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Eine wichtige Parade aus der Vorwoche im Camp Nou: Barcelonas Torwart Marc-André ter Stegen lenkt den Ball mit den Fingerspitzen um den Pfosten.

Marc André ter Stegen

Marc André ter Stegen: „Messi mit Handschuhen“

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Glänzende Leistungen und eine mediale Charmeoffensive: Barcelonas Torwart Marc-André ter Stegen untermauert seine Ansprüche auf die Nummer eins in der Nationalelf vor dem Champions-League-Halbfinale beim FC Liverpool.

Marc-Andre ter Stegen gehört zu jenen Menschen, bei denen der Bezug zum Großvater ein ganz besonderer ist. Häufiger erwähnte der gebürtige Mönchengladbacher, wie wichtig für ihn der Opa war, nachdem sich seine Eltern im Kindesalter trennten. Er hatte ihn schon als Knirps zum Training der Borussia gefahren und auf den Rücksitz im Auto immer eine Süßigkeit gelegt. Opas Weisheiten lehrten ihn früh, mit Rückschlägen umzugehen. „Er hat mir beigebracht, dass wir keine Maschinen sind“, sagte der Schlussmann des FC Barcelona einmal im FR-Gespräch.

Insofern gehört er zu denjenigen, die bei den Katalanen von einem Selbstläufer für das Halbfinal-Rückspiel der Champions League beim FC Liverpool (Dienstag 21 Uhr/Sky und Dazn) trotz der 3:0-Gala aus der Vorwoche nichts wissen wollen. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass ein gutes Resultat im Hinspiel kaum etwas zählt. Du fliegst hin und hast ein gutes Gefühl – mehr aber auch nicht. Wir dürfen uns nicht darauf verlassen“, warnte der 27-Jährige noch in derselben Nacht.

Vor einem Jahr strichen Lionel Messi und Co. trotz eines 4:1 gegen den AS Rom nach einem 0:3 in der Ewigen Stadt bereits vor dem Halbfinale die Segel. Doch ist es beruhigend, an der Anfield Road einem Torhüter zu vertrauen, der diese Saison mit Superlativen überhäuft wird. „Er spielt eine überragende Saison und gibt uns Ruhe. Wenn wir unter Druck stehen, macht er den Eindruck, als könnte gar nichts passieren“, sagt Trainer Ernesto Valverde. Ter Stegen rettete vergangenen Mittwoch gegen die „Reds“ mehrfach. Vereinspräsident Josep Maria Bartomeu adelte ihn kürzlich als „besten Torwart der Welt“. Und: „Seine Persönlichkeit, seine Wesensart ist außergewöhnlich. Wir schätzen ihn als Menschen sehr.“

Zudem machen ihn seine fußballerischen Fähigkeiten zum perfekten Mitglied dieses stolzen Klubs. „Messi mit Handschuhen“ haben sie ihn irgendwann genannt. Es sind nicht allein seine stoische Ruhe und geschmeidigen Paraden, mit denen ter Stegen aktuell punktet, sondern beinahe unbemerkt läuft eine mediale Charmeoffensive. Der mit der Königsklasse verknüpfte Bezahlsender Sky drehte mit ter Stegen, selbst besuchte er vor zwei Wochen den Sportschau-Club und vermittelte aus der Untertagebar in Herten eine sehr menschliche Seite. So was kommt in deutschen Wohnzimmern noch stärker an als eine perfekte Robinsonade im Camp Nou.

Würde er jetzt am 1. Juni das Champions-League-Finale in Madrid bestreiten, wäre das weitere Werbung in eigener Sache. Es gibt keine Indizien, dass dieses Endspiel für ihn ein Karrierekiller sein könnte wie für Landsmann Loris Karius, der vor einem Jahr mit dem FC Liverpool gegen Real Madrid (1:3) so fatal patzte.

Vergleichbare Aussetzer leistete sich der Blondschopf bei seinen ersten von 22 Nationalmannschaftseinsätzen, was ihn um die EM 2012 und der WM 2014 brauchte. Er brauchte erst den Confed-Cup 2017, um in der DFB-Auswahl seinen Wert zu beweisen. Dass ihm bei der WM 2018 in Russland nicht vertraut wurde, obwohl Manuel Neuer erst auf allerletzten Drücker fit wurde, hat ihn mächtig gewurmt. Auf dem Medientag in Eppan sprach er damals von einer enttäuschenden Situation: „Ich brauche das niemand sagen, wenn man eine ganze Saison gespielt und versucht hat, Leistung auf höchstem Niveau zu zeigen.“ Ansonsten formulierte er seine Sätze so zurückhaltend wie ein Torwart, der einen harmlosen Ball vorsichtshalber faustet statt fängt.

Aber umso gefestigter sein Standing bei Barça seit seinem Wechsel 2014 ist, desto mehr traut er sich aus der verbalen Deckung. Er wolle bei der Nationalelf den Umbruch auch auf seiner Position vollziehen, erklärte er zuletzt: „Ich will unbedingt in dieses Tor. Egal wie.“ Noch einmal kann es sich Bundestrainer Joachim Löw ja auch nicht leisten, dass Leistungsprinzip unter der Latte außer Kraft zu setzen. Natürlich spürt da einer, dass die Wachablösung im deutschen Heiligtum nicht mehr ganz fern ist. Während ter Stegen eine weitgehend fehlerlose und verletzungsfreie Saison spielt, ist es bei Neuer beim FC Bayern anders.

In den Debatten über die zu vorsichtige Taktik von Trainer Niko Kovac in den Achtelfinalduellen gegen den FC Liverpool (0:0, 1:3) wird oft unterschlagen, dass der Kapitän mit einem sinnfreien Ausflug im Rückspiel den Untergang begünstigte. Der 33-Jährige hat nunmehr wegen einer Wadenverletzung seit dem 14. April nicht mehr gespielt. Löw wird genau überlegen, wen er für die EM-Qualifikationsspiele am 8. Juni in Weißrussland und drei Tage später gegen Estland ins Tor stellt. Beim Jahresauftakt gegen Serbien (1:1) spielten die Rivalen je eine Halbzeit, nachdem der Bundestrainer am 15. März in Frankfurt den Kampf der Keeper eröffnet hatte. Neuer sei zwar seine Nummer eins, aber ter Stegen agiere „auf Weltklasseniveau“. Zusatz: „Manu muss seine Leistung bei uns zeigen. Marc wird seine Möglichkeiten bekommen. Mal sehen, was passiert.“ Nicht nur Opa ist gespannt, wie es noch ausgeht. Sein Enkel will bei der EM 2020 spielen, das steht mal fest.

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