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Mancinis Inferno

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Von: Thomas Kilchenstein

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Am Boden zerstört: Italien fährt nicht zur WM.
Am Boden zerstört: Italien fährt nicht zur WM. © dpa

Italien verpasst zum zweiten Mal in Folge ein WM-Turnier und scheiterte 2010 und 2014 schon in der Vorrunde – das deutet darauf hin, dass die Probleme sehr tief liegen.

Ist es wirklich erst 256 Tage her, dass Italien in London Europameister wurde? Erst knapp neun Monate, seit wahre Lobeshymnen unter azurblauem Himmel angestimmt wurden über diese wunderbaren Fußballer, perfekt als Team harmonierend, gespickt mit feinen Individualisten wie Insigne und Chiesa, den Jungs aus dem Maschinenraum Jorginho und Verratti, dem feinen Locatelli am Flügel und den beiden Senatoren Chiellini & Bonucci hinten drin? Und jetzt dies: das blamable WM-Scheitern am Fußballzwerg Nordmazedonien, einem Land, das weniger Einwohner hat als Rom und deren 1:0-Siegtorschütze irgendwo in der saudischen Wüste kickt.

Was ist los im italienischen Fußball, was ist mit Roberto Mancinis Team passiert, das in den letzten drei Jahren eine einzige Niederlage (gegen Spanien) hat hinnehmen müssen?

Noch steckt das Fußballland in einer Art Schockstarre, von „Apokalypse“, „Inferno“, „Desaster“ schreiben die rosa Sportblätter. Aber es werden Stimmen laut, die eine schleichende Krise im italienischen Fußball verortet hatten, der Zauber ist längst verflogen, der Titel bei der EM, bei der Italien im Übrigen dreimal in die Verlängerung und zweimal ins Elfmeterschießen gehen musste, sei nur ein kurzes Aufflackern gewesen, eine glückliche Momentaufnahme. Der Calcio, sagen Kritiker, sei zurückgeblieben, Reformen hintangestellt, die Serie A ersticke in Taktik; Tempofußball sieht man eh nicht, die Klubs heillos verschuldet, Jugendarbeit beschränke sich darin, ausländische Talente wie „Obst und Gemüse“ zu kaufen, wie Ex-Trainer Arrigo Sacchi ätzte. Trainingszentren seien Mangelware, neue, frische Ideen durch italienische Profis, die im Ausland spielten, gebe es nicht. Starker Tobak.

Tatsächlich hat zuletzt in 2010 ein italienischer Klub die Champions League gewonnen, Inter Mailand und Juventus Turin sind aktuell längst raus aus dem Wettbewerb. Die fußballerische Stagnation färbte offenbar auf die Squadra Azzurra ab, Italien leistete sich in einer wahrlich einfachen Qualifikationgruppe gleich vier Unentschieden, gegen Bulgarien, Nordirland und zweimal die Schweiz (wobei Jorginho in jedem Spiel einen Elfmeter verschossen hatte). Dass Italien aber zum zweiten Mal in Folge die Aufnahmeprüfung für ein WM-Turnier nicht besteht, zuvor 2010 und 2014 in der Vorrunde scheiterte, deutet darauf hin, dass die Probleme tiefer liegen. Sie werden in Bella Italia einen neuen Anlauf nehmen. Müssen.

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