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Die Nummer eins im deutschen Tor: Manuel Neuer.

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Manuel Neuer: Der Platzhirsch verteidigt sein Revier

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Manuel Neuer unterstützt den Umbruch im DFB-Team, nur nicht auf seiner Position.

Der Kapitän wurde etwas einsilbig, als die unvermeidliche Frage doch irgendwann kommen musste. Ob er den „heißen Atem“ von André ter Stegen im Nacken spüre und angesichts der jüngsten Topleistungen des Konkurrenten und Kameraden anerkenne, dass ter Stegen im Zwist um die Nummer eines im deutschen Fußballtor näher an ihn herangerückt sei? Da hat Manuel Neuer, 33. die Brust noch mehr herausgestreckt und sich noch ein bisschen größer gemacht auf dem Pressepodium des Deutschen Fußball-Bundes im VIP-Raum des Stadions von Venlo, und er hat gesagt: „Ich spüre keinen heißen Atem.“ Zudem, fügte er pflichtgemäß an, habe er ter Stegen „mehrfach schon gelobt, auch schon vor der WM 2018“, ergo erschien es ihm diesmal offenkundig überflüssig, ein weiteres geschäftsmäßiges dreifaches Hoch auf den derzeit wegen Knieproblemen unpässlichen Keeper des FC Barcelona loszuwerden.

Ohnehin ist Neuer sehr deutlich nicht gewillt, wertvolle Einsatzzeit auf dem Platz zu verschenken, „ich möchte immer spielen“, sagte er in Venlo unzweideutig. Ein Jobsharing ist auch vom Abteilungsleiter, dem Bundestorwarttrainer Andreas Köpke, nicht angedacht, ein Karriereende bei Neuer trotz seines relativ fortgeschrittenen Alters ebenfalls nicht. „Ich liebe meinen Beruf und liebe es, auf dem Platz zu stehen. Ich möchte so lange spielen, wie mein Körper funktioniert und es Spaß macht.“ Zudem spüre er, dass er gebraucht werde, das gebe ihm das nötige Vertrauen, Topleistungen abzurufen.

Dass die Topleistungen in der vergangenen Saison mitunter nicht ganz so top aussahen, interpretiert der ehemalige Welttorhüter statt mit einem grundsätzlichen Leistungsabfall infolge mehrerer Verletzungen lieber mit fehlendem Glück. Die Rückendeckung aus dem Hause DFB ist ihm, anders als den drei Münchner Teamkollegen Mats Hummels, Jerome Boateng und Thomas Müller, nach wie vor gewiss. Köpke sagte unter Verweis auf Neuers Glanzleistung im Pokalfinale gegen RB Leipzig, er sei „froh, dass Manu nach seiner Verletzung gleich wieder so zurückgekommen ist“. Für ter Stegen hört sich das nicht gut an, wiewohl Joachim Löw deutlich gemacht hat, dass er einen Zweikampf auf Augenhöhe erwartet. Der derzeit unpässliche Bundestrainer hat seit dieser Aussage aus dem März in dieser Sache offenbar noch nicht persönlich mit Neuer über seinen Plan gesprochen, was dann doch ein wenig verwundert angesichts der modernen Kommunikationsmittel. Ein solches Gespräch stehe noch aus, ließ der Torwart in Venlo durchblicken.

Professioneller Ulreich

Weil neben ter Stegen auch Bernd Leno (Daumenverletzung) für das Trainingslager und die beiden EM-Qualifikationsspiele in Weißrussland und gegen Estland absagen musste, nominierten Löw und Köpke hinter Neuer sowohl den Frankfurter Kevin Trapp als der Einfachheit halber auch Neuers Münchner Stellvertreter Sven Ulreich. Der 30-Jährige ist nur deshalb dabei, weil es sicher keine gute Idee gewesen wäre, die sich derzeit in Südtirol auf die U21-Europameisterschaft vorbereitenden Alexander Nübel (22, Schalke 04) und Florian Müller (21, Mainz 05) von dort abzuziehen. Es reicht schon, dass U21-Trainer Stefan Kuntz seines Assistenten Antonio di Salvo für einige Tage verlustig gegangen ist, damit dieser Löws aufgerückten Stellvertreter Marcus Sorg bei der A-Nationalmannschaft ersetzt.

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Da Sven Ulreich, anders als die wenigen anderen deutschen Bundesligakeeper, mit dem FC Bayern Ende Mai noch wegen des DFB-Pokalfinales in Berlin unterwegs war und sich also noch nicht im Fernurlaub befand, bot sich eine Nominierung an. Ulreich sagte seinen geplanten Urlaub kurzerhand ab und ließ mitteilen, er mache das „ein Stück weit gerne“. Das klang jetzt nicht ausufernd begeistert, aber allemal professionell. Da ahnt einer natürlich, dass diese Tage nur ein Intermezzo bleiben werden und die ganz große DFB-Karriere nicht mehr auf den ewigen Ersatzmann wartet.

Diese DFB-Karriere dürfte am ehesten dem wegen seines kompletten Torwartspiels als Toptalent geltenden Schalker Nübel winken, der dem ebenfalls hochbegabten Mainzer Müller bei der EM in Italien wahrscheinlich vorgezogen wird. Der 22-jährige Nübel, der in der vergangenen Saison bei Schalke 04 den Stammplatz von Ralf Fährmann übernahm und noch bis 2020 an die Knappen gebunden ist, hält sich zu Fragen nach seiner Zukunft zurück. In der Endphase der Saison wurde derart hartnäckig kolportiert, die Bayern hätten gesteigertes Interesse an Nübel, dass der Schalker Sportvorstand Jochen Schneider öffentlich kundtat, er habe den Branchenführer „gebeten, Sorge dafür zu tragen, dass Verantwortungsträger des FC Bayern aus Respekt vor unserer schwierigen Situation nicht ständig über unseren Torhüter in den Medien sprechen“. Das hat erst einmal funktioniert.

Manuel Neuer seinerseits musste sich dieser Tage ein wenig anstrengen, um sich höflich in Richtung des jungen Mannes zu äußern: „Ich habe ihn natürlich beobachtet, wie er gehalten hat. Er hat seinen Job sehr gut gemacht.“ Nonverbal klang aber mit, dass sich der Platzhirsch den vom ihm ansonsten ausdrücklich goutierten Umbruch im Nationalteam ohne die Position des Torhüters vorstellt. Soviel steht fest: Am Samstagabend (20.45 Uhr) beim EM-Qualifikationsspiel in Weißrussland wird es nur eine Nummer eins im deutschen Tor geben. Ihr Name: Manuel Neuer, gemeinsam mit dem aktuell urlaubenden Toni Kroos einzig in der Nationalmannschaft übriggebliebener Held aus der Stammelf des Fußball-Weltmeisters 2014.

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