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Auf und davon: Timo Werner will in Zukunft wieder häufiger treffen.
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Auf und davon: Timo Werner will in Zukunft wieder häufiger treffen.

DFB baut auf die Spieler von der Insel

Männerfußball in rosa Stollenschuhen

  • Jan Christian Müller
    VonJan Christian Müller
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Die Insulaner aus der Premier League sollen dem DFB-Team Robustheit und Selbstvertrauen zuführen - das ist ihnen zuzutrauen.

Ganz ohne Motivationsslogan kommt eine von Oliver Bierhoff gemanagte deutsche Fußball-Nationalmannschaft natürlich nicht aus. „Never not working, never not having fun“ heißt der etwas sperrig anmutende Sinnspruch anno 2021 – frei übersetzt: „Niemals nicht arbeiten, niemals keinen Spaß haben“. Mit dieser Mentalität soll die Mission Europameisterschaft in diesem Sommer successfully abgeschlossen werden. Den Claim auch noch unfallfrei in englischer Sprache formulieren können – dafür stehen im deutschen EM-Kader sechs Spieler aus der Premier League: die drei frisch dekorierten Champions-League-Sieger Kai Havertz, Antonio Rüdiger und Timo Werner, Finalverlierer Ilkay Gündogan, Bernd Leno, Keeper beim FC Arsenal, und Verteidiger Robin Koch von Leeds United.

Bundestrainer Joachim Löw erwartet von den Königsklassen-Endspielteilnehmern neben deren spielerischer Klasse vor allem eines: Körperlichkeit und Hingabe. Attribute, die auf der Insel schon die Boyscouts lernen und die von den deutschen Zuwanderern nur mit Mühsal adaptiert wurden. Timo Werner sagt: „Es wird hilfreich sein, wenn wir das Robuste bei der Nationalmannschaft reinbringen, das wir in England lernen mussten.“

Es geht also darum, den britisch geprägten, Wind und Wetter gegerbten Männerfußball ins DFB-Team zu exportieren, das zuletzt viel zu brav unterwegs war, sich sogar von Nordmazedonien kalt lächelnd auf kleiner Flamme abkochen ließ. Es passt nun gut ins Bild, dass der Sehnsuchtsort der EM 2021 am nordwestlichen Stadtrand von London steht: Wembley, die Fußball-Kathedrale schlechthin. Schauplatz der Halbfinals und des Endspiels am 11. Juli. Nur wer zuvor die Werte von Wembley gelebt hat, schafft es bis dorthin.

Der berühmte Rasen ist einigen nicht unbekannt: Bei all dem Trubel und Jubel um den Champions-League-Sieg von Werner, Rüdiger und Havertz war das andere, das verlorenen Finale des FC Chelsea, zuletzt ein bisschen untergegangen. Im FA-Cup-Endspiel verloren die Blues am 15. Mai gegen Leicester City 0:1. Das deutsche Trio also hat noch eine Rechnung offen mit Wembley. Wenn die DFB-Elf als Gruppenzweiter den Einzug ins Achtelfinale schafft, dann ginge es schon sehr zeitig nach London. Möglicher Gegner: England – wenn die Three Lions ihrerseits Gruppensieger werden.

Löws Insulaner eint neben dem Ziel Wembley, dass sie in der besten Liga der Welt Fortschritte gemacht haben. Und wollen nun, bei der EM, in London den Gipfel stürmen. Sie haben in England gelernt, Widerstände zu überwinden.

Beispiel Werner: Der Stürmer traf in seiner ersten Saison für den FC Chelsea in der Premier League sechsmal, in der Champions League viermal. Der 25-Jährige ist andere Quoten gewohnt, er redet gar nicht drumherum: „Natürlich hätte ich viele Chancen reinmachen müssen. Da fehlte Kaltschnäuzigkeit. So ehrlich muss man sein, ich habe dann angefangen, vor dem Tor zu viel nachzudenken. Das ist für einen Stürmer nicht gut.“ Werner formuliert das gänzlich unverkrampft. Er hat sich vom englischen Charakter auch außerhalb des Platzes schon einiges einverleibt.

Kai Havertz, der im vergangenen Sommer für 80 Millionen Euro von Bayer Leverkusen zum FC Chelsea wechselte, erzielte im Finale der Königsklasse gegen Manchester City das goldene Tor. Nach großen Startschwierigkeiten auf der Insel waren die vergangenen Wochen seine Festspielwochen. Es wäre inzwischen eine Überraschung, stünde Kai Havertz beim EM-Auftakt gegen Frankreich am Dienstagabend (21 Uhr) nicht in der deutschen Startelf.

Der feine Techniker selbst sagt in der ihm eigenen Zurückhaltung über sich: „Dass ich nicht der Spieler bin, der rumschreit und allen anderen Kommandos gibt, das wissen ja alle.“ Aber er geht inzwischen kaum einem Zweikampf noch aus dem Weg. Er ist kein Junge mehr, sondern ein Mann. Das ist es, was beim 21-Jährigen auf dem Bonuskonto erscheint und zusätzlich zu seinem überragenden Talent fürs DFB-Team genutzt werden soll.

Mehr als alle anderen in der Premier League beschäftigen deutschen Profis steht Antonio Rüdiger für die Neuausrichtung, die der Bundestrainer als Primärtugend für eine erfolgreiche EM ansieht. Unter Trainer Thomas Tuchel blieb der einst ungehobelte 28-Jährige wild und aggressiv – er lenkte seine Spielweise aber zum ersten Mal in der Karriere dauerhaft in kontrollierte Bahnen. Rüdiger ist in dieser Verfassung die Bank von London. Auch im DFB-Team. Werner sagt über Rüdiger: „Er gibt einem das Gefühl: Hinten haben wir einen Krieger, der sich in alles reinschmeißt.“

Gegen die französischen Wunderstürmer Mbappé, Griezmann und Benzema dürfte diese Einstellung sehr hilfreich sein. Joachim Löw kriegt sich gar nicht wieder ein in seinem Sonderlob für den Lieblingsspieler Rüdiger: „Er ist ein Anführertyp geworden, der andere pusht, der anderen als Vorbild dient, weil er eine Aggressivität besitzt, die beeindruckend ist. Das ist mitreißend für andere.“ Rüdiger, der mit Gesichtsmaske noch martialischer daherkommt, nimmt das Lob gerne an: „Die anderen zu pushen, das ist für mich was normales. Natürlich sehe ich mich in der Rolle, auf dem Platz voranzugehen.“ In der Kabine übrigens auch: Er ist der anerkannte Team-Diskjockey.

Meisterspieler Ilkay Gündogan seinerseits wirkt ganz so, als hätte er die Finalniederlage gegen Rüdiger, Havertz und Werner unbeschadet überstanden. Er sieht lieber das Gute im Schlechten: „Der Sieg hat den Jungs extrem viel Schub gegeben, den wir bei der EM nutzen können.“ Man sieht Gündogan im Camp in Herzogenaurach ständig gut gelaunt mit Kollegen flachsen, sogar mit Rüdiger. Und noch mehr mit Timo Werner. Der trägt derzeit pinkfarbene Stollenschuhe: „Habe ich mir nicht selbst ausgesucht“, sagt er, „aber ich finde, mit denen kann man rumlaufen. Auch als Mann.“ Sogar in England.

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