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Kein Vertrauensverhältnis: Bernd Hofmann und Jonas Boldt.

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Machtwechsel beim HSV: Ende eines Comebacks

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Bernd Hoffmann hat es auch in seiner zweiten Amtszeit beim HSV nicht geschafft, als Klebstoff in einem ungeheuer schwer zu führenden Klub zu funktionieren. Ein Kommentar.

Selbst das Coronavirus hat die Führungskrise beim Hamburger SV nicht betäuben können. Zu tief waren die Gräben im dreiköpfigen Vorstand, als dass der Aufsichtsrat sie in einem letzten verzweifelten Versuch am Samstag noch hätte zuschütten können. Als Ergebnis stand das Ende des Comebacks von Bernd Hoffmann, der schon 2011 gegen seinen Willen gehen musste, weil er nicht genügend Räte auf seine Seite bekommen hatte, ehe er sieben Jahre später auf wundersame Weise zurückgekehrt war. Hoffmann, ein zwar kluger, aber auch allzu listiger Mann, hat es auch in seiner zweiten Amtszeit nicht geschafft, als Klebstoff in einem ungeheuer schwer zu führenden Klub zu funktionieren.

Statt zu einen, hat der 57-Jährige entzweit. Das war früher schon verdächtig ähnlich, als er und der damalige Sportchef Dietmar Beiersdorfer sich irgendwann nichts mehr zu sagen hatten, und das ist jetzt nicht anders gewesen. Hoffmann ist es vom ersten Tag der „Zusammenarbeit“ an nicht gelungen, mit dem selbstbewussten Sportvorstand Jonas Boldt ein notwendiges Vertrauensverhältnis zu entwickeln. Stattdessen fühlte sich Boldt in seinen Kompetenzen als Sportverantwortlicher mitunter beschnitten, wenn nicht gar geradezu hintergangen.

Hinzu kam, dass auch der Finanzvorstand Frank Wettstein, ein ebenfalls mit reichlich Selbstbewusstsein ausgestatteter Mensch, Hoffmann schon seit geraumer Zeit die Gefolgschaft verwehrt. Ein Bundesligaklub muss von seinem Führungsteam profitieren und darf nicht darunter leiden. Es gab perspektivisch sowieso nur ein Entweder-oder. Insoweit war die knappe 4:3-Entscheidung des Aufsichtstrates gegen Hoffmann konsequent.

Ebenso konsequent reagierte der bisherige Boss des Gremiums, der Recycling-Unternehmer Max-Arnold Köttgen, und trat zurück. Köttgen hatte Tränen in den Augen, als er seine Beweggründe am Samstag offenbarte. Er hätte gerade vor dem Hintergrund der Coronakrise vehement für eine Fortsetzung der Vorstandsarbeit im Trio Hoffmann/Boldt/Wettstein plädiert. Den Machtkampf hat der 62-Jährige verloren, Ex-Profi Marcel Jansen geht als sein Nachfolger als Sieger daraus hervor.

Notorisch klammer HSV

Jansen – in Personalunion Präsident des HSV e.V., dem Mehrheitseigner der Profifußball-AG – hat sich in seiner erst 14 Monate währenden Amtszeit einen guten Draht zu Mäzen und Investor Klaus-Michael Kühne aufgebaut. Hoffmanns eigentlich nachvollziehbare Strategie, den HSV vom wankelmütigen Milliardär zu gut wie möglich abzunabeln, ist wohl gescheitert. In einer wegen der grassierenden Pandemie gerade mal wieder besonders angespannten Lage könnte Kühne zum wiederholten Mal eine Retterrolle anheim fallen. Denn ein drohender Saisonabbruch würde den notorisch klammen Traditionsklub rund 20 Millionen Euro kosten.

Der 34 Jahre alte Marcell Jansen und der 38-jährige Jonas Boldt stehen nun als Kapitän und Steuermann auf der Kommandobrücke, flankiert vom 82-jährigen Minderheitsgesellschafter Kühne. Trotz ihrer relativen Jugend verfügen Jansen und Boldt über reichlich Erfahrung im Profifußballbusiness. Jetzt müssen sie aber im unruhigen Umfeld beweisen, dass sie es gemeinsam mit Finanzchef Wettstein besser können als Bernd Hoffmann; jenem risikofreudigen Alphatier, das den HSV im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts mit einem Management des stetig steigenden Investments zwar unter die Top 20 Europas bugsierte, aber immer auch ein einsamer Anführer blieb.

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