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Selfie mit Star: Marco Reus (rechts) mit Fans in Aachen.

Nationalmannschaft

Marco Reus, der Tempomacher

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Marco Reus kann alles, was den Fußball der Zukunft ausmachen soll.

Es waren zwei Tore, wie sie sich der daheim vorm Fernsehapparat zusehende Bundestrainer Joachim Löw idealtypisch nicht besser hätte ausmalen können. 20 000 Besucher beim öffentlichen Training der deutschen Fußball-Nationalmannschaft auf dem Aachener Tivoli klatschten anerkennend Beifall. Marco Reus hatte im Trainingsspiel weiß gegen grün doppelt getroffen. Einmal nach einem feinfühlig durch die Mitte inszenierten Angriff, als er den Ball geschickt und technisch anspruchsvoll mit der Brust mitnahm und zum 1:0 traf, ein zweites Mal nach einem Konter, als er in höchstem Tempo aus dem Mittelfeld nach vorne stach und direkt verwandelte. Genau dieses Tempo und diese Technik des 30-Jährigen sollen dem deutschen Spiel auch beim EM-Qualifier am Samstagabend (20.45 Uhr, RTL) im weißrussischen Borissow zu Dynamik und Unvorhersehbarkeit verhelfen.

Dynamik und Unvorhersehbarkeit hatten auch Marco Reus bei seinen Einsätzen vergangenen Sommer in Russland gefehlt, die insgesamt als missglückt bewertet werden müssen. Gerade im entscheidenden Vorrundenspiel gegen Südkorea (0:2) war er unsichtbar geblieben, zu einem Zeitpunkt, als es drauf angekommen wäre. Das machte die WM 2018 zum besonderen persönlichen Ärgernis, denn Reus hatte den WM-Triumph 2014 in Brasilien (Syndesmosebandriss) ebenso verletzt verpasst wie die Europameisterschaft 2016 (Schambeinentzündung), den Confed-Cup 2017 (Kreuzbandriss) und war beim EM-Aus 2012 im Halbfinale gegen Italien nicht von Beginn an berücksichtigt worden. Es gibt also noch einiges anzustreben für den Dortmunder.

Marco Reus: Sichtlich gereift

Mittlerweile ist er nach der Verabschiedung der Fahrensmänner Khedira, Hummels, Müller, Boateng, Gomez der älteste Feldspieler, wiewohl er erst 39 Länderspiele absolviert hat, eins weniger als der sechs Jahre jüngere Joshua Kimmich, zehn weniger als der fünf Jahre jüngere Julian Draxler und weniger als halb so viele wie der drei Jahre ältere Manuel Neuer. „Es hätten deutlich mehr sein müssen. Wenn du hier einer der Ältesten bist, im Klub der Spielführer bist, dann musst du auch in der Nationalelf vorangehen und die Jungen mitziehen“, hat der flinke Offensivmann gerade erst in einem Interview des Fachblatts „Kicker“ gesagt.

Tatsächlich wirkt der einst so scheue Bursche, dessen Ein-Satz-Antworten bei Journalisten gefürchtet waren, inzwischen reifer, umgänglicher und meinungsfreudiger. So traute er sich beispielsweise dieser Tage, die Ansetzungen der aktuellen Länderspiele zu kritisieren: „Ich finde die Termine sehr unpassend. Viele von uns standen am 18. Mai zuletzt in einem Pflichtspiel auf dem Platz. Seitdem müssen wir einerseits regenerieren, dürfen andererseits aber auch die Fitness nicht vernachlässigen. Das ist sowohl für den Kopf als auch den Körper extrem schwierig.“

So einer hat auch den Nebenleuten mehr zu sagen, weil er gelernt hat, sich nicht nur mit seinem Spiel zu beschäftigen, sondern das große Ganze im Blick zu haben. Und doch fühlt er sich „vom Naturell her noch deutlich jünger“, es fühle sich „skurril an, dass ich jetzt zu den Ältesten gehöre“. Nach lediglich 335 Einsatzminuten bei großen Turnieren.

Reus weiß um seinen Wert

Auf seine Gesundheit konnte sich „Speedy“ Reus in der vergangenen Saison zwar gut verlassen, für Borussia Dortmund absolvierte er 36 Pflichtspiele in Bundesliga, Pokal und Champions League, erzielte 21 Treffer und legte 13 auf und wurde von den Ligakollegen zum „Spieler der Saison“ erkoren. Als die Nationalmannschaft aber im März in den Niederlanden die ersten drei EM-Qualifikationspunkte einholte, war er wegen Muskelbeschwerden mal wieder nicht ganz auf der Höhe und konnte deshalb nicht in der Startelf stehen. Er bleibt vermutlich auch künftig unfreiwillig ein Mann, auf den ein Bundestrainer nicht beharrlich setzen kann.

Dabei wäre Reus genau der Richtige, der in seiner typischen Art des mutigen Dribblings mit offener Körperhaltung, seiner Pass- und Flankenqualität und seinen Tiefenläufen die spezifische Spielweise prägen könnte, die Löw mit seiner Mannschaft entwickeln will. Reus weiß um seinen Wert: „Es geht darum permanent zu rochieren und den Gegner vor Aufgaben zu stellen. Das liegt mir.“ In Weißrussland dürfte der Tempomacher, der es auf eine Höchstgeschwindigkeit von 34,54 Stundenkilometern bringt, gemeinsam mit Leroy Sané (Toptempo 35.48 km/h) und Serge Gnabry (34,72), eine der schnellsten deutschen Sturmreihen aller bisherigen Zeiten bilden. Löw sieht das mit ein wenig Verspätung als Basis dafür an, wieder zurück in die Weltspitze zu finden.

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