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Maradona, der Vergötterte.

Maradona

Ein Leben zwischen Himmel und Hölle

  • Thomas Kilchenstein
    vonThomas Kilchenstein
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Dem Tod ist er oft von der Schippe gesprungen: Argentiniens Ex-Nationalspieler und Fußballtrainer Diego Maradona wird 60 Jahre alt. Wer hätte das gedacht.

Diego Armando Maradona wird 60, morgen, wenn nichts dazwischenkommt, und einem wie ihm kann ja immer was dazwischenkommen; ein Herzinfarkt etwa, wie vor 20 Jahren, ein Alkohol- oder Kokain-Absturz, die Einlieferung in die Notaufnahme, ein weiteres Kind, der Tod, dem er so oft von der Schippe gesprungen ist, ach es gibt so furchtbar viel, was dem Goldjungen aus Villa Fiorito, einem der vielen armen Vororte von Buenos Aires, widerfahren könnte, gewollt oder ungewollt. Jetzt hat er auch noch eine Prothese statt eines Knies. Und einen halben Magen.

Was hat dieser Mensch in seinem zum Bersten gefüllten Leben nicht alles erlebt? Im Grunde hat er zwei Leben geführt, das auf dem Platz und das daneben. Das auf dem Platz ist ihm wesentlich besser gelungen, da war er ein Zauberer, ein König, ein Gott, zumindest dessen Hand. Mag er nicht die Eleganz eines Beckenbauer gehabt haben, nicht die Tore eines Pelé, nicht die Titel eines Messi, dafür hatte er Magie, Charisma, Grandezza, er war und ist Mythos, Legende. Maradona, der Unverwüstliche, führt ein Leben zwischen den Extremen, zwischen Himmel und Hölle, zwischen Genie und Wahnsinn, und keiner weiß, in welchem Stadium er sich gerade befindet, selbst er nicht. Abseits des Rasens ist er so unkontrollierbar wie zu seiner Zeit auf dem Rasen, als er bei der WM 1986 das Tor des Jahrhunderts erzielte, ab Mittellinie allein gegen halb Britannien.

Das Leben jenseits des Platzes ist ihm, dem Vergötterten, schon lange aus den Händen geglitten, die Fehltritte und Exzesse sind ebenso legendär wie sein linker Fuß, sein Ballgefühl. Mit 15 gibt er sein Debüt in der ersten Liga, mit 16 ist er Nationalspieler, mit 17 Torschützenkönig und mit 19 erstmals Südamerikas Fußballer des Jahres. Da beginnt sein Leben im Rampenlicht, grell ausgeleuchtet, sein Leben in der Weltöffentlichkeit. Von Maradona wusste jedes Kind alles, und da gab es noch keine soziale Medien.

Maradonas Dasein außerhalb der Kreidemarkierungen ist verstörend, manchmal abstoßend, oft peinlich. Aber unbeeindruckt lässt der nach Peron berühmteste Argentinier niemanden, ob er kugelrund mit quietschgelben Haaren kaum aus den Augen gucken kann, die Nähe von Fidel Castro suchte, Diktatoren und die Camorra viel zu nahe an sich heranließ, pöbelnd, fast aus VIP-Lounges purzelnd oder mit einem Luftgewehr auf Journalisten schießend. Und immer wieder Partys, Drogen, Zwielicht, Dinge, die ihm nicht guttaten.

Aber was tat ihm gut – nach dem erzwungenen Karriereende, gedopt und beschämt? Es klappte nicht viel, er trat im Fernsehen auf („Lan Noche del 10“), als Trainer taugte er weniger, als Nationalcoach gar nicht, einen mexikanischen Zweitligisten mit Nähe zum Drogenkartell leitete er an, derzeit coacht er Gimnasia y Esgrima La Plata in der Heimat.

„Diego existiert in keiner anderen Welt als auf dem Fußballplatz“, hat der große argentinische Philosoph Cesar Luis Menotti dieser Tag anlässlich des Wiegenfestes des tragischen, genialen, armen Diego gesagt.

Viele halten es ohnehin für das Allererstaunlichste, dass er überhaupt 60 wurde.

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