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Anno 1988: Manfred Burgsmüller (damals für Werder Bremen aktiv, 2. von links) trifft per Kopf zum 4:0 gegen den BFC Dynamo. Am Ende hieß es 5:0.

Fußball

Manfred Burgsmüller - begabt, aber mal so richtig

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Manfred Burgsmüller, einer der gewieftesten Goalgetter der Fußballbundesliga, ist tot – eine Erinnerung von Christian Thomas.

War es gegen die Eintracht, ausgerechnet, in seinem ersten Spiel für den BVB? So habe ich es in Erinnerung. Die Datenbank sagt, es war das zweite. Auf jeden Fall war es bei seinem ersten Auswärtsspiel für den BVB, dass er zwei Tore schoss, gegen die Eintracht. Noch sprach kein Mensch vom Doppelpack (wie schön). Aber in der Sportschau wurde ein Traumtor gezeigt (noch schöner), zum 4:1 Auswärtssieg im Waldstadion. Manfred Burgsmüller entzauberte die Eintracht, indem er am Main ein wenig die Diva gab. Ein Affront? Wenn das mal gutgehe, so wurde geunkt. Das war im November 1976, für einen BVB-Anhänger unvergessen.

Am Montagabend lief über den Bildschirm die Breaking-News „Manfred Burgsmüller im Alter von 69 Jahren gestorben“, er, der 447 Bundesligaspiele bestritt. Was man halt so Bestreiten nennt. Er machte daraus das Allerbeste, 213 Tore. War er vor dem Tor ein Filou? Unbedingt. Bei allem verrichtete er seine Aufgabe nicht nur gewieft, sondern nonchalant.

Nur dreimal wurde er in die deutsche Nationalmannschaft berufen. Was man halt so Berufung nennt. Burgsmüllers blonder Fußballheldenhochmut verhinderte eine Länderspielkarriere, für den nicht nur weisen Trainer Helmut Schön litt der sicherlich unberechenbare Burgsmüller mit 29 Jahren bereits an so etwas wie Altersschwäche. Es war wohl eher so, dass Burgsmüller gegenüber der Arroganz der DFB-Gerontokratie die Demut fehlte.

Manfred Burgsmüller erzielte in 447 Bundesligaspielen 213 Tore.


Manfred Burgsmüller machte sein Ding

Weiterhin machte er sein Ding, erzielte Tor um Tor. Dass er im Strafraum häufig goldrichtig stand, hatte nicht damit zu tun, dass er sich bloß im Strafraum herumtrieb. Dass er im Alter von 69 Jahren gestorben ist, mag man kaum glauben, denn er schien gesegnet mit einer ungewöhnlichen Konstitution. Bei Borussia Dortmund wurde der 33-Jährige nach sieben Jahren und 135 Toren für den BVB ausgemustert. Unentbehrlich machte er sich dann auch bei Werder Bremen, um mit fast 40 Jahren Deutscher Meister zu werden, endlich. Zum Eindruck einer außergewöhnlichen Konstitution passte, dass der Fußballprofi seine Karriere als Footballprofi fortsetzte, schließlich, mit 52 Jahren, als der älteste Footballprofi der Welt.

Burgsmüller war auch mal Footballer, Kicker natürlich.

Manfred Burgsmüller zusehend, hatte man ein eher schmales Hemd vor Augen. Nein, er wirkte nie wie ein Modellathlet. Was war sein Geheimnis? Wie er sich bewegte, tat er dies mit leicht vorgebeugtem Oberkörper und, das passte zum Schlawiner, seine Fußspitzen über den Rasen ziehend, wie im Schlepptau. Halt seine Art, innere Genugtuung nach außen zu kehren. Wie er den Ball führte, tat er das auch hahnreiartig. Vor dem Tor war er der wahrscheinlich größte Rationalist der bisherigen Bundesligageschichte. Angesichts seiner Bilanz, der heute viertbesten seit Gründung der Bundesliga, darf man das wohl so sagen.

Nach einem Torerfolg brach er nicht in unbändig-blöden Jubel aus. Was geschehen war, musste geschehen. Mit dem Kopf, mit dem rechten, dem stärkeren Fuß, mit dem linken. Abstauben, aber staubtrocken. Hier und da ein Seitfallzieher, musste sein. Oder lässig schlenzend, die ganze Palette. Ja, er war ein Schönspieler, nie zeigte er auch nur einmal verbissen, aber seine elegante Energie war mitreißend. Wenn der BVB-Boss Hans-Joachim Watzke sagt, er habe den Manni Burgsmüller „sehr gerne Fußballspielen gesehen“, ist das eine sehr karge Würdigung.

Manfred Burgsmüller - ein sehr moderner Mittelstürmer

Manfred Burgsmüller, der in Essen starb, wo er an der einst legendären Hafenstraße seine Karriere anging, war Ende der 70er und die ganzen 80er Jahre ein sehr moderner Mittelstürmer. Als eine mehr als nur eine hängende Spitze interpretierte er die taktische Aufgabe regelrecht fortschrittlich. Lange bevor die Position erfunden wurde, war er so etwas wie eine falsche 9. 

Das konnte er nur sein wegen seiner technischen Fähigkeiten. Er war sehr, sehr beweglich, und die Fußballschuhe band er sich so, dass er die lange Schuhlasche über den Schnürsenkeln umklappte, so dass wir noch genauer auf seine Füße (und Adidasschuhe) schauten und dabei munkelten, ob er wegen der weichen Lasche auf dem Spann die Bälle so behandelte, butterweich, bärenstark.

Nie steckte das gelbe Trikot in der schwarzen Hose. Das gehörte dazu. Es hing heraus, nicht schlampig, vielmehr war der Stoff arrangiert zu einem Dreieck, wie ein Wimpel. So ging Manni Burgsmüller die Spiele an, salopp, immer auch eine Spur arrogant. Das Westfalenstadion lag ihm dennoch zu Füßen. Dieser Manni war unser Mann. Denn er war begabt, aber mal so richtig.

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