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„Ich denke, er ist momentan der beste Spieler der Bundesliga“, sgt Luka Jovic über Marco Reus (r.).

Marco Reus

Reus legt die Tarnkappe ab

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Der gereifte Offensivmann zeigt sich – auf und neben dem Platz.

Unten drin in den Bäuchen der Fußballstadien haben viele Jahre lang Männer wie Thomas Müller, Mats Hummels und, ja, auch Jerome Boateng die Tonalität gesetzt, wenn es um die sportliche und manchmal sogar die sportpolitische Einordnung von Länderspielen ging. Auch diese Lücke müssen nun andere schließen. Die Hierarchie von Fußballmannschaften erkennt man in der Mixed Zone, dort, wo Spieler und Medien vor der Abfahrt des Mannschaftsbusses aufeinandertreffen, oft besser als auf dem Platz. Es ist eine Bühne auf Augenhöhe.

Marco Reus hat dort am Mittwochabend die Rolle des Hauptdarstellers eingenommen. Es sah genauso wie die pure Selbstverständlichkeit aus wie zuvor der Zweite-Halbzeit-Auftritt des 29-Jährigen. Bezeichnend, dass Serbiens Shootingstar Luka Jovic analysierte: „Reus’ Einwechslung hat uns aus dem Tritt gebracht. Ich denke, er ist momentan der beste Spieler der Bundesliga.“ Eigentlich, verriet Reus, hatte er zur Schonung erst viel später eingewechselt werden sollen, aber weil es 45 Minuten lang furchtbar geknarzt, gezuckelt und geruckelt hatte im neuen Mannschaftsgetriebe, musste der Offensivmann eher als geplant zur Sache gehen.

Der Dortmunder ist eigentlich von Haus aus ein zurückhaltender Geselle. Auf dem Platz kommt ihm das sogar entgegen, er fühlt sich wohl in geheimen Zwischenräumen, aus denen er im Turbotempo herausrennt und oft zur bösen Überraschung für die Gegner wird. Im Profileben musste der werdende Vater erst lernen, auch außerhalb der Kreidelinien seine angeborene Scheu abzulegen und sein Profil zu stärken. Inzwischen weicht Marco Reus keinem Blick mehr aus, seine Antworten hören nicht nach einem Halbsatz auf oder laufen ins Leere. „Marco ist sicher reifer geworden“, hat Bundestrainer Joachim Löw festgestellt und das nach dem 1:1 gegen Serbien ausdrücklich geäußert, „er übernimmt mehr Verantwortung. Es hilft ihm, als Kapitän in Dortmund aufzulaufen. Das prägt einen Spieler, weil er Sprachrohr der Mannschaft ist. Er hat einen menschlichen Prozess durchlaufen.“

Dazu gehört neben einer klaren Spielidee – nicht nur Mitspieler Ilkay Gündogan findet, Reus habe „das Gefühl dafür, die richtigen Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt zu treffen“ – auch die klare Analyse. Beides liefert Reus seit geraumer Zeit in recht beeindruckender Präzision, und wenig überraschend auch nach dem zwiespältigen fußballerischen Vortrag gegen Serbien: „Das war zu wenig, auch wenn es in der zweiten Halbzeit besser geworden ist. Wir sind immer noch Deutschland, und unser Anspruch muss sein, so ein Spiel zu gewinnen.“ Er erwarte am Sonntagabend gegen die Niederlande eine „andere Körpersprache“.

Reus der älteste Feldspieler

Das, was mit der Nationalmannschaft gerade geschieht, empfindet er als „Bruch“, in dessen Folge Abstimmungsprobleme eine zwar erwartbare Folge seien, die jedoch keinen Aufschub duldeten: „Wir wissen, dass wir noch viel zu verbessern haben, und wir wissen auch, dass die Zeit nicht stehen bleibt und wir Sonntag ein schweres Spiel vor der Brust haben.“ Es gibt keinen Zweifel, dass er in Amsterdam von Beginn an dabei sein wird, es sei denn, die bald erwartete Geburt käme dazwischen. Eine Sensation wäre das nicht. Es ist schon oft und viel dazwischengekommen in der komplizierten Karriere des Tempodribblers. Aber es waren immer unvergleichbar unangenehmere Anlässe als die bereits weit fortgeschrittene Schwangerschaft seiner Freundin Scarlett Gartmann.

Marco Reus ist der letzte Feldspieler, der es von den vor 1990 Geborenen noch hinübergeschafft hat ins neue Fußball-Deutschland, neben Torwart Manuel Neuer der letzte Mohikaner der 1980er-Generation. Alle anderen sind weg. Seine leidige Verletzungshistorie, die ihn unter anderem den WM-Titel 2014 kostete, macht ihn mit bislang nur 38 Einsätzen fürs Land zu einem noch immer unverbrauchten Nationalspieler. Zudem erfüllt er nach wie vor die Tempovorgaben des Bundestrainers. Aber bei der WM 2018 hat er insgesamt genauso tief enttäuscht wie alle anderen. In Russland war er in entscheidenden Momenten ein Mann mit Tarnkappe, auch in der Teamhierarchie. Er weiß, dass er jetzt liefern muss – oder am Ende eine Fußnote der DFB-Geschichte bleibt.

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