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Partystimmung bei Mainz 05: Die Rheinhessen sind nach dem Sieg gegen die Eintracht auf dem Vormarsch. dpa

Nach Sieg gegen Eintracht Frankfurt

Mainz 05 und das schnelle Glück

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Unter dem neuen Trainer Achim Beierlorzer stellt sich ein ungeahntes Hochgefühl bei den Nullfünfern ein, das fast schon an närrische Tage erinnert - doch vor Weihnachten droht Unheil

Das Bekenntnis, doch nur ein Karnevalsverein zu sein, bleibt der FSV Mainz 05 vor keinem Heimspiel schuldig. Doch nur selten hat in dieser Saison die Inszenierung im Vorlauf mit der Stimmung im Nachgang korrespondiert. Doch als am Montagabend das bei den Rheinhessen besonders beliebte „Olé, Olé Fiesta“ aus den Lautsprechern dröhnte, wirkte nichts davon gekünstelt. Nicht nur der Q-Block in der Arena am Europakreisel sang den Fastnachtsklassiker fast so ausgelassen wie in den närrischen Tagen in einer Kneipe der Mainzer Südstadt. Es galt das letztlich verdiente 2:1 im Nachbarschaftsduell gegen Eintracht Frankfurt so zu zelebrieren, wie sich das für einen lange irrlichternden Klub gehört: mit einer gewissen Ausgelassenheit.

„Wir sind alle total happy“, erklärte Neu-Trainer Achim Beierlorzer, den das pure Glücksgefühl gepackt hatte. „Diese Dreiersprünge sind Gold wert.“ Tabellarisch sowieso, doch auch emotional sind zwei Siege das Beste, was einem vom Bund Deutscher Fußball-Lehrer (BDFL) für seinen Blitzwechsel rheinaufwärts kritisierten Coach passieren kann. Was beim 1. FC Köln nicht griff, gelingt plötzlich mit den Nullfünfern. „Das mit Köln lassen wir mal weg, ich bin Trainer von Mainz“, sagte Beierlorzer zwar, aber so leicht ist der Stimmungsumschwung an neuer Wirkungsstätte nicht von den Erfahrungen seiner Person zu lösen.

Mit seiner neuen Mannschaft hat der 52-Jährige in nur 180 Minuten fast genauso viele Zähler gesammelt wie in elf Spielen mit Köln (sieben): „Von Genugtuung kann aber keine Rede sein. So ist Fußball, manche Dinge kann man nicht erklären.“ Aber vielleicht ja doch: Der geradlinige Franke hatte vor dieser Saison noch nicht erstklassig gearbeitet, und einiges scheint erst mit dem Ortswechsel zu fruchten.

Erkrankter Szalai triff

Beierlorzer hat beispielsweise in Mainz sein eigentlich bevorzugtes 4-4-2 („weil ich immer dachte, damit die beste Raumaufteilung zu haben“) in ein 3-5-2 überführt. Das sei ein „interessantes, verfolgenswertes System, weil die Räume im Zentrum dichter sind“. Bei seinen Verteidigern Edimilson Fernandes, Jeremiah St. Juste und Moussa Niakhaté hat er „einen Wohlfühlfaktor“ erkannt, der das gesamte Gebilde stabilisiert. Levin Öztunali, dessen Vorstoß die spielentscheidende Rote Karte für Dominik Kohr (44.) erzwang, sollte sich als dynamischer Außenbahnspieler einfach am Frankfurter Filip Kostic ein Beispiel nehmen, erklärte der Coach.

Grundsätzliches sei der Trainerwechsel „ein Weckruf für uns alle gewesen“, berichtete Kapitän Danny Latza, „jeder wusste, dass er sich selbst hinterfragen musste.“ Schien der Kader unter Sandro Schwarz auseinanderzufallen wie auseinandergerupfte Knetmasse, mit der im Kindergarten an verschiedenen Stellen gebastelt wird, hat sich wieder ein großer Klumpen gebildet.

In Gleichzahl brachten die Mainzer zwar gegen den großen Nachbarn nicht viel zustande, aber in Überzahl drückten sie derart vehement aufs Gaspedal, dass die Stürmertore von Karim Onisiwo (50.) und Adam Szalai (69.) fast zwangsläufig fielen. „Wir wollten das Ding unbedingt drehen“, sagte Beierlorzer, der aus der Spielstatistik „312 Sprints“ herauslöste, um den „Powerfußball“ seines energetischen Ensembles zu belobigen. Von der Trainerbank kam mit der Einwechslung des wuchtigen Szalai selbst das stürmische Signal zur Wende, während der Kollege Adi Hütter seinen einzigen Angreifer Gonzalo Pacienca opferte.

Dass der gesundheitlich angeschlagene Ungar traf, nötigte dem Matchwinner selbst ein Kopfschütteln ab. „Acht Wochen trainiere ich hier wie ein Verrückter, um ein Tor zu schießen. Und jetzt treffe ich das erste Mal, nachdem ich drei Trainingseinheiten krank war“, erzählte der 31-Jährige, der für Beierlorzer „mit seiner unheimlichen Präsenz für dieses Tor prädestiniert war“. Dass bei den wachgeküssten Mainzern noch nicht alles wieder gut ist, bewies die wacklige Schlussphase, die vom neuen Trainer vor dem Auswärtsspiel beim FC Augsburg (Samstag 15.30 Uhr) noch ausgiebig analysiert werden soll.

Sportvorstand Rouven Schröder peilt bei den bayrischen Schwaben gleich den dritten Dreier infolge an, denn: „Wir waren fußballerisch besser als Frankfurt. Dass unsere Jungs kicken können, wussten wir vorher.“ Seine Schlussfolgerung: „Die Brust wird breiter, die Mannschaft lebt: Das wird ein superspannendes Spiel in Augsburg.“ 18 Zähler wären insofern zum zweiten Advent nicht verkehrt, weil die letzten Heimspielgegner Borussia Dortmund (14. Dezember) und Bayer Leverkusen (21. Dezember) heißen, zwischendrin geht’s zu Schröders Ex-Klub Werder Bremen (17. Dezember). Eine weitere Mainzer Fiesta-Woche ist kurz vor Weihnachten nicht zwangsläufig garantiert.

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