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Marc Ziegler: „Als junger Torhüter ist es wichtig, nicht in Euro gut bezahlt zu werden, sondern in Spielzeiten“

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Von: Frank Hellmann

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Die spektakulärste und wichtigste Parade der WM: Argentiniens Torhüter Emiliano Martinez rettet gegen Frankreichs Stürmer Randal Kolo Muani.
Die spektakulärste und wichtigste Parade der WM: Argentiniens Torhüter Emiliano Martinez rettet gegen Frankreichs Stürmer Randal Kolo Muani. © Matthias Koch/Imago

DFB-Torwartkoordinator Marc Ziegler über die Zeit nach Manuel Neuer, die Situation der deutschen Torhüter, die Schwierigkeiten der Talente und was ihm beim besten WM-Keeper Emiliano Martinez gut und was ihm gar nicht gefallen hat

Sie waren gerade im Wintertrainingslager der deutschen U 16- und U 17-Auswahl und haben sich wieder mit um die Ausbildung der deutschen Torhüter gekümmert. Durch den Ausfall von Manuel Neuer wird der Blick auf diese Position gelenkt, denn hinter seinen Vertretern Marc-André ter Stegen und Kevin Trapp drängt kein jüngerer Keeper nach. Wie sehen Sie das?

Deutschland ist eine sehr traditionsreiche Nation im Torwartspiel, und diesen Status haben wir momentan auch noch. Manuel Neuer wird von diesen beiden internationalen Toptorhütern hervorragend vertreten, aber danach müssen wir tatsächlich sehr wachsam sein und unsere Hausaufgaben machen, um unsere Talente – die aus jeden Fall gibt – auf Topniveau zu bringen.

Bei der U 21 waren zuletzt neben Noah Atubolo, den Ersatztorhüter vom SC Freiburg, noch Christian Früchtl von Austria Wien und Nico Mantl von Red Bull Salzburg nominiert, die beide ins Ausland gehen mussten, um zu spielen. Warum tut sich der Nachwuchs so schwer?

Der Wandel von der alten zur neuen Torwart-Generation, die fast wie ein Feldspieler agieren können, war damals eine Riesenzäsur. Neuer oder ter Stegen haben für die Cheftrainer einen Riesenmehrwert generiert, weil mit ihnen als erste Offensivspieler ganz anders Fußball gespielt werden konnte. Jetzt aber können die Jüngeren keinen Faktor aus ihrer Ausbildung vorbringen, den die Älteren nicht auch hätten. Wenn etablierte Torhüter mit ihrer Erfahrung performen, fällt die Wachablösung schwerer.

Also ist mehr Geduld gefragt?

Wir haben ja einige in der Warteschleife: Tjark Ernst ist mit 19 Jahren jetzt bei Hertha BSC die Nummer zwei, Jonas Urbig, der jetzt zu Jahn Regensburg verliehen wird, war es beim 1. FC Köln. Die Jungs müssen Spielpraxis sammeln, um sich weiterzuentwickeln. Früher waren wir es gewohnt, dass unsere jungen Nationaltorhüter international spielen, heute gehen sie teilweise Umwege über die zweite oder dritte Liga, über die U23 oder das Ausland.

Hat Deutschland als Torwartland ausgedient?

Wir hatten Jahrgänge im Jugendbereich, die nicht immer absolute Benchmark in Europa waren, aber nach wie vor gibt es großartige Torwarttalente bei uns. Wir müssen natürlich auch die Vereine dafür sensibilisieren, den Mut aufzubringen, einen jungen deutschen Torhüter aufzustellen. Da gehört auch eine Fehlerkultur dazu. Wenn wir ihnen schon im Jugendbereich das nicht zugestehen, können sie sich nicht verbessern.

Ist der Job bei der jüngeren Generation noch beliebt genug?

Ich glaube, dass die Position immer noch sehr attraktiv ist, aber wir merken auch hier, dass sich das Freizeitprofil der Kinder geändert hat. Der Torwart bekleidet die komplexeste Position, weshalb ich ihn am liebsten bei den athletischen Anforderungen mit einem Zehnkämpfer vergleiche: Bälle halten, Flanken abfangen, Pässe in die Tiefe ablaufen, den Raum verteidigen und am besten noch mit dem Fuß so gut sein wie ein Feldspieler. Das ist ein Komplettpaket – und das können nur echte Bewegungstalente, also motorisch besonders begabte Kinder, aber leider wird die Zeit für Sport, gerade an den Schulen, überall weniger und entsprechend wird die Auslese schwieriger.

Wer könnte denn der nächste Manuel Neuer werden?

Ich möchte keinen Namen sagen, um nicht unnötigen Druck zu erzeugen. Wir haben schon Jahrgänge mit jungen Leute mit extrem großen Potenzial, bei denen die Leistung jetzt schon richtig gut und die Wahrscheinlichkeit hoch ist, das höchste Niveau zu erreichen. Es gehört auch Glück dazu, im richtigen Verein den richtigen Trainer im richtigen Moment zu haben.

So wie einst Neuer beim FC Schalke 04 von Mirko Slomka das Vertrauen bekam. Um einen ähnlichen Spitzentorwart zu entwickeln, ist mal das Projekt „N_28“ aufgelegt worden, wo der Nationaltorwart 2028 gesucht wird. Wie verhält es sich damit?

Wir haben mit diesem Projekt die Ausbildung angeschoben und den Austausch verstärkt. Die Arbeit wird in den Vereinen gemacht – und die wird gut gemacht. Es gibt regionalen Zusammenkünfte mit den Torwarttrainern der Profimannschaften, aber auch der Leistungszentren, zum Beispiel bald wieder in Leverkusen für den Westen. Einmal im Jahr veranstalten wir eine Torwarttrainer-Tagung. Aber der Flaschenhals ist wirklich eng geworden, es kommen nur tropfenweise gute Torhüter raus.

Ist es nicht auch bezeichnend, dass sich der FC Bayern so schwer tut mit der Suche nach einem neuen Torwart und bislang vor allem auf den auch schon 34 Jahre alten Yann Sommer schaut?

Zur Person

Marc Ziegler ist Torwart-Koordinator beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) und wird in der Akademie als „Head of goalkeeping“ geführt, der alle Aktivitäten zum Torwartspiel von der U16 bis zur U21-Nationalmannschaft verantwortet. Der ehemalige Bundesligatorhüter (VfB Stuttgart, Hannover 96, Borussia Dortmund) leitet auch die Ausbildung zum Torwartlehrer der angehenden Torwarttrainer. Der 46-Jährige steht in engem Kontakt mit internationalen Torwartexperten und hat auch bei der WM die Leistungen der Torhüter in Katar analysiert.

Vergessen wir aber nicht, dass sie Alexander Nübel bereits unter Vertrag haben, der ein hervorragender Torhüter ist und auch mit unserer U21 schon auf höchstem Niveau gespielt und sehr gute Leistungen in Monaco gezeigt hat.

Jetzt steht fest, dass Nübel in der Rückrunde nicht zurückkehren und erstmal weiter bei AS Monaco spielen wird. War er denn gut beraten, so früh nach München zu wechseln?

Zu vertraglichen Bedingungen werde ich nichts sagen, aber es ist richtig, dass er auf Spielpraxis drängt. So wie Neuer jedes Spiel machen möchte, braucht auch Nübel viele Spiele für seine Entwicklung. Fast alle internationalen Toptorhüter haben in jungen Jahren im Schnitt bereits 200 Einsätze im Seniorenbereich gehabt. Das gilt national für Oliver Kahn, Manuel Neuer, Marc-André ter Stegen oder Kevin Trapp und international für Iker Casillas, Thibaut Courtois, Jan Oblak oder Hugo Lloris. Und natürlich Gianluigi Donnarumma, der in seinem Alter alle Rekorde sprengt. Das ist Gold wert. Als junger Torhüter ist es wichtig, nicht in Euro gut bezahlt zu werden, sondern in Spielzeiten.

Die Zeiten sind auch vorbei, dass in der Bundesliga gefühlt 15 von 18 Torhütern Deutsche sind. Andere Nationen haben den Wert des Torhüters erkannt und in der Ausbildung aufgeholt, oder?

Die Torhüter im Ausland sind in der Regel jünger und kommen früher zum Einsatz, was natürlich mit dem Niveau der Ligen zusammenhängt. Die Bundesliga gehört weltweit mit England und Spanien zu den drei Topligen. Ich sage nicht, dass ausländische Nachwuchstorhüter unbedingt besser sind – das sehe ich ja bei unseren Länderspielen oder Turnieren. Im Gegenteil.

Sie haben auch bei der WM genau auf die Torhüter geschaut. War es richtig, den Goldenen Handschuh für den besten Schlussmann an den Argentinier Emiliano Martinez zu vergeben?

(überlegt lange). Ich fand einen Hugo Lloris aus Frankreich über die ganze WM konstant. Er hat keine Fehler gemacht und auf allerhöchstem Niveau gespielt – das zeigen die erhobenen Zahlen. Emiliano Martinez ist auch ein sehr guter Torwart, der spektakulärere Aktionen hatte. Und er war auf dem Punkt da, siehe die Parade in letzter Minute gegen Randal Kolo Muani. Lloris war präsent im Raum, sofort da, wenn er gebraucht wurde. Martinez war dominant; immer auf dem Sprung. Diese Bereitschaft, als letzter Zielverteidiger mit absolutem Willen das Tor zu verteidigen, bildete die Benchmark. So wie Donnarumma bei der EM der überragende Keeper nach Zahlen, Daten, Fakten war. Insofern war es keine unverdiente Wahl für Martinez.

Aber die Geste mit dem vor die Hose gehaltenen Goldenen Handschuh hätte er sich besser gespart, oder?

Ganz ehrlich: Mein achtjähriger Sohn hat versucht das kurz nachzumachen, er wollte das nur zeigen, da habe ich ihm gesagt: ‚Wenn du das nur noch einmal machst, bekommst du keine Handschuhe mehr!‘ (lacht) Was die Vorbildfunktion nach einem WM-Finale angeht, war diese Szene alles andere als vorbildlich.

Die Technischen Studiengruppe der Fifa, der Sie auch angehören, hat angedeutet, dass sich das Torwartspiel eher marginal verändert hat.

Es stimmt: Einen neuen Trend, den wir beispielsweise bei der Ausbildung umsetzen müssten, habe ich nicht gesehen. Das Offensivspiel fand ich aufgrund der taktischen Vorgaben sogar ernüchternd. Fast alle Nationen – Ausnahme Spanien und bedingt unsere Mannschaft – sind auf Risikovermeidung gegangen. Unter Druck wurde der Ball sofort lang geschlagen. Da wäre mir ein Mittelweg lieber.

Bei der Wahl zum Fifa-Welttorhüter stehen auf der Liste Álisson Becker (Brasilien), Yassine Bounou (Marokko), Thibaut Courtois (Belgien), Ederson (Brasilien) und eben Emiliano Martínez (Argentinien). Wen würden Sie wählen?

Das sind alles internationale Klassetorhüter, die in sämtlichen Kategorien ganz oben stehen, bei denen Nuancen, vielleicht auch Titel entscheiden. Zum Glück muss ich diese Wahl nicht treffen (lacht).

Interview: Frank Hellmann

DFB-Torwartkoordinator Marc Ziegler.
DFB-Torwartkoordinator Marc Ziegler. © Pressefoto Baumann/Imago

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