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Magath: „Disziplin gehört nun mal zum Sport. Das habe ich doch nicht erfunden.“

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Von: Jan Christian Müller

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Wollen gemeinsam Hertha vor dem Absturz bewahren: Trainer Magath (links) und Manager Bobic.
Wollen gemeinsam Hertha vor dem Absturz bewahren: Trainer Magath (links) und Manager Bobic. © IMAGO/Matthias Koch

Bei seiner Vorstellung machen sowohl Berlins Manager Fredi Bobic als auch der Trainer selbst klar, was von ihm zu erwarten ist: eine harte Hand im Abstiegskampf.

Wenn nichts mehr hilft, kann Magath helfen. Fredi Bobic hat gar nicht großartig drumherum geredet am Montagmittag, als sich der Sport-Geschäftsführer von Hertha BSC verbal an den aus München herbeigeeilten Rettungsring klammerte. Felix Magath, ließ Bobic aufgeräumt wissen, verfüge erwiesenermaßen über „harte Hand im Umgang mit den Spielern“. Das ist es, was jetzt vielleicht noch hilft nach dem lustigen Onkel Dardai und dem netten Herrn Korkut: ein harter Hund, eine harte Hand, eine kalte Schnauze, um dem auf einen direkten Abstiegsrang abgerutschten Hauptstadtklub die Klassenzugehörigkeit in der Fußball-Bundesliga zu sichern.

Felix Magath saß daneben und lächelte gewohnt geheimnisvoll in sich hinein. Der Mann sah gut erholt aus und voller Tatendrang nach seinem gründlich misslungenen Abstecher ins Management des Drittligisten Würzburger Kickers. Dort hatte er sich erst verabschieden wollen, wenn „alle zufrieden“ seien. Er ging dann nach dem Abstieg durch die Hintertür. Niemand war zufrieden. Und doch: Da geht einer zehn Jahre nach seinem letzten Bundesliga-Engagement stramm auf die 70 zu, dem man das nicht ansieht. Seine Wahrheiten dürften für den Tabellen-17. gerade besonders zählen. „Disziplin gehört nun mal zum Sport. Das habe ich doch nicht erfunden.“

Das findet natürlich auch Bobic, dessen innere Distanz zum aktuellen Team greifbar ist. Er habe die Spieler nicht persönlich über die Personalie informiert. Denn: Ich glaube nicht, dass es meine Aufgabe ist, jeden Einzelnen abzuholen.“ Er habe den Profis am Sonntagmorgen lediglich mitgeteilt: „Schaut immer mal wieder auf eure Handys – und da guckt ihr ja oft drauf -, ihr werdet’s erfahren.“ Es sei an der Zeit, auch die junge Generation daran zu erinnern, hob Bobic an, dass Arbeit und Leistungskultur Bedingung für Erfolg seien. Offenbar hat der Sportchef dort einen größeren Mangel ausgemacht als an seiner bisherigen Personalpolitik. Magath ließ keinen Zweifel zu: „Mit diesem Kader werden wir den Klassenerhalt schaffen.“

Auch deshalb, weil er sein Handwerk nach wie vor beherrsche. Der Job als „Feuerwehrmann“ sei geradezu auf ihn zugeschnitten. Da habe er „überhaupt keine Bedenken“, schließlich sei es ihm in der Vergangenheit mit „sechs oder sieben Mannschaften gelungen, den Turnaround zu schaffen“. Die spektakulärste Rettungsmission liegt 22 Jahre zurück. Seinerzeit tauften die Frankfurter Profis den Schleifer Magath zwar in Anlehnung an den früheren irakischen Diktator „Saddam“, ließen sich mit dessen rüden Methoden aber aus schier aussichtsloser Situation in einem chaotischen Vereinsumfeld bereitwillig zum Klassenerhalt navigieren.

Magath hat auf seine Art Spektakuläres geschafft. Anführer der „Jungen Wilden“ in Stuttgart, Sensations-Meister aus dem Nichts mit dem VfL Wolfsburg, den er ein paar Jahre später vor dem Abstieg rettete. Mehr soll er auch jetzt bei der Hertha gar nicht tun. „Es geht nur um den Klassenerhalt“, sagte Bobic, „dafür ist Magath die perfekte Person.“ Das sei keinesfalls eine Adhoc-Entscheidung gewesen, sondern: „Ich habe mit dem Gedanken schon länger gespielt.“

Magath, der den ihm von seiner Station aus Fulham bekannten Schotten Mark Fotheringham als Assistenten mitbringt, hat sich die letzte Niederlage der Hertha genauer besehen und dabei einige Unzulänglichkeiten ausgemacht: „Es wirkte etwas unkoordiniert.“ Das ist nicht das allerbeste Zeugnis für Vorgänger Tayfun Korkut, aber es ist eine ehrliche Einschätzung und somit genau das, was Bobic von dem Neuen erwartet: knallharte Analyse, konsequente Reaktion, Rettung. Weil die Mannschaft vom geschassten Vorgänger Montag freibekommen hatte, lernt Magath sie erst Dienstag kennen, was er zwar bedauert, aber kurzfristig und offenbar altersmilde auch nicht mehr ändern wollte.

Die Hertha hat gute und weniger gute Erfahrungen mit ein wenig in die Jahre gekommenen Fußballlehrern im Kampf um den Klassenerhalt gemacht: Hans Meyer schaffte das mit 61, Otto Rehhagel scheiterte im Alter von 73 Jahren auf seiner letzten Trainerstation.

Seit Ante Covic im Sommer 2019 für Pal Dardai übernahm, herrscht ein Kommen und Gehen auf der Trainerposition, das Magath mit seiner Projektaufgabe „Nichtabstieg“ mutmaßlich nicht beenden wird. Binnen nicht einmal drei Jahren ist der 68-Jährige nun schon der siebte Übungsleiter am Olympiagelände. Ante Covic, Jürgen Klinsmann, Alexander Nouri, Bruno Labbadia, wieder Dardai und nun Korkut brachten die Alte Dame allesamt nicht ins Laufen. Korkut war angetreten, der Mannschaft mehr Offensive einzuverleiben. Zuletzt beim 0:2 in Mönchengladbach hatte er in seiner wachsenden Verzweiflung mit der schlechtesten Rückrundenmannschaft acht Defensive auf dem Platz.

Magath will nun erst einmal „riechen, hören und fühlen“, wo er in einem „windschiefen Kader“ („Tagesspiegel“) den Hebel anzusetzen hat. Aber auch ihm dürfte es kaum gelingen, etwa aus den Stürmern Ishak Belfodil und Davie Selke schnell galoppierende Rennpferde zu generieren. Und selbst wenn er das auf wundersame Weise schaffen sollte: Es wäre wenig überraschend, wenn der Altmeister im Sommer von Niko Kovac abgelöst würde.

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