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Mit viel Ballgefühl: Conrad Scholl (rechts vorne) und Leonardo Flé (links) mit den Vätern Stefan Scholl (links hinten) und René Flé.

Makkabi Frankfurt

Fußballmärchen der anderen Art

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Stefan Scholl hat bei Makkabi Frankfurt ein Nachwuchsteam erschaffen, das weder national noch international Konkurrenz zu fürchten braucht.

Eisiger Wind peitscht über das luftige Areal in Preungesheim, droben im Norden Frankfurts, Schnee bedeckt das Gras, es ist diesig und kalt, lausig kalt, minus vier Grad. Der Kunstrasen im Sportpark ist gesperrt, das Feld nicht bespielbar. Da kennt der Platzwart kein Pardon. Doch ohne Training gehen die jungen Fußballer des TuS Makkabi, manche zwölf, die meisten elf Jahre alt, gewiss nicht heim. Also wird improvisiert und die einzig bespielbare Fläche gefunden, das ist ein Beachvolleyballfeld, das zur Not mal herhalten muss, was soll’s, und als Stefan Scholl, der Trainer, nach mehr als zwei Stunden Schluss machen will, protestieren die Jungs. Ein Neunmeterschießen sollte noch drin sein, kalte Füße hin, rote Ohren her. „Die Jungs lieben ihren Sport“, sagt René Flé, der Teamkoordinator.

Sie lieben ihn nicht nur, sie sind auch ziemlich gut in dem, was sie tun. Wahrscheinlich sind sie das heißeste Ding in Frankfurt, vielleicht sogar in ganz Hessen. „Unsere Geschichte“, sagt Stefan Scholl und übertreibt nicht mal, „ist unglaublich und verrückt. Man müsste darüber ein Buch schreiben und es in 100 Sprachen veröffentlichen.“ Willkommen in der Welt von Makkabi Frankfurt, Vorhang auf für ein modernes Fußballmärchen der etwas anderen Art.

Das Außergewöhnliche an dieser D-Jugend ist, ganz profan gesagt, ihre gewaltige Leistungskraft, gerade wenn man bedenkt, dass Makkabi zwar ein gut geführter und beleumundeter Breitensportverein mit rund 1400 Mitgliedern, aber gewiss kein Großklub ist. Stefan Scholl, das Mastermind des Projekts, hat sehr früh erkannt, wie anders und besonders sein 2007er-Jahrgang ist, er führt ihn, wie er selbst sagt, unter Profibedingungen, „das hier ist Spitzensport“, betont der 54-Jährige. Im Kindesalter.

Der finanziell unabhängige Ex-Gastronom weiß, wie sich Spitzensport anfühlt, er hat jahrelang hochklassig gespielt, bei Kickers Offenbach und dem FSV Frankfurt in der dritten Liga, anschließend trainierte er unter anderem den FV Bad Vilbel – und seit drei Jahren die Talente von Makkabi Frankfurt.

Wer verstehen will, wie speziell dieser Jahrgang ist, der muss die Jungs beobachten, wie sie das Spiel zelebrieren, muss sehen, wie filigran und schnell sie sind, meist kommen sie mit einem Ballkontakt aus, sie sind technisch stark und taktisch überragend geschult. Und sie brauchen keine Mannschaft ihrer Altersklasse zu fürchten – weder national noch international.

Ein paar Beispiele? Den leistungsstärksten U12-Nachwuchs des Bundesligisten aus Hoffenheim haben sie auf dessen Platz mit 7:2 zerlegt, in Leverkusen mit 10:3 triumphiert, sie haben Stuttgart und die Bayern geschlagen, an Eliteturnieren in Spanien, Österreich und Deutschland teilgenommen und sie mitunter dominiert, gegen den FC Chelsea gespielt und Juventus Turin, gegen Paris Saint Germain, Atletico Madrid und AS Rom, sie haben dem FC Barcelona Paroli geboten und in einem fantastischen Viertelfinale denkbar knapp gegen Real Madrid verloren, das Spiel wurde live im spanischen Fernsehen übertragen. „Ein Highlight“, sagt Scholl. Momente für die Ewigkeit.

Die Liste an Glanzlichtern ließe sich beliebig fortsetzen, am Samstag tritt das Team in Lörrach bei einem hochkarätig besetzten Turnier mit Kontrahenten wie Bayern München, Bayer Leverkusen oder RB Salzburg an, Gruppengegner der Makkabi-Jungs sind Borussia Dortmund – und der FC Barcelona. „Die Jungs freuen sich ohne Ende“, sagt Scholl. „Das ist noch mal etwas Besonderes.“ Zumal sie auch dieses Mal durch zwei schwere Qualifikationsrunden gehen mussten, um überhaupt für das Endturnier zugelassen zu werden.

Die Frage drängt sich förmlich auf, weshalb gerade die TuS Makkabi eine kleine Toptalente-Enklave im Norden Frankfurts bildet, eine Art gallisches Dorf, das sich gegen die übermächtige regionale Konkurrenz wie Eintracht Frankfurt, den FSV, Kickers Offenbach oder Darmstadt 98 und Mainz 05 behauptet, ihr gar den Rang abgelaufen hat. Die Anzahl an hoch begabten Kickern in diesem Klub sei nichts weiter als „Zufall“, befindet Scholl. Das stimmt zum einen, aber so ganz auch nicht. Er selbst war es, der vor ein paar Jahren mit ein paar Knaben im Tiroler Park in Sachsenhausen kickte, just for fun, da waren aber schon ein paar gute Spieler dabei, und als man dann vor einigen Jahren unter das Makkabi-Dach wechselte, kristallisierte sich heraus, welch Rohdiamanten da heranwachsen. Scholl selbst hat die Mannschaft 2016 übernommen. Er entschied sich dazu, das Team nach reinen Leistungskriterien zu bilden. Knallhart. Dass es Gegenwind geben würde, war ihm klar, doch die Heftigkeit und das Niveau der Elternbeschwerden haben ihn doch überrascht. „Das war brutal, was da abging, zumal unsere Eltern eher intellektuell sind.“ Dabei, sagt der Ex-Profi, seien die übrigen Kinder ja nicht aus dem Klub verbannt worden, sondern in eine ihren Fähigkeiten angemessene Gruppe eingeteilt worden. Stefan Scholl ist seinen Weg gegangen, weil er ihn für richtig hält, weil besondere Fähigkeiten besonders gefördert werden müssten.

So leitet er auch sein Team an, das Training, sagt er, sei „extrem und intensiv“, aber nur ganz selten werde etwas ohne Ball gemacht. Zumeist stehen Spielformen in kleineren Gruppen auf dem Plan, „mir reicht ein Viertel des Platzes“, betont er. Er fordert viel und verlangt viel, dreimal wöchentlich bittet er zum Training, ab und an sind die Jungs drei Stunden auf dem Feld, am Wochenende stehen samstags und sonntags Leistungstests gegen andere Teams oder Turniere an.

Mit Vor- und Nachbereitung sei sein persönlicher zeitlicher Aufwand beinahe der eines Profitrainers, bekundet Scholl. Finanziell ist das Ganze anspruchsvoll, auch für die Eltern. Mit René Flé gibt es einen Teamorganisator, der sich um das Administrative kümmert, als Ansprechpartner oder auch als Blitzableiter fungiert.

Für die Spieler gelten fixe Regeln, bei größeren Turnier ist um 21.30 Uhr Bettruhe, „da gibt es dann auch kein Gekicher mehr“, führt der Coach aus. Auch für die Eltern gibt es einen Verhaltenskodex, Gemecker oder Scharmützel werden nicht toleriert, „da gibt es klare Ansagen“.

Das alles klingt unglaublich, und das Spezielle ist sicherlich, dass sich die Mannschaft über nun drei Jahre hinweg auf diesem Topniveau bewegt und es halten konnte. „Denn Störfeuer gibt es zahlreiche“, sagt Stefan Scholl. Da sind die Spitzenklubs mit ihren Leistungszentren, die längst wissen, welch Potenzial in diesem Team schlummert. Ein Makkabi-Spiel der U12 ohne Späher und Scouts findet kaum mehr statt, die Eltern würden ohne Umwege angesprochen und ihnen werde der Kopf verdreht. Die Verlockungen sind groß. Nicht alle können ihnen widerstehen.

Von den Anfangstagen sind nur noch drei Spieler übrig, alle anderen wurden abgeworben, erst im November wechselten zwei Spieler zur Eintracht. Diesen Schwund könne ein Verein wie Makkabi nicht verhindern, „das geht leider nicht“. Umso bemerkenswerter, dass immer neue Spieler nachrücken, zuletzt einer aus Heddernheim und einer von den Sportfreunden 04. Fünf Monate, rechnet Scholl vor, benötige er, um einen Spieler, und die Rede ist hier nicht von einem Toptalent, an das Niveau der Mannschaft heranzuführen. „Ich mache es halt anders als die meisten, aber so schlecht kann es nicht sein“, sagt er lächelnd. 

Klar ist aber auch, dass die beiden besten Spieler des Jahrgangs das Korsett dieses famosen Teams bilden. Es sind, fast schon logisch, die Söhne der beiden für das Team Verantwortlichen: Conrad Scholl und Leonardo Flé. Beide haben, soweit sich das bei aller Zurückhaltung in diesem Alter überhaupt sagen lässt, das Zeug, später einmal eine Profikarriere anzustreben. Es ist eine Augenweide, Scholls Sohn Conrad, dem Regisseur, der von seiner Erscheinung an Luka Modric erinnert, mit seiner Spielintelligenz, der Übersicht und Technik zuzuschauen. Er wird von fast allen Bundesligisten in Deutschland gejagt. „Er ist ein außergewöhnlicher Spieler“, sagt der Vater über den Filius. „Wir haben Visitenkarten von Scouts von Nord nach Süd und von Ost nach West. In diesem Alter weiß man es ja nie, es kann so viel passieren. Aber von den Voraussetzungen her bringt er alles mit, um Profi zu werden.“ Conrad Scholl ist zudem noch ein Einser-Schüler.

Harsche Kritik an Eintracht Frankfurt

Die nächstliegende Variante, einen Wechsel zu Eintracht Frankfurt, schließt Stefan Scholl aus, obwohl der Bundesligist längst die Angel ausgeworfen hat. Doch Scholl ist ein gebranntes Kind, sein älterer Sohn Ferdinand spielte einst in der Jugend der Eintracht, und Papa Scholl war entsetzt darüber, wie am Riederwald gearbeitet wird. Die Eintracht habe als Bundesligist mit großer Strahlkraft logischerweise fast alle Toptalente in ihren Reihen. „Aber sie fördern sie nicht richtig, sie entwickeln sie nicht weiter“, urteilt Scholl. Es werde zu viel geklüngelt und zu wenig gearbeitet, am Ende blieben die Jungs auf der Strecke. „In der Vergangenheit war unser Eindruck, dass Talente bei der Eintracht eher vernichtet wurden“, sagt Scholl. Doch seit Sportvorstand Fredi Bobic und Marco Pezzaiuoli, der Technische Direktor, im Amt sind, „sehen wir Licht am Ende des Tunnels“. Es sei kein Zufall, dass die Eintracht-Jugendteams in ihren Altersklassen gegen die nationale Konkurrenz ins Hintertreffen geraten würden und schon länger kein Spieler aus dem eigenen Stall den Weg zu den Profis gefunden hat. „Das kann einen nicht wundern, wenn man sieht, was da abgeht.“

Conrad Scholl und Leonardo Flé werden den Makkabi-Weg erst mal weitergehen, wie lange das Projekt noch aufrecht erhalten werden kann, weiß Stefan Scholl nicht. „Wir schauen von Saison zu Saison“, sagt er. Ob der stetige Aderlass auf Dauer zu verkraften sein wird, weiß er nicht. „Mal sehen, wie lange es noch geht.“ Irgendwann werden die Jungs unter das Dach eines Leistungszentrums schlüpfen, das ist allen klar.

Die nächsten Highlights warten jedenfalls schon. Nach dem mit Spannung erwarteten Turnier am Samstag geht es im April und Juni zu Topturnieren nach Spanien, auch eine Einladung zum „U12-World Soccer Challenge“ in Tokio ist reingeflattert. Mit dabei sind unter anderem der Arsenal London und der FC Barcelona. Für die Jungs aus dem Norden Frankfurts, könnte man meinen, werden die Duelle gegen die klangvollsten Namen der Welt fast schon zur Gewohnheit.

Ganz nah dran

Die neue FR-Serie erzählt von Menschen, die viel bewegen – mal sich selbst, mal andere. Von Sportlern, die außergewöhnliche Leistungen vollbringen oder vom Schicksal hart getroffen wurden. Von Trainern, die die Sportler zu außergewöhnlichen machen. Von Ehrenamtlichen, die für ihre Vereine unverzichtbar sind. Heute: Ganz nah dran an Stefan Scholl, U12-Trainer von TuS Makkabi Frankfurt.

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