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Zielwasser? Marco Reus erfrischt sich.

Marco Reus beim DFB

Furchtlos in den Klassiker

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Für Marco Reus ist die Nationalelf der Ort der verpassten Chancen. Nun will der 30-Jährige mit Blick auf die EM 2020 endlich eine tragende Rolle einnehmen - und im Spiel gegen Holland anfangen.

Um Fußballer in Bewegung zu bringen, sind die verschiedensten Varianten denkbar. Wenn Laufübungen gleich noch die Laune heben, ist alles bestens. Bei der deutschen Nationalmannschaft haben sich die Spieler am Mittwoch zum Aufwärmen gegenseitig bunte Hütchen überreicht, ehe es nach einem Signal galt, sich gruppenweise an einer Stange zu sammeln. Wer als letzte Gruppe zusammenfand, machte gleich mal einige Liegestütze. Schallendes Gelächter tönte durchs Millerntor-Stadion im Hamburger Stadtteil St. Pauli, als Neuling Luca Waldschmidt die verkehrten Laufwege einschlug. Marco Reus hatte hingegen den Bogen raus. Ihm blieben die strafenden Kräftigungsübungen erspart. Sich instinktsicher und schnell in den richtigen Räumen zu bewegen, wird die Herausforderung für das EM-Qualifikationsspiel Deutschland gegen die Niederlande im ausverkauften Volksparkstadion (Freitag 20.45 Uhr/RTL).

„Das sind große Spiele. Das ist ein Klassiker. Da steht man auf dem Platz und denkt, geil. Es gibt nichts Schöneres“, sagte Reus, der auf der Pressekonferenz sogar von weltweiter Vorfreude der Fans erzählte. Beim gebürtigen Dortmunder reichen die Erinnerungen zwar nicht bis zur EM 1988 zurück, als die deutsch-holländische Rivalität einen unschönen Höhepunkt erreichte – da war der 30-Jährige nämlich noch gar nicht geboren – aber ihm genügt es schon, sich ein Freundschaftsspiel aus 2011 ins Gedächtnis zu rufen. Ein 3:0 im Hamburger Volksparkstadion nach teils bärenstarker Leistung. Darf sich aus deutscher Sicht gerne wiederholen.

Ohnehin hat sich der Kapitän von Borussia Dortmund für diese Saison viel vorgenommen. Im Verein sowieso, aber auch im Nationalteam: 41 Länderspiele (13 Tore) sind für einen Kicker seiner Güteklasse viel zu wenig, aber was sollte der Blondschopf bei seiner Verletzungsgeschichte machen? Gerade kann er mit dem einen Kreuzbandriss auskurierenden Tempodribbler Leroy Sané mitfühlen: „Ich hatte fast dieselbe Verletzung. Es wird ein langer Weg für ihn, aber er kommt hoffentlich stärker zurück.“

Auch Reus hat die vielen Zwangspausen zu einem Reifeprozess genutzt, ohne den ihn kaum zum zweiten Male nach 2012 die Auszeichnung zu Deutschlands Fußballer des Jahres erreicht hätte. Der Kapitän von Borussia Dortmund war mit 17 Bundesliga-Toren und zwölf Vorlagen eine Leitfigur. Was bei ihm immer noch fehlt, ist ein Fußabdruck mit der DFB-Auswahl auf einer WM- oder EM-Bühne. Wenn er sich nicht wie kurz vor der WM 2014 oder EM 2016 verletzte, bekam er wenig Vertrauen (EM 2012) oder ging im Negativsog unter (WM 2018).

Die paneuropäische EM 2020 sei für ihn etwas sehr Wichtiges, erklärte der Offensivkünstler nun. „Ich möchte mit 32, 33 einem Turnier den Stempel aufdrücken – so viel kommt bei mir nicht mehr, deshalb möchte ich noch mehr geben fürs Land.“ Seine Aufgabe sei dieselbe wie im Verein: „Ich will den Jungen zu helfen.“ Als Anführer, der mit Leistung vorangeht. Grundsätzlich betrachtet Reus den eingeleiteten Prozess positiv: „Es ist frischer Wind reingekommen. Die jungen Spieler bringen uns auf Strecke weiter.“ Nur sei die Mannschaft noch längst nicht da, „wo wir hinwollen, es werden noch ein paar Tiefen dazukommen.“

Nur persönliche Rückschläge braucht das Stehaufmännchen nicht mehr. Der Auftakt in die EM-Qualifikation in den Niederlanden (3:2) belegte im März einmal mehr, auf welch schmalem Grat der Spieler wandelt. Wegen muskulärer Beschwerden entschied Reus gemeinsam mit Bundestrainer Joachim Löw, in Amsterdam nicht von Beginn an aufzulaufen. „Das hat sehr, sehr wehgetan.“ Damals schafften es Sané und Serge Gnabry in einem gut harmonierenden Doppelsturm, sogar dem Abwehrriesen Virgil van Dijk ein, zwei Knoten in die langen Beine zu spielen.

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Anders als in München, wo am Ende alle Bälle zum Mittelstürmer Robert Lewandowski gehen, sieht Reus‘ Sturmkollege Gnabry in den Freiheiten für die Angriffsreihe beim Nationalteam durchaus einen Vorteil. „Bei den Bayern spiele ich eher am Flügel, hier eher in der Mitte. Es sind zwei verschiedene System, beide machen Spaß. Hauptsache, sie bereiten dem Gegner Probleme.“ Als die Niederländer damals aber einen 0:2-Rückstand aufgeholt hatten, kam Reus doch noch in die Partie – und bereitete prompt den späten Siegtreffer von Nico Schulz vor. Für seinen neuen Dortmunder Vereinskollegen ist das übrigens der bislang „schönste Moment meiner Karriere“. Es wird eine spannende Frage, ob Löw morgen auf eine Dreier- oder Vierer-Abwehrkette und einen Zweier- oder Dreiersturm setzt. Viele Varianten sind denkbar. Nicht nur beim Aufwärmen.

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