorb zu stählen. Dabei soll ihm im Mai eine Hantel auf den Oberkörper geplumpst sein. In der Folge kam es zu Durchblutungsstörungen. Löw ist deshalb gerade unpässlich und wird in der Vorbereitung auf die beiden EM-Qualifikationsspiele in Weißrussland (Samstag, 20.45 Uhr) und Estland (nächsten Dienstag, 20.45 Uhr) durch seinen Assistenten Marcus Sorg vertreten.

Sorg, Heiligabend 1965 geboren, hegt glaubhaft keinerlei hinterlistige Absichten, Löw in den Status des Ex-Bundestrainers zu befördern. „Da braucht sich der Jogi keine Sorgen zu machen“, sagt er lächelnd. Er sehe sich auch in diesen ungewohnten Tagen „selbstverständlich nicht als Bundestrainer“, sondern als Assistent, der vor allem versuchen will, „sauber zu trainieren“.

In den Telefonkonferenzen mit Löw, die jeden Tag stattfinden, habe der Chef das „letzte Wort“, wie Sorg unterstreicht, auch bei der Aufstellung. Im weißrussischen Borissow vor Ort muss dann aber Marcus Sorg entscheiden. Er wähnt sich auch deshalb gut vorbereitet, weil das erste U19-Länderspiel unter seiner Verantwortung genau dort stattfand – und mit 2:1 gewonnen wurde.

Dass Sorg fünfeinhalb Jahre später nicht auf dicke Hose macht, demonstrierte er beim ersten Training unter seiner Regie auf der heimeligen Sportanlage des niederländischen Erstligisten VVV Venlo eindrucksvoll. Jedenfalls war er sich da nicht zu schade, gemeinsam mit Torwarttrainer Andreas Köpke und zwei weiteren Betreuern beim Tortragen mit anzupacken, eine Tätigkeit, die Joachim Löw dann doch lieber zu delegieren pflegt, um sich persönlicher Ballarbeit zu widmen.

Erfolgstrainer im Jugendbereich

Marcus Sorg, der als Sturmtalent beim VfB Stuttgart in sechs Jahren nicht an Fritz Walter und Jürgen Klinsmann vorbeikam, mangelt es sicher nicht am Selbstvertrauen, „ich bin seit 20 Jahren Trainer und gewohnt, vor einer Gruppe zu sprechen und Inhalte zu transportieren“. Es wäre aber übertrieben zu behaupten, beim 53-Jährigen handele es sich um einen puren Erfolgstrainer. Nun ja, mit der zweiten Mannschaft der Stuttgarter Kickers stieg er mal in die Oberliga Baden-Württemberg auf, später gelang ihm mit der TSF Ditzingen der Klassenerhalt, mit den Freiburger Amateuren schaffte er auf Platz drei, ehe er seinem Nachfolger und damaligen Assistenten Christian Streich unfreiwillig den Weg ebnete. Denn als Chefcoach des SC Freiburg holte Sorg 2011 in 17 Spielen der Hinrunde lediglich 13 Zähler. Das ist eine überaus dürftige Ausbeute. Entsprechend wurde er noch im Dezember entlassen. 

Lesen Sie auch: Gespräche, Training, Schulung - Sorg präpariert DFB-Team

Die DFB-Karriere des ehemaligen Zweitliga-Stürmers gründete dann als Erfolgstrainer auf der Europameisterschaft mit der U19-Nationalmannschaft 2014. Zwei Jahre darauf holte Löw den ihm auch aus guten alten Freiburger Zeiten gut bekannten diplomierten Ingenieur der Bauphysik als zweiten Assistenten neben Thomas Schneider zur A-Nationalmannschaft. Bald stellte sich heraus, dass Sorg dort auch dank seines lockeren, kommunikativen Naturells und seiner ausgewiesenen Teamfähigkeit gut eingesetzt war. Nach der desaströsen WM 2018 in Russland musste deshalb auch nicht Marcus Sorg den trauten Kreis umgehend verlassen, sondern Thomas Schneider, der bloß noch chefscouten darf und selbst jetzt, da Löw verletzt ausfällt, nicht zurück zur Mannschaft kehrt.

Sorg, anfangs Beobachter von der Tribüne und per Headset mit der Bank verbunden, ist in der internen Hierarchie also aufgerückt. Sein Verhältnis zu Löw sei dadurch noch enger und vertrauensvoller geworden, sagt der gebürtige Ulmer mit seinem typischen schwäbischen Idiom. Auch im Umgang mit den Medien hat sich Sorg als recht gelassener und kundiger Gesprächspartner erwiesen, der sich zudem traut, bei Bedarf Hintergründe zu erklären, ohne sich dabei unnötig wegzuducken.

Der echte Bundestrainer, Joachim Löw, seinerseits befindet sich nun in der wenig komfortablen Situation, dass er seine Mannschaft binnen zehn Monaten nur zweimal eine gute Woche lang gesehen hat: im November 2018 beim Aus in der Nations League sowie im März 2019 beim 3:2-Sieg in den Niederlanden – und dann erst wieder im September 2019 vor dem Rückspiel gegen die Niederlande in Hamburg. Am Telefon höre sich der Bundestrainer aus dem Krankenbett heraus „entspannt und ruhig“ an, berichtet Manager Oliver Bierhoff. Der treue Marcus Sorg wird es schon richten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare