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Wieder beim DFB dabei: Leon Goretzka. Bild: dpa

Joachim Löw

Männerfußball mit Verstand

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Wie Bundestrainer Joachim Löw die DFB-Auswahl spielen lassen will, ohne dabei sich selbst zu verraten. Ein Balanceakt, bei dem viel auf dem Spiel steht.

Joachim Löw hat aufmerksam zugehört im Gespräch mit führenden Bundesligamanagern, aber es hat dann doch ein bisschen gedauert, bis der Bundestrainer die Botschaft verdaut hatte. Mehr als ein Jahr ist es inzwischen her, da saß der just bei der Weltmeisterschaft in Russland mit seinem Team beispiellos früh gescheiterte Löw im fünften Stock der Geschäftsstelle der Deutschen Fußball-Liga im Frankfurter Bankenviertel mehrere Stunden lang mit den Sportdirektoren der Bundesliga zusammen. Die Botschaft aus der Bundesliga hat der vormalige DFB-Sportdirektor und Ex-Bayern-Sportchef Matthias Sammer in einem Satz zusammengefasst: „Ich hatte zwischendurch das Gefühl, dass der deutsche Fußball seine Identität komplett verloren hat.“ Für dieses Gefühl war Joachim Löw hauptverantwortlich, der seine Nationalmannschaft nach dem Titelgewinn 2014 zunehmend auf den Pep-Guardiola-Passmaschinenfußball getrimmt hatte. Dabei, monierte Sammer in diesem Januar bei einem großen Sportkongress in Düsseldorf, habe man in Deutschland „weder das Fundament noch den Verstand für einen solchen Fußball“.

Ein Dreivierteljahr später steht Joachim Löw im Nieselregen am zugigen Eingang eines Düsseldorfer Hotels, nur ein paar Abstöße von der Kongresshalle entfernt, in der Sammer seine kritischen Sätze im vergangenen Winter formuliert hatte, und sagt: „Wir haben viele Jahre vieles spielerisch gelöst. Aber international gesehen ist in den Zweikämpfen eine unglaubliche Robustheit gefragt. Da haben wir Mängel gezeigt.“

Löw würde sich selbst verraten, wenn er nun zum Klopper- und Bolzertrainer mutierte, „Ballbesitzspiel“, dozierte er deshalb in diesem Herbst mehrfach, sei nach wie vor „nicht tot“, aber bei den abschließenden EM-Qualifikationsspielen am Samstag (20.45 Uhr/RTL) in Mönchengladbach gegen Weißrussland und am kommenden Dienstag (20.45 Uhr/RTL) in Frankfurt gegen Nordirland soll neben Jogi-Löw-Schöngeist-Fußball eben auch erhöhte Widerstandskraft zu erkennen sein. Sowohl, um der Nationalmannschaft selbst Gutes zu tun, aber auch, um eine Botschaft an den Nachwuchs zu geben. Oliver Bierhoff hat das als DFB-Direktor in einer zukunftsweisenden Rede angemahnt: „Was wir brauchen, sind vermehrt durchsetzungsstarke Spielertypen.“

Mit seinem neuen, ihm wohlbekannten Cheftrainerkollegen bei Bayern München dürfte Löw beim Thema Männerfußball schnell Einigkeit erzielen. Auch sein Ex-Assistent Hansi Flick hat beim strauchelnden Meister nämlich erhöhte Mannorientierung und bessere Rückwärtsverteidigung ausgerufen und für dieses Anliegen Leon Goretzka im Austausch mit dem weniger kämpferischen Spanier Thiago in die Münchner Startelf rotieren lassen.

Das Beispiel Julian Brandt

Goretzka, 24, bester deutscher Spieler beim Confed-Cup 2017, hätte auch längst im Nationalteam eine bedeutendere Rolle spielen sollen, fehlte jedoch wiederholt verletzt. Gestern saß der Mittelfeldspieler auf dem Podium, das der DFB in einem fensterlosen Konferenzraum aufgebaut hatte, und erklärte, wie er robusten Fußball definiert: „Indem du hoch anläufst und alle auf dem Platz Eins-gegen-eins spielen, kommst du robust in die Zweikämpfe.“ Das ist momentan das Bayern-München-Credo unter Flick, und das könnte auch das Jogi-Löw-Credo beim DFB-Team werden. Ein bisschen zumindest.

Denn die noch recht jungen Spieler, die der Bundestrainer derzeit um sich schart, müssen noch reichlich internationale Erfahrung inhalieren. Bierhoff zählt Männer wie Jonathan Tah, Timo Werner und Julian Brandt (alle 23) auf: „Die brauchen Spiele in der Champions League, diese physische Stärke holst du dir nur durch Spielpraxis auf diesem Niveau.“ Bei der jüngsten 2:4-Niederlage gegen die Niederlande hat Bierhoff erkannt, „dass bei dem einen oder anderen Körperkontakt die Robustheit fehlte“.

Beispielhaft lässt sich das an einem filigranen Offensivmann wie Julian Brandt erklären. Der Dortmunder ging sowohl neulich beim 0:2 in der Champions League bei Inter Mailand als auch beim 0:4 im Bundesliga-Topspiel in München geradezu unter. Löw hat dem Spaßfußballer Brandt schon vor Monaten ins Pflichtenheft geschrieben, dass er bei „defensiven Umschaltsituationen nach Ballverlust“ mehr „Konstanz und Seriosität“ erwarte.

Wenn der Bundestrainer davon spricht, wem er eine Führungsrolle zutraut, fallen die Namen Joshua Kimmich und Leon Goretzka. Kimmich hat das schon geschafft. Im März, nach den unfreiwilligen Abschieden von Mats Hummels, Thomas Müller und Jerome Boateng ausgerufenem „neuen Zyklus“ hat Löw auch den fast schon vergessenen Emre Can wieder berufen, weil der Defensivmann für „Körperlichkeit und gute Balleroberung“ steht. Neulich in Nordirland hat es Can mit der Körperlichkeit freilich zu weit getrieben und nach einer Notbremse Rot gesehen, weshalb er jetzt gesperrt ist. Wer Joachim Löw kennt, der weiß: Nichts hasst der Bundestrainer so sehr wie unnötige Fouls in Strafraumnähe. Robustheit hilft nur, wenn sie von Klugheit begleitet wird.

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