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Lukaku wird zur tragischen Figur

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Von: Thomas Kilchenstein

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Vergab allerbeste Chancen: Romelu Lukaku. Foto: AFP
Vergab allerbeste Chancen: Romelu Lukaku. Foto: AFP © AFP

Gruppe F Belgiens Goldene Generation scheidet aus, Trainer Roberti Martinez wirft das Handtuch und Kroatien zittert sich ins Achtelfinale.

Irgendwann hat Romelu Lukaku gespürt, dass das so ein Abend werden würde, an dem ihm nichts gelingt. Er hätte noch zwei Stunden spielen können, noch näher vorm Tor stehen können, ja vermutlich hätte der kroatische Ballfänger Dominik Livakovic seinen Kasten auch verlassen können, Romelu Lukaku hätte auch dann nicht ins verwaiste Tor getroffen. Es gibt solche Tage, und der eigentlich beste belgische Stürmer, eine urwüchsige Kante, hatte so einen erwischt - zum komplett falschen Zeitpunkt.

Der 29 Jahre alte Angreifer von Inter Mailand, der in 103 Länderspielen 68 Tore erzielt hatte, hätte die belgische Altherren-Riege locker ins Achtelfinale schießen können, allein in den letzen 30 Minuten hatte er vier allerbeste Möglichkeiten, Möglichkeiten, die er sonst nachts um drei Uhr in Straßenschuhen macht. Einmal traf er den Innenpfosten, dann prallte ein Ball von seiner Brust parallel zum Tor statt rein, er fälschte mittels Schienbein um Haaresbreite ab und der Ball kullerte neben den Pfosten, er köpfte aus fünf Metern drüber und ganz zum Schluss, es lief schon die Nachspielzeit, verhinderte ein ganz langes kroatische Bein den Torschuss. Vermutlich wäre der auch nicht im Netz gelandet. Es hat nicht sollen sein. Belgien, die längst schon nicht mehr goldene Generation ist schmachvoll ausgeschieden, hat in drei WM-Spielen ein einziges Törchen nur erzielt.

Lukaku hätte der Mann des Spiels werden können, ja müssen, er wurde zur tragischen Figur, der hinterher bittere Tränen weinte. Später trat er noch eine Plexiglasscheibe zu Bruch. Aber man merkte halt schon, dass er lange Zeit nicht gespielt hat. Der Oberschenkel zwickte, ein Beinbeugemuskel war lädiert, weder in Serie A noch in der Champions League kam Belgiens Rekordtorschütze auf erwähnenswerte Einsatzzeiten - und die ersten beiden Gruppenspielen saß er in zivil auf der Bank, im entscheidende Spiel gegen Kroatien, das die Belgier unbedingt gewinnen mussten, kam er zur zweiten Halbzeit ins Spiel. Fit war der Mann nicht, das spürte man und im Nachhinein wäre es sicher besser gewesen, Michy Batshuayi zu bringen, der Schütze des einzigen belgischen WM-Turniers gegen Kanada zum dünnen 1:0-Erfolg.

Das Scheitern der Belgier, deren spanischer Trainer Roberto Martinez, 49, unmittelbar nach dem Schlusspfiff zurücktrat und das dürfte nicht der letzte Rücktritt bei den Roten Teufeln bleiben, allein an Lukaku festzumachen, griffe zu kurz. Im Team stimmte es die ganze Zeit nicht, schon im Vorfeld hatte Kevin de Bruyne in einem Interview gesagt, „niemals“ werden man den Titel holen können, das Team sei „zu alt“. Darauf keilten die „alten“ Kollegen, wie Jan Vertonghen, 35, zurück, Torwart Thibaut Courtois warf seinen Vorderleuten vor, „unnötige Fouls“ begangen zu haben. Jeder kritisierte den anderen, Kapitän Eden Hazard, auch einer, der verbal austeilte, sprach von „einer schwierigen Phase“ und wurde von Trainer Martinez in diesem do-or-die-Spiel auf die Ersatzbank beordert. Und kam erst drei Minuten vor dem Ende.

„Die Goldene Generation hat trotzdem ein Vermächtnis hinterlassen, es wird nachhallen“, sagte Martinez. „Es ist Zeit für mich, zu akzeptieren, dass es das letzte Spiel für mich war. Es waren sechs tolle Jahre. Ich bin stolz auf die Spieler.“ Trotzdem steht das erste Vorrunden-Aus seit 24 Jahren in der Bilanz - und das in einer Gruppe, die Marokko gewann und vorher als durchaus machbar erachtet wurde.

Auch Vize-Weltmeister Kroatien war erneut vieles schuldig geblieben, er verwaltete das 0:0 und trifft im Achtelfinale nun aber auf den Ersten der Gruppe E. Luka Modric, 37 Jahre alt, war erneut Taktgeber des kroatischen Spiels. Alt muss nicht immer ein Synonym für schwach sein. kil

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