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Noch gut am Ball: Ex-Nationalspieler Kim Kulig trainierte vergangene Runde das zweite Frauenteam von Eintracht Frankfurt. imago images
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Noch gut am Ball: Ex-Nationalspieler Kim Kulig trainierte vergangene Runde das zweite Frauenteam von Eintracht Frankfurt. imago images

Frauen im Fußball

Mangel an Trainerinnen: Ungesundes Ungleichgewicht

  • Frank Hellmann
    VonFrank Hellmann
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Der Mangel an Trainerinnen im deutschen Fußball ist eklatant. Selbst die Frauen-Bundesliga ist in Männerhand. Nun will der Verband seine Nationalspielerinnen für den Job begeistern.

Seit dem letzten Mai-Wochenende ist die Kampagne geschaltet. „Frauen im Fußball – Strategie 2027“ nennt sich das Projekt, in dem sich viele Visionen bündeln, den Fußball weiblicher zu machen. In einem extra aufgelegten Fernsehspot wird sogar hinterfragt, warum es eigentlich die maskuline Form beim Fußball sein muss – könnte es nicht auch „die“ statt „der“ Fußball“ heißen? Dass der Deutsche Fußball-Bund (DFB) seine Defizite über die bloße Begriffsbezeichnung angeht, ist eingedenk von mehr als einer Millionen Frauen und Mädchen in der Mitgliederstatistik überfällig.

In kaum einem Bereich sind Frauen so schlecht repräsentiert wie im Trainer:innen-Metier. Der Verband beschäftigt zwar immerhin 18 ehemalige Nationalspielerinnen in unterschiedlichen Funktionen und ein Dutzend Trainerinnen im Stab seiner weiblichen Nationalteams, aber selbst die Frauen-Bundesliga ist hier eine geschlossene Männerwelt. Keine einzige Cheftrainerin arbeitete zuletzt in den zwölf Vereinen. Nora Märkle, 37, vom SC Sand verlor im Frühjahr ihren Job, nachdem die Schweizerin erst vergangenen Sommer begonnen hatte.

Für Almuth Schult, Nationaltorhüterin vom VfL Wolfsburg, ist der Leistungssport an dieser Stelle viel zu sehr männlich geprägt: „Wenn man zum Beispiel auf die Position des Trainers oder der Trainerin schaut, sind viele Sportlerinnen mit einem männlichen Coach aufgewachsen und haben deshalb vielleicht fürs sich selbst das Trainerbusiness gar nicht entdeckt.“ Hinzu käme für den Erwerb der Fußballlehrerlizenz die finanzielle Hürde, „die man nicht stemmen, wenn nicht vorher im Männerfußball bereits recht viel Geld verdient hat“, erklärt die 30-Jährige.

Die frühere Nationalspielerin Doris Fitschen, inzwischen Leiterin des Lernteams Frauen-Nationalmannschaft und Frauen-Bundesligen, erkennt an dieser Stelle ebenfalls ein Kardinalproblem. „Wir können den Frauen-Bundesligisten nicht vorschreiben, ob sie einen Trainer oder eine Trainerin anstellen, aber wir können die Zahl der ausgebildeten Trainerinnen erhöhen. Wir wollen, dass mehr Nationalspielerinnen mit ihrem großen Knowhow der Fußballfamilie erhalten bleiben.“

Noch in diesem Sommer wird über die Akademie ein Maßnahmenpaket geschnürt. „Wir wollen die Anzahl an Trainerinnen erhöhen, um mehr Frauen in den Fußball zu bringen“, sagt auch Akademieleiter Tobias Haupt. Der Verband will aktuellen und ehemaligen Nationalspielerinnen als ersten Schritt ermöglichen, die neue „B+-Lizenz“ (frühere Elite-Jugend-Lizenz) zu erwerben.

Anschließend an einen Präsenzlehrgang im Sommer sollen die weiteren Ausbildungsinhalte in einem bestimmten Zeitfenster im Rahmen der Länderspielmaßnahmen des Frauen-Nationalteams vermittelt werden. Voraussetzung ist eine mindestens siebenjährige Erfahrung im Lizenzspielerinnen-Bereich.

Europaweites Problem

„Das ist kein Kurz- oder Sonderlehrgang, sondern ein individuelles Förderprogramm“, erklärt Haupt. Zehn bis zwölf Spielerinnen aus dem erweiterten Kreis der DFB-Frauen haben sich gemeldet. Auch Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg freut sich über das große Interesse, sie weiß ferner von Kandidatinnen, „die ihre Karriere als Nationalspielerinnen beendet haben.“ Ihr Zutun besteht darin, dass „wir ab Herbst von unserer Maßnahme den Montag und vielleicht den Dienstagvormittag nutzen, um diesen Lehrgang für die angehenden Trainerinnen in unseren Lehrgang zu integrieren.“ Bislang verfügen lediglich 31 Frauen über die Pro-Lizenz, die Voraussetzung ist, um im Profibereich zu arbeiten. Das Problem besteht längst nicht nur in Deutschland. Nach einer Erhebung der Europäischen Fußball-Union (Uefa) werden zwei Drittel der insgesamt knapp mehr als 300 Trainer:innen-Positionen bei den Frauen-Nationalteams (A, U19 und U17) von Männern besetzt. Ein ungesundes Ungleichgewicht.

Bislang haben selbst die Nationalspielerinnen nach der Karriere fast jeden erdenklichen Beruf ergriffen, aber als Trainerin wollten die wenigsten arbeiten. Eine der wenigen Ausnahmen stellt Kim Kulig dar. Nach ihrer schweren Knieverletzung, erlitten bei der Heim-WM 2011, musste die gebürtige Schwäbin ihre Karriere früh beenden, trieb dann bald mit demselben Ehrgeiz wie als Spielerin ihre Trainerkarriere beim 1. FFC Frankfurt voran. Unter dem Dach von Eintracht Frankfurt trainierte die 31-Jährige das zweite Frauenteam, konnte zeitweise auch bei den Männer-Profis hospitieren. Sie hat zusammen mit Sabrina Eckhoff vom Württembergischen Fußball-Verband die Prüfung zur Fußballlehrerin bestanden. Die beiden einzigen Frauen unter 25 Absolvent:innen wechseln mit dem Diplom in der Tasche jetzt zum VfL Wolfsburg, werden Assistentinnen unter dem neuen Cheftrainer Tommy Stroot. „Ich traue beiden zu, hier die nächsten Schritte zu machen“, sagt Ralf Kellermann, Sportlicher Leiter. „Gerade Kim Kulig bringt das Potenzial mit, irgendwann auch eine Mannschaft alleinverantwortlich zu betreuen.“ Kellermann hatte nach dem Abgang von Stephan Lerch auch die ehemalige Nationalspielerin Ariane Hingst die Nachfolge zugetraut, der 174-fachen Nationalspielerin war der Karriereschritt zu groß.

Ihre langjährige Mitspielerin Inka Grings ist seit fünf Jahren im Besitz der Fußballlehrerlizenz, trainierte zuerst den Frauen-Bundesligisten MSV Duisburg, übernahm dann 2019 als erste Frau eine Männer-Mannschaft in einer der höchsten vier Ligen: den Regionalligisten SV Straelen am Niederrhein. Doch die Wege trennten sich 2020 wieder. Gerne hätten sie eine andere höherklassige Männermannschaft trainiert – doch alle Versuche schlugen fehl.

Die 96-fache Nationalstürmerin stört sich daran, dass Trainerinnen der Weg in den Männerfußball fast vollkommen verschlossen bleibt. Derzeit coacht sie die Frauen ihres Ex-Vereins FC Zürich. Sie würde empfehlen, dass die Trainerteams, Scouting-Abteilungen oder Aufsichtsräte der Profiklubs um eine weibliche Person erweitert würden. Der DFB überlegt, ob im ersten Schritt zumindest für die Frauen-Bundesliga die Verpflichtung festgeschrieben wird, dass zumindest eine Assistenzstelle mit einer Frau besetzt sein muss. Denn nur allein eine Kampagne zu schalten, reicht gewiss nicht aus.

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