1. Startseite
  2. Sport
  3. Fußball

Manuel Neuer: „Wir werden in Katar Flagge zeigen“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Manuel Bonke

Kommentare

Kapitän Manuel Neuer über die Rolle der Nationalspieler im umstrittenen Gastgeberland und weshalb er die WM als Experiment sieht.

Manuel Neuer ist nicht nur Torwart der deutschen Nationalmannschaft, er ist auch ihr Kapitän. Sein Wort hat Gewicht, seine Stimme wird gehört. Grund genug, dem 36-Jährigen vor der WM in Katar auf den Zahn zu fühlen.

Herr Neuer, warum ist es für die Nationalmannschaft wichtig, dass die Spieler des FC Bayern als Tabellenführer zur WM nach Katar reisen?

Auf jeden Fall für das Selbstbewusstsein. Nehmen wir die Weltmeisterschaft 2014: Da war unser Selbstbewusstsein als Bayern-Block im Vorfeld auch groß. Es ist wichtig, ein gutes Gefühl zu haben. Vor allem auch für mich persönlich, weil ich aus einer Verletzung komme.

Gab es während dieser Zeit Momente, in denen Sie gedacht haben: Oh, das könnte mit der WM doch noch knapp werden?

Es war vor allem am Anfang nicht leicht. Für mich hieß es in meiner Rolle als Patient: Wir schauen von Tag zu Tag. Und das ist so ein ekliges Gefühl. Du wartest darauf: Wann wird es besser? Wann kommt endlich dieser Wendepunkt? Es gab in dem Sinne keinen richtigen Plan, der mir sagte: ,Pass auf, es dauert jetzt zwei Wochen und dann kannst du wieder diese und jene Belastung im Training gehen.‘ Es wäre einfacher für mich und meinen Kopf gewesen, sich daran zu orientieren.

Allgegenwärtig in Katar: Manuel Neuer.
Allgegenwärtig in Katar: Manuel Neuer. © dpa

Von DFB-Seite wurde Ihre Rolle als unangefochtene Nummer eins während Ihrer Verletzung nie infrage gestellt. Hat Sie das gefreut? Hilft das?

Das war schlichtweg kein Thema. Das Trainerteam hat von Anfang an festgelegt, dass ich die klare Nummer eins bin. Wir wissen, dass wir Weltklasse-Torhüter in unseren Reihen haben. Aber die Positionierung ist sowohl Marc André ter Stegen als auch Kevin Trapp klar kommuniziert worden. Wir verstehen uns alle sehr gut innerhalb unseres Torwartteams. Deshalb war es auch selbstverständlich, dass nie etwas anderes von den Torwart-Kollegen kam.

Spüren Sie bei Joshua Kimmich und Leon Goretzka einen besonderen Drang, ihre bisherigen Turnier-Erlebnisse mit der Nationalelf mit einem Erfolgserlebnis vergessen zu machen?

Ja, der Wille ist groß bei ihnen. Ich würde aber nicht nur diese beiden Spieler hervorheben. Nehmen Sie Leroy Sané, Serge Gnabry und Jamal Musiala – auch das sind ehrgeizige Spieler. Bei Leon und Jo sieht man halt aufgrund ihrer Position eher die kämpferischen Situationen, und die anderen drei sind mehr für die Offensivaktionen verantwortlich. Leroy sprintet einem Gegenspieler aber zum Beispiel auch 50 Meter hinterher und grätscht ihm dann den Ball weg. Wir sind alle sehr hungrig und wissen selbst, dass wir bei den Turnieren zuletzt nicht überzeugt haben. Darum werden wir alles in die Waagschale werfen, um so weit wie möglich zu kommen und die Chance nutzen, um diesen Titel zu spielen.

Beim DFB setzt man in Katar auch große Hoffnungen in den Bundestrainer: Warum kann Hansi Flick eine Mannschaft so gut auf Turniere einschwören?

Weil er Menschenkenntnis hat! Hansi weiß, wie er jeden einzelnen Spieler anpacken muss. Zudem ist er sehr kommunikativ und spricht viel mit den Spielern. Und er hat ein klares Ziel. Lassen Sie mich das Champions-LeagueTurnier 2020 in Lissabon als Beispiel nehmen. Es war wichtig, dass wir damals eine gewisse Vorbereitung auf dieses nie da gewesene Turnier hatten. Es war nicht so, dass wir nach der Corona-Unterbrechung in der Bundesliga vorne weggaloppiert sind. Hansi hat uns zu verstehen gegeben: Wir müssen kämpfen, arbeiten und uns auf die Wettbewerbe fokussieren. Ich vergleiche das gerne mit Olympia.

Inwiefern?

In Lissabon konnten wir den Fokus auf dieses eine Turnier legen. Wie es die Athleten bei den Olympischen Spielen stets tun. Sie legen ihr komplettes Training über einen langen Zeitraum darauf aus, um in diesem Moment erfolgreich zu sein. So ähnlich versucht uns der Bundestrainer auf die WM einzuschwören, die zugegeben für uns alle ein kleines Experiment ist. Weil niemand Turnier-Erfahrungen im Winter mitten in der Saison gesammelt hat.

Die Diskussionen um das Gastgeberland reißen nicht ab – im Gegenteil. Sie werden durch homophobe Aussagen von WM-Botschafter Khalid Salman sogar noch angeheizt.

(schüttelt den Kopf): Diese Aussage war einfach unglaublich…

Wie schaffen Sie es, sich auf den Sport zu konzentrieren und gleichzeitig ein mündiger Nationalspieler zu sein?

Das ist ein Spagat für uns. Und das ist auch nicht so leicht. Es gab auch früher bei Großveranstaltungen Themen neben dem Sport: Die Townships in Südafrika oder die Favelas in Brasilien. Natürlich wollen wir uns als Fußballer auf das Sportliche fokussieren – und zwar auf eine Weltmeisterschaft. Das ist das Größte, was du spielen kannst. Aber wir werden in Katar Flagge zeigen! Wir werden unsere Werte dort vertreten. Die Frage ist ja: Welche Konsequenzen zieht es nach sich, wenn wir uns dort sehr offensiv positionieren? Das weiß man ja auch nicht. Keiner kann in die Zukunft schauen. Darum gehe ich fest davon aus, dass wir uns als deutsche Nationalmannschaft und DFB positionieren werden. Das haben wir in der Vergangenheit auch schon gemacht. Aber auf welche Art und Weise es jetzt der Fall sein wird, das wissen wir alle noch nicht.

Hilft die abgelegene Lage des Teamquartiers vielleicht dabei, sich mehr auf das sportliche Geschehen konzentrieren zu können?

In Südafrika war die Situation ähnlich. Wir waren in Pretoria etwas weiter weg vom Geschehen und waren für uns. Im Campo Bahia war es genauso. Wir waren nicht unter den Leuten in Brasilien. Für uns ist es nie eine Kulturreise. Natürlich nimmst du auf den Fahrten etwas mit – in Doha hast du halt die Stadt – aber der Fokus liegt auf dem Fußball.

Wie entscheidend ist das erste Gruppenspiel gegen Japan?

Wir müssen gewarnt sein. Für mich persönlich ist das erste Spiel in einem Turnier immer das wichtigste. Japan ist eine unangenehme Mannschaft, die sehr diszipliniert spielt. Gleichzeitig ist sie durch die Fähigkeiten ihrer Einzelspieler unberechenbar. Wir haben ja einige Japaner in der Bundesliga. Ich finde es schwierig, gegen solche Teams zu spielen. Ich mag es lieber, gegen Mannschaften wie Spanien zu spielen – die kennt man. Auf solche Gegner kannst du dich besser vorbereiten. Deshalb wird es eine schwierige Aufgabe für uns. Aber danach wissen wir, wo wir stehen.

Interview: Manuel Bonke

und Philipp Kessler

Auch interessant

Kommentare