Financial Fairplay

Die Unschuld der Schuldigen

  • Jakob Böllhoff
    vonJakob Böllhoff
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Manchester City steht trotz der Aufhebung der Europacup-Sperre am Pranger. Der Internationale Sportgerichtshof sieht „eklatante Verstöße“.

Man hat ja auch einen Ruf zu verlieren, nicht wahr? Also tobte man bei Manchester City vor Wut, als die Europäische Fußball-Union (Uefa) im Februar verkündete, der englische Fußballklub würde für zwei Jahre von den Europapokal-Wettbewerben ausgeschlossen, weil er gegen das Financial Fairplay (FFP) des Verbandes verstoßen habe. Alles ungerecht, unzulässig, ohne jede Grundlage: „Die Vorwürfe finanzieller Unregelmäßigkeiten sind und bleiben vollständig falsch, und bei den Uefa-Ermittlungen wurden unwiderlegbare Beweise, die Manchester City bereitstellte, ignoriert“, hieß es in einem offiziellen Statement des Klubs.

City zog vor den Internationalen Sportgerichtshof (CAS), der kürzlich tatsächlich die Sperre aufhob und die Geldstrafe von 30 Millionen Euro auf zehn Millionen reduzierte. Die 93 Seiten umfassende Urteilsbegründung des CAS, am Mittwoch veröffentlicht, liefert nun allerdings wenig Stoff für die Mär des mit dubiosen Scheich-Millionen aus Abu alimentierten Klubs, unschuldig zu sein und nichts als unschuldig. Ganz im Gegenteil: So sei der CAS-Ausschuss gar davon überzeugt, „dass die Vorwürfe der Uefa gegen Manchester City in keinster Weise unseriös waren“, und sogar der Klub selbst habe „anerkannt“, dass es eine Grundlage für die Anklage gebe. Allerdings habe die Uefa nicht ausreichend nachweisen können, dass City Gelder der Klubbesitzer aus den Vereinigten Arabischen Emiraten als Sponsoreneinnahmen getarnt habe.

Jedenfalls nicht für den relevanten Zeitraum. Entscheidende Beweise, nachgewiesene FFP-Verstöße aus den Jahren 2012 und 2013, sind bereits verjährt, da die Uefa erst im Mai 2019 begann, gegen Manchester City zu ermitteln, nachdem das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ 2018 eine Reihe von geleakten E-Mails veröffentlicht hatte, welche auf verbotene Eigenkapitalfinanzierung der Citizens hinwiesen. Die FFP-Regularien sehen vor, dass Verstöße nur fünf Jahre rückwirkend verfolgt werden können.

Leben selbst schwer gemacht

So kommt Manchester City, seit 2008 in den Händen der Abu Dhabi United Group, glimpflich davon – und doch beschädigt. Tatsächlich, urteilt der CAS, habe der Klub die Uefa-Ermittlungen „eklatant“ missachtet, was einen „schweren Verstoß“ darstellte, der sich in der Zehn-Millionen-Strafe niederschlage. Zudem ließ der Gerichtshof in Lausanne in seiner Urteilsbegründung durchblicken, dass City sich das Leben unnötig selbst schwer machte, indem es sich weigerte, besser mit der Uefa zu kooperieren. So hätten Zeugenaussagen von leitenden Angestellten des Klubs sowie ein Brief von Klubboss Scheich Mansour – die alle dem CAS, nicht aber der Uefa während des ersten Prozesses zur Verfügung gestellt wurden – das ursprüngliche Urteil des Kontinentalverbandes zugunsten des Vereins beeinflussen können.

Doch City, stets im Gefühl, von der Uefa ungerecht behandelt zu werden, hatte sich bewusst quergestellt. Die Beziehungen zum Verband sind schwer vergiftet, die Fronten verhärtet. Seit die Uefa den Klub für vorherige FFP-Verstöße 2014 mit einer Strafe von 60 Millionen Euro belegte, wird die Champions-League-Hymne vor den Spielen von den Fans gnadenlos ausgebuht im Etihad-Stadion zu Manchester. In einer geleakten E-Mail von City-Anwalt Simon Cliff heißt es, Klub-Geschäftsführer Khaldoon al-Mubarak würde lieber „zehn Jahre lange 30 Millionen Euro für die 50 besten Anwälte der Welt zahlen“, als eine Strafe der Uefa zu akzeptieren. Als Jean-Luc Dehaene, ehemals belgischer Ministerpräsident und später Leiter der siebenköpfigen FFP-Kommission, 2014 verstarb, schrieb Cliff in einer internen Mail: „Einer ist weg, sechs fehlen noch.“ Eine Entschuldigung dafür hat es nie gegeben.

Zurück bleibt das Bild eines gerissenen Klubs, schuldig und unschuldig zugleich, der alles dafür tut, nach den eigenen Regeln spielen zu können, zudem jenes einer hilflosen Uefa und eines schwachen CAS. Für den Ruf des fairen Sports: eine schwere Niederlage. (mit sid)

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