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Muss künftig bei der zweiten Mannschaft trainieren: Adam Szalai.

Spielerstreik

Spielerstreik bei Mainz 05: Eskalationsstufe Mainz

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Um Konflikte zu vermeiden, sollte der Mainzer Stürmer Adam Szalai vom Teamtraining ferngehalten werden - eine fatale Fehleinschätzung.

Bei Mainz 05 haben sie am Donnerstag die Scherben des Vorabends zusammengekehrt. 48 Stunden vor dem ersten Heimspiel der Saison gegen den VfB Stuttgart am Samstag (15.30 Uhr) vor zugelassenen dreieinhalbtausend Zuschauern könnte die Stimmung nicht schlechter sein. Sportvorstand Rouven Schröder räumte in einer digitalen Pressekonferenz ein, es gäbe „nichts zu beschönigen“, es sei „eine Eskalationsstufe“ erreicht worden, die so nicht hätte erreicht werden dürfen. Denn am Vortag hatte die Bundesligamannschaft geschlossen die Teilnahme am Nachmittagstraining verweigert. Aus Solidarität mit dem Stürmer Adam Szalai, 32.

Den Kapitän der ungarischen Nationalmannschaft, Vertrag bis 2021, hatte der Klub zum Wochenbeginn vom Teamtraining ausgeschlossen und ihm stattdessen ein individuelles Übungsprogramm für den Hausgebrauch aushändigen wollen. Szalai, der noch im DFB-Pokal vor zwei Wochen gegen den TSV Havelse als Einwechselspieler zur 2:1-Führung getroffen hatte, lehnte ab und sollte deshalb individuell mit einem Athletiktrainer trainieren. Die Mannschaft ging auf die Barrikaden und bestreikte konkret das Training.

Manager Schröder und Trainer Achim Beierlorzer begründeten am Donnerstag ihre aus eigener Sicht „konsequente und unpopuläre Entscheidung“ damit, sie hätten Szalai bereits frühzeitig in diesem Sommer darüber in Kenntnis gesetzt, dass er in den Planungen künftig keine Rolle mehr spielt und sich einen neuen Arbeitgeber suchen kann. Begründung: Man wolle jungen, aufstrebenden Spielern mehr Raum zur Entfaltung geben. Die Maßnahme, Szalai vom Mannschaftstraining auszuschließen, fiel schließlich, weil Sportchef und Trainer so Konflikte vermeiden wollten. Der alte Fahrensmann Szalai sollte dort keinen Frust schieben, der sich auf die Spielkameraden negativ auswirkt.

Eine fatale Fehleinschätzung: Stattdessen eskalierte der Konflikt, und zwar nicht nur der mit dem betroffenen Spieler selbst, sondern gleich mit der ganzen Mannschaft. Der Imageschaden ist immens, viel schlimmer dürfte jedoch der atmosphärische Schaden bleiben und in die weitere Saison ausstrahlen. Schröder gab zu, man habe „den Kommunikationsfluss falsch eingeschätzt“ und verwies dabei auch auf eine vorgeblich aggressive Medienberichterstattung. Wahr ist aber auch: An dem allermeisten anderen Bundesligastandorten wäre dieser beispiellose Fall im medialen Nachhall noch viel, viel aggressiver gediehen.

Am Donnerstagmorgen traf sich Schröder dann mit dem Mannschaftsrat und stellte klar, dass ein wiederholter Streik unakzeptabel ist. „Allen ist die Position des Vereins dadurch klarer geworden“, so der Sportchef mit der gebotenen Strenge. Er räumte dabei auch selbstkritisch ein, es sei unerlässlich, die interne Kommunikation zu verbessern. Der Klub gab zudem bekannt, Szalai trainiere künftig bei der eigenen U23-Mannschaft. Eine Rückkehr in den Profikader konnte das Profiteam für den Ungarn also nicht durchsetzen.

Adam Szalai war im Spätsommer 2019 als potenzieller Nothelfer aus Hoffenheim zurück nach Mainz gekehrt, nachdem klar war, dass der etatmäßige Mittelstürmer Jean-Philippe Mateta einige Monate mit einer Knieverletzung ausfallen würde. Der Mateta-Ersatz hatte allerdings bis auf wenige Ausnahmen - etwa dem entscheidenden Tor zum Sieg gegen Eintracht Frankfurt - nie an die Leistungen anknüpfen können, die er in jungen Jahren als Torjäger unter Thomas Tuchel in Mainz gezeigt hatte. Fachleute überraschte das wenig. Szalai ist in die Jahre gekommen. Die Tempodefizite des Strafraumstürmers wurden dadurch noch offenkundiger. Aber er hat einen gültigen Vertrag inne, der noch bis zum 30. Juni 2022 gilt und ist bei den Mainzer Teamkollegen weithin akzeptiert. Insoweit war die Entscheidung, den zu den Topverdienern gehörenden Angreifer derart plump zu degradieren, unklug.

Offenbar haben Schröder und Beierlorzer auch die Reaktion der Mannschaft vollkommen falsch eingeschätzt, andernfalls wäre es nicht zum Spielerstreik gekommen, der vor allem den Chefcoach stark geschwächt hinterlässt. Beierlorzer selbst war in der Pressekonferenz anzumerken, wie unwohl er sich in seiner Haut fühlt. Zwar äußerte er, das „Statement der Mannschaft“ sei „nicht persönlich gegen mich gerichtet“ gewesen, ein „Zerwürfnis nehme ich nicht wahr“, den weiter zunehmenden Autoritätsverlust dürfte er jedoch längst erspürt haben. Er könne die Solidaritätsbekundung des Teams mit dem Spieler nachvollziehen, habe aber kein Verständnis dafür, „nicht auf den Trainingsplatz zu gehen“.

Schröder betonte, der Boykott habe nicht, wie in Mainzer Medien kolportiert, mit weiteren internen Debatten um den vorgeblichen Gehaltsverzicht der Mainzer Profimannschaft zu tun. Ein Verzicht, der nach Ansicht der Spieler offenbar als Stundung zu interpretieren ist, weshalb die ausgebliebenen wohl 15 Prozent in den Monaten April bis Juni nach deren Ansicht wohl zurückgezahlt werden sollen. 05-Finanzchef Jan Lehmann hatte das nur für den Fall in Aussicht gestellt, dass die Coronakrise nicht weitere Furchen in die Bilanz zieht.

Das Thema ist allen Beteiligten äußerst unangenehm. Es wird laut Schröder auf ausdrücklichen Wunsch der Mannschaft intern behandelt. Die Chance, damit auch eine Botschaft der Bescheidenheit an Mitarbeiter und Gesellschaft zu senden, hat Mainz 05 jedenfalls längst verpasst. Und auch was den Fall Szalai angeht, macht sich Schröder nichts vor: „Die Geschehnisse sind nicht sofort behoben. Das wird ein längerer Prozess.“

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