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„Der Kampf zum Schutz benachteiligter Kinder ist noch lange nicht vorbei“, sagt Manchester-United-Profi Marcus Rashford.

Einsatz gegen Kinderarmut

Marcus Rashford beschämt die britische Regierung

  • Daniel Schmitt
    vonDaniel Schmitt
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Nationalspieler Marcus Rashford kümmert sich vorbildlich um hungrige Kinder in England und beschämt damit die britische Regierung.

Wer den Menschen Marcus Rashford besser verstehen will, der sollte durch Wythenshawe schlendern. Nicht weil es im südlichen Stadtteil von Manchester besonders behaglich ist, ganz im Gegenteil, unweit des Flughafens geht es rau zu. Große Wohnkomplexe mit kleinen Sozialbuden, viele Menschen mit wenig Perspektive. Ein dunkler Schatten stülpt sich hier über die Häuser, auch tagsüber, was nicht nur ungemütlichen britischen Inselwetter liegt. Die versteckten Ecken in den Gassen sind dreckig, kaum minder auch die Hauptstraßen. Drogendealer versuchen erst gar nicht, sich zu verstecken. Nein, Wythenshawe ist nicht schön, doch es hat Marcus Rashford zu dem gemacht, was er heute ist: ein erfolgreicher Fußballprofi, der sich kümmert. Kümmert um seine Familie und Freunde, seine Mitmenschen, vor allem um hungrige Kinder.

Während der coronabedingten Schließungen von rund 32 000 Schulen im Frühjahr waren bedürftige Familien mit Gutscheinen und Essenspaketen unterstützt worden. Eine Ausweitung des Hilfsprogramms auf die Sommerferien lehnte die Regierung um Premierminister Boris Johnson jedoch ab – bis sich Marcus Rashford öffentlichkeitswirksam zu Wort meldete. Er schrieb einen offenen Brief an die Mächtigen des Landes, einen, der zwar keine unbekannten Themen beleuchtete, der in jeder Zeile aber den Finger tief und schmerzhaft in die Wunde drückte. Besorgt und emotional teilte da ein junger Mann mit, was ihn bewegt, wie es sich anfühlt, morgens noch nicht zu wissen, was es mittags oder abends zu essen gibt – wenn überhaupt. Marcus Rashford hat das selbst erlebt, früher als Kind in Wythenshawe.

„Im Jahr 2020 sollte kein Kind in Großbritannien hungrig ins Bett gehen“, schrieb Rashford also: „Lassen Sie uns die Arme umeinander legen und zusammenstehen, um zu sagen, dass das inakzeptabel ist.“ Boris Johnson willigte ein, die Abgeordneten willigten ein, Gutscheine in Höhe von 15 Pfund pro Kind und Woche wurden an bedürftige Schülerinnen und Schüler verteilt, auch in den Sommerferien. Schon vorher waren auf Betreiben Rashfords etwa 20 Millionen Pfund (22 Millionen Euro) an Spenden für Bedürftige zusammengekommen.

39-facher Nationalspieler Englands: Marcus Rashford.

Die University of Manchester verlieh Rashford für dessen Engagement daraufhin die Ehrendoktorwürde, eine Auszeichnung, die so jung noch niemand erhalten hatte. Queen Elisabeth II. ernannte den 22-Jährigen zudem zum Member of the Order of the British Empire, die fünfthöchste Ehrenbekundung im Vereinigten Königreich. „Ich fühle mich unglaublich demütig. Als junger dunkelhäutiger Mann aus Wythenshawe hätte ich nie gedacht, dass ich so etwas jemals erreichen würde“, sagte Rashford und mahnte sogleich: „Der Kampf zum Schutz benachteiligter Kinder ist noch lange nicht vorbei.“

Marcus Rashford, der in drei Tagen 23 Jahre alt wird, kennt dieses Leid aus eigener Erfahrung. Seine Mutter Melanie, eine Kassiererin und fromme Christin, zog ihn und seine vier Geschwister Chantelle, Dwaine, Claire und Dane alleine auf, sie war immer da, wenn es Probleme gab, vermittelte ihrem Nachwuchs, worauf es ankommt. Ehrlichkeit, Miteinander, Offenheit. Zu Vater Robert riss der Kontakt nahezu ab. Geld hatte die Familie wenig, Einkäufe erledigte Mutter Melanie häufig bei Poundworld, einem Laden, in dem die meisten Produkte für ein Pfund erhältlich sind. „Da haben wir für eine Woche sieben Joghurts bekommen, Du konntest jeden Tag einen essen“, erzählte Marcus Rashford einmal: „Es ist doch verrückt, dass das immer noch so ist. Wir haben 2020. Und ich denke einfach, das sollte nicht mehr passieren.“

Marcus Rashford organisiert Hilfe

Tatsächlich gibt es in England mehr als 1,3 Millionen Kinder, die kostenlose Schulmahlzeiten erhalten können – das entspricht etwa 15 Prozent aller staatlichen Schulkinder. Als sich die britischen Abgeordneten vergangene Woche mit 322 zu 261 Stimmen dennoch gegen die Fortführung des Projekts auch in den Ferien entschlossen, twitterte Marcus Rashford empört: „Eine beträchtliche Anzahl von Kindern geht heute Abend nicht nur hungrig zu Bett, sondern hat auch das Gefühl, keine Rolle zu spielen.“ Anschließend bat er in den Sozialen Netzwerken um Unterstützung, organisierte kurzerhand selbst, dass Cafés und Restaurants einsprangen. Gestern postete er zigfach Zuschriften von helfenden Sponsoren, darunter kleine Läden und große Ketten.

Nicht nur unter der Stadtteilbeschilderung von Wythenshawe steht in diesen Tagen geschrieben: „Rashford 1 – Johnson 0“, auch etliche Medien lassen den Fußballer über ihre Titelseiten strahlen. Es ist gewiss nicht so, dass sich die britische Regierung keine Gedanken um Kinderarmut machen würde, für Rashford, den Jungen aus der schwierigen Vorstadt, der heute Abend (21 Uhr) in der Champions League mit Manchester United gegen RB Leipzig antritt, jedoch längst nicht genug.

Marcus Rashford: Mehr als zehn Millionen Euro Gehalt

Bereits im Alter von sieben Jahren schloss sich Rashford der Jugendakademie des englischen Traditionsklubs an, er war schon immer größer, schneller und besser als die meisten seiner Mitspieler. Rashford, damals noch Schüler, debütierte mit 18 Jahren und 117 Tagen bei den Profis von United, er erzielte binnen drei Tagen in seinem ersten Europapokal- sowie im ersten Premier-League-Spiel je zwei Tore. Mittlerweile kommt er auf 222 Einsätze (71 Tore) in der englischen Eliteliga sowie 39 Länderspiele (elf Tore) für die Nationalmannschaft. Seine Ablösesumme soll sich auf 80 Millionen Euro belaufen, an Gehalt kassiert er mehr als zehn Millionen Euro im Jahr. Kurzum: Marcus Rashford hat es geschafft.

Dass ihm all das Geld, auch der sportliche Erfolg zu Kopf gestiegen wäre, lässt sich unumwunden verneinen. Natürlich: Er hat sich mittlerweile selbst ein nettes Häuschen mit vier Schlafzimmern gekauft, auch seine Mutter bekam ein eigenes Heim. Vergessen, wo er herkommt, hat Marcus Rashford aber nie.

Schon vor einem knappen Jahr im Herbst 2019 als die Pandemie noch nicht wütete, startete er mit seiner Mutter eine Geschenkaktion für Obdachlose, er brachte Kisten zu den Bedürftigen und sandte einzelne auch in die Heimat seiner Oma, nach St. Kitts in der Karibik. Er war Juror eines Gedichtwettbewerbs an einer Gehörlosenschule und lernte dafür ansatzweise auch Gebärdensprache. Er kniete aus Solidarität zur „Black-Lives-Matter“-Bewegung nieder, er gab in der Corona-Pause virtuelle Sportkurse für Kinder, er versteigerte seine Kickschuhe für den guten Zweck. Alles aus einem übergeordneten Grund: „Es geht um Menschlichkeit.“ Eigentlich ganz einfach.

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