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Jos Luhukay ist sauer.

Kommentar

Jos Luhukay hat den Schnauzer voll

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Aufruhr auf dem Kiez: Trainer Jos Luhukay spielt beim FC St. Pauli mit dem Feuer. Er attackiert seinen eigenen Klub scharf. Ein Kommentar.

St. Pauli ist nicht Stuttgart, zum Glück übrigens, aber Jos Luhukay ist Jos Luhukay und bleibt es auch. Ein Mann mit hohen Ansprüchen, an sich und andere. Wenn der Fußballtrainer in Rage gerät, verschwindet seine Oberlippe hinter einem kurzen Schnauzbart, und auf der Stirn treten Adern hervor wie eine Landkarte des Grolls. Vor ein paar Jahren war das in Stuttgart so, beim VfB, den er nach einem Abstieg wieder in die Bundesliga bringen sollte, und weil Luhukay, 57, fand, dass die Transferpolitik des damaligen Managers Schindelmeiser nicht zum Vorhaben passte, verließ er Stuttgart nach nur vier Spieltagen. Er hatte den Schnauzer voll, sozusagen, vom VfB und von Schindelmeiser.

Tja, und jetzt sitzt Luhukay auf St. Pauli und ist schon wieder sauer. Am Wochenende, auf der Pressekonferenz vor dem Montagsspiel in Bielefeld (1:1), bekam der Niederländer eine Frage nach der Perspektive gestellt für die neue Saison, und da wurde er dann allgemein. „Meine Erfahrung aus den Wochen hier seit April ist, dass bei St. Pauli zu viel Bequemlichkeit herrscht, zu viel in der Komfortzone gearbeitet wird und es zu viel darum geht, miteinander befreundet zu sein“, sagte Luhukay: „Das sind für mich drei Aspekte, die für mich nicht akzeptabel sind. Die Komfortzone und die Bequemlichkeit sollte man in die Mülltonne werfen. Das gilt in allen Bereichen.“ Wobei zu klären wäre, in welche Tonne so etwas wie eine Komfortzone eigentlich gehört.

Kulturwandel auf St. Pauli?

Luhukay ist jedenfalls nicht für neue Freunde zum FC St. Pauli gekommen, sondern für den Erfolg. Innerhalb von zwei Jahren wolle er mit dem Kultklub vom Kiez in die Bundesliga aufsteigen, sagte er beim Amtsantritt. Aber: „Damals war noch nicht klar, dass Stuttgart absteigt und der HSV nicht aufsteigt. Und dadurch, dass ich jetzt die Erkenntnisse habe, weil ich tagtäglich hier bin, sage ich ganz deutlich, dass es für St. Pauli in dieser Saison unmöglich ist, unter die ersten vier zu kommen.“

In Stuttgart war Jos Luhukay unzufrieden, weil Manager Schindelmeiser mit den reichlich vorhandenen Mitteln einen Perspektivkader zusammenbastelte, während er, der Trainer, sich gestandene Profis wünschte. Bei St. Pauli ist Luhukay unzufrieden, weil die Mittel vergleichsweise gering sind und der Anspruch vergleichsweise hoch; ein naiver Wunsch, endlich mal wieder Bundesliga zu spielen. Dass das eine Diskrepanz ist, bei der einer wie Luhukay rasend wird, kann man sich vorstellen.

Seine Kritik ist ja nicht neu. Einst war es Trainer Roland Vrabec, auch mal beim FSV Frankfurt, der von einer wenig leistungsfördernden Komfortzone im Klub sprach. Dass Präsident Oke Göttlich und der neue Manager Andreas Bornemann nun Luhukay eilfertig zustimmen, spricht dafür, dass sich ein Kulturwandel anbahnen könnte beim Hamburger Stadtteilklub. Mehr Leistung, weniger Komfort. Gut möglich, dass dabei ein paar Freundschaften auf der Strecke bleiben.

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