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Luxus auf sechs Säulen des Wohlbefindens

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Von: Jan Christian Müller

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Ganz weit draußen in der Wüste: das DFB-Quartier. Foto: Imago Images
Ganz weit draußen in der Wüste: das DFB-Quartier. Foto: Imago Images © Imago

Die deutschen Fußballer wollen im Zulal Wellness Resort weit abseits des Trubels in Doha Ruhe finden.

Ein gewisser Mut zum Risiko ist Oliver Bierhoff nicht abzusprechen. Sonst hätte es der Manager der deutschen Fußball-Nationalmannschaft nicht gewagt, als Basiscamp für die WM 2014 in Brasilien das Campo Bahia direkt einer breiten Flussmündung am Atlantik erbauen zu lassen. Es ging gerade noch gut mit der Fertigstellung für die berühmten ersten Gäste. „Wir mussten die Handwerker rauswohnen“, witzelt Bierhoff im Blick zurück. Die Wohlfühlatmosphäre war danach so gut, dass Deutschland Weltmeister wurde. Der „Geist vom Campo Bahia“ schwebt noch heute über den Spielern von damals (von denen jetzt nur noch Manuel Neuer, Thomas Müller, Mario Götze und Matthias Ginter dazugehören).

Das Campo Bahia im verlassenen Nest Santo André, das nur über eine Fährverbindung erreichbar war, dient acht Jahre später in Katar als Vorbild. Die Wahl des DFB fiel auf das maximal abgelegene Zulal Wellness Resort, umgeben von Wüste und einem Strand am Persischen Golf, 110 Kilometer weit weg von der katarischen Hauptstadt Doha gelegen. Vorteil gegenüber dem Campo: Der Bau ist vollbracht, die Hotelanlage wurde im Frühjahr eröffnet. Kein Klempner mehr, der noch am Waschbecken rumfummelt, wenn die Nationalspieler an diesem Donnerstag einziehen.

Luxus überall

Die Nobelherberge im äußersten Norden von Katar war von Anfang an der Favorit des Managers Bierhoff, auch Bundestrainer Hansi Flick war bald Feuer und Flamme. Denn im geschäftigen Doha wäre eine solche Oase der Ruhe niemals aufzutreiben gewesen. „Wir haben nichts gefunden, wo man die Fenster auch mal öffnen kann. Wir hätten Stundenfenster für die Poolnutzung zugewiesen bekommen, es wäre alles nicht ganz optimal gewesen“, sagt Bierhoff. Im Zulal Resort bewohnt der rund 70-köpfige DFB-Tross einen eigenen Bereich.

Deutsche Nationalmannschaften sind bei Weltmeisterschaften traditionell etwas öffentlichkeitsscheu. Zur WM 2002 suchte sich der DFB am südlichsten Rand von Japan weit abgelegen in einem ziemlich verlassenen Freizeitpark eine Unterbringung.

Es folgte der Umzug nach Südkorea auf die Insel Jeju Island, fast niemand sonst da. Rudi Völler, damals Teamchef, bekam zwischendurch einen Rappel und wollte nach Seoul umziehen. Die TV-Anstalten opponierten, sie hatten mühevoll alle Technik auf das Eiland verfrachten lassen. Völler musste mit der Mannschaft bleiben.

2010 war eine schon reichlich in die Jahre gekommene Herberge das zentrale Quartier irgendwo im Nirgendwo auf der zugigen Hochebene zwischen Pretoria und Johannesburg, im Pool schwamm schon mal ein toter Frosch. 2014 folgte das Campo. 2018 ging es komplett schief, sich in Watutinki vor den Toren von Moskau in einer noch von den Sowjets erbauten Bude mit vergilbten Gardinen einzumieten, die noch nicht mal eine eigene Adresse hatte.

Nun also das Zulal Wellness Resort. Ein wahres Refugium der Ruhe, sandfarbene Gebäude auf einem 28 Hektar großen Gelände, doppelt so groß damit wie der neue, schon recht monströse DFB-Campus auf der alten Galopprennbahn in Frankfurt, topmodern, höchster Standard, Luxus überall, Wellness nicht zu wenig.

Gäste nehmen bis zu fünf Anwendungen pro Tag in Anspruch und zahlen üppig, bei 550 Euro pro Nacht geht es los. Das Zulal-Wellness-Erlebnis, so heißt es in der Werbung der Reiseveranstalter, basiere auf „sechs Säulen des Wohlbefindens“: Ernährung, Fitness, Spa, Physiotherapie, ganzheitliche Gesundheit und Ästhetik. Dazu werden die deutschen Spieler natürlich nicht umfangreich kommen, zudem wird die doch sehr zurückhaltende Ästhetik durch den DFB ein wenig verändert. Ein paar Farben sollen zwischen dem vielen Sandstein sichtbar werden. Es ist ja schon genügend Wüste drumherum.

Bierhoff hat augenzwinkernd festgestellt, dass angesichts der Lage niemand ausbüxen kann. Wobei das der moderne deutsche Fußballprofi ja ohnehin niemals tun würde. Anders als seinerzeit in der Sportschule Malente (inzwischen Uwe-Seeler-Sportpark), als Torwart Sepp Maier und Stürmer Uli Hoeneß über den Zaun kletterten, um heimlich in Hamburg ihre Frauen zu treffen, ohne dass Bundestrainer Helmut Schön etwas mitbekam.

Das wird im Zulal Resort mutmaßlich nicht passieren. Perfekt: Das Al Shamal Stadium, in dem die DFB-Auswahl trainieren wird, liegt nur wenige Minuten mit dem Mannschaftsbus entfernt. Es erinnert an eine Festung. Geheimtraining ist dort problemlos möglich, auch das wäre in Doha viel schwieriger geworden. Bierhoff und Flick könnten zufriedener nicht sein.

Ein Problem bleibt

Zumal auch das Abschlusstraining nicht, wie sonst bei Weltmeisterschaften üblich, im großen Stadion stattfinden darf, sondern auf dem Trainingsplatz. Das hat die Fifa entscheiden, um die Rasenflächen der acht Spielstätten zu schonen und unnötigen Verkehr durchs mutmaßlich dichte Doha zu vermeiden. Ebenso perfekt: Das DFB-Team darf zwei Vorrundenspiele im Al Bayt Stadion in Al-Khor austragen. Die einzige weit außerhalb von Doha gelegene Arena liegt auf kaum mehr als halbem Weg nach Doha, nur rund 70 Kilometer schnurstracks durch die Wüste vom deutschen Basislager entfernt.

Ein recht gewichtiges Problem existiert allerdings noch. Die Fifa verlangt, dass am Tag vor jedem Spiel der Trainer und ein Spieler zur Pressekonferenz im zentralen Medienzentrum in Doha erscheinen. 108 Kilometer hin, 108 Kilometer zurück. Hansi Flick ist not amused. Bierhoff ringt um eine Lösung.

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