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Sein letzter Auftritt als Schweizer Nationaltrainer: Ottmar Hitzfeld bei der WM 2014.  

Ottmar Hitzfeld

Was macht eigentlich Ottmar Hitzfeld? Würste grillen am Lagerfeuer

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Der ehemalige Fußballtrainer Ottmar Hitzfeld genießt das Rentnerdasein nach zwischenzeitlich psychischen Problemen.

Im gerade abgelaufenen Monat gab es etliche Vor-fünf-Jahren-Rückblicke. Fünf Jahre das deutsche 7:1 gegen Brasilien in Belo Horizonte, fünf Jahre Mario „Er macht ihn“ Götze in Rio. Und, man hat es aber fast vergessen: Fünf Jahre, dass Ottmar Hitzfeld ein letztes Mal eine Mannschaft coachte. Bei der WM 2014 war er mit der Schweiz im Achtelfinale gegen Argentinien der Sensation nahe. Das Gegentor fiel kurz bevor es Elfmeterschießen gegeben hätte. Eine große Trainerkarriere war beendet.

Das haben damals halt nicht alle geglaubt. Man dachte, bei einem guten Angebot werde Hitzfeld schon weich werden. Das Angebot kam dann auch: aus China. 25 Millionen Euro für eineinhalb Jahre. „Bei der Summe muss man überlegen“, gewährt Hitzfeld Einblicke in seinen Entscheidungsprozess, „es wäre Familienvermögen und für meine Nachkommen“. Sohn Matthias, der in München lebt, meinte: „Wegen mir musst du es nicht machen.“ Frau Beatrix bat: „Lass uns lieber in Lörrach bleiben.“ Ottmar Hitzfeld sagte den Chinesen ab. „Zehn Jahre früher wäre es eine Option gewesen. Aber mit 68 wegen des Geldes nach China – nein.“

Heute ist Hitzfeld 70 und, wie er sagt. „ein typischer Rentner, der morgens die Brötchen und Zeitungen holt“. Er erzählt es Joachim Day, einem Fernsehjournalisten, mit dem er lange schon befreundet ist (beide stammen aus Lörrach). Day hat die 72. und letzte Ausgabe seines erfolgreichen Magazins Dachau TV produziert (www.dachau-tv.de), Hitzfeld, der Ex-Bayern-Trainer, war sein Stargast, er kam nach Dachau. Eine Stunde Interview – es geht in die Tiefe.

Hitzfeld hat nun die Distanz zum Geschäft, das ihm gesundheitlich zusetzte. Darmdurchbruch, Magenprobleme, Bandscheibenvorfall, Burnout („Ich habe mich bei Siegen nicht mehr gefreut, es war kein Adrenalin mehr da, kam in eine depressive Phase“). „Ich habe mich nach Engelberg (Schweizer Bergort, d. Red.) zurückgezogen und eineinhalb Jahre gebraucht, um wieder Freude am Leben zu finden.“ Er konsultierte den Münchner Psychiater Florian Holsboer, der schon Sebastian Deisler behandelt hatte, „wir hatten Gespräche, und er hat mir auch Tabletten verschrieben“.

„Seit fünf Jahren geht es mir blendend“, erklärt Hitzfeld. Sein Rücken braucht keine Spritzen mehr, er golft gerne, mit Skifahren hat er aufgehört, es ist kein Alterssport. Mit den Geschwistern geht er oft in den Schwarzwald („Wir machen Lagerfeuer und grillen Würste“), mit Beatrix ist er regelmäßig auf kleiner Wallfahrt ins gut 30 Kilometer von Lörrach entfernte Kloster Mariastein. „Alle drei Wochen fliegen wir von Basel nach München zu unserem Sohn und verbringen dann jeweils zwei intensive Tage mit unseren drei Enkeln. Da krieche ich auch auf dem Boden rum, lese Geschichten vor, und wir gehen in den Tierpark.“

Seine Geschichte mit dem FC Bayern begleitet ihn weiterhin. Zum 70. Geburtstag hat ihn sein Ex-Verein zum „Käfer“ eingeladen, auch der ehemalige Co-Trainer Michael Henke kam dazu, es war wie früher. Hitzfeld erinnert sich daran, wie er in München die Rotation einführte („Spannend, wenn man Oliver Kahn sagt, dass man ihn nach 100 Spielen draußen lassen will“) und wie sich die Champions-League-Niederlage von 1999 anfühlte („Bitter, hart, fürchterlich, vor allem am nächsten Morgen“). Und noch einmal die Erklärung der ominösen Auswechslung von Lothar Matthäus bei 1:0-Führung gegen Manchester United: „Er war 38, ich habe ihn während der Saison immer um die 65. bis 70. Minute ausgewechselt. Er wusste das vorher und gab Zeichen, dass er müde geworden war.“

Eigentlich ein Wunder, dass Hitzfeld eine Karriere in der Vagabundenwelt des Fußballs machte. Lange begleitete ihn quälendes Heimweh nach Lörrach – Nachwirkung einer Kindheit, in der er wegen Untergewichts immer für mehrere Wochen ins Ferienlager der Caritas verschickt wurde. „Das Heim war fürchterlich. Ich wollte Lehrer werden, um an einem Ort arbeiten zu können.“ Erst in München ließ das Heimweh nach.

Im ausführlichen Interview mit Joachim Day wird noch einmal deutlich, was für ein ungewöhnlicher Trainer Ottmar Hitzfeld war. Er schrie nicht in der Kabine, agierte „nie aus einer Stimmung heraus, alle Entscheidungen waren gut überlegt“, und er „versuchte, immer gerecht zu sein“.

Beschwert hat sich über ihn in München niemand. Er war der perfekte Trainer.

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