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„Lücke“ findet die Lücke

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Von: Jan Christian Müller

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Vom Lückenbüßer zum Hoffnungsträger: Niclas Füllkrug. Foto: dpa
Vom Lückenbüßer zum Hoffnungsträger: Niclas Füllkrug. Foto: dpa © Robert Michael/dpa

Instinktfußballer Niclas Füllkrug schießt nicht nur wichtige Tore, er bringt auch frischen Elan in dieses DFB-Team .

Mitunter können Zufälligkeiten eine gewisse Symbolik transportieren. Es war schon weit nach Mitternacht im dritten Untergeschoss des Al Bayt Stadions, als Thomas Müller frisch geduscht und von einer hartnäckigen Stubenfliege verfolgt aus der Kabine kam und den Medien seine Sicht der Dinge übermitteln wollte. Just hatte der 33-Jährige die ersten Sätze formuliert, tauchte Niclas Füllkrug auf. Müller räumte umgehend freiwillig das Feld für einen, den er gerade schon als „richtig geilen Typ“ bezeichnet hatte: „Fülle, übernimm du.“ Zuvor war es auf dem Platz zu genau dieser Ablösung gekommen, nach 70 Minuten, denen Füllkrug 13 Minuten später die Erfüllung seines Jokerjobs folgen ließ: Vollspann ins Glück.

Genau dafür hat Hansi Flick den 29-Jährigen mit nach Katar genommen. Als Mann für die gewissen Momente. Der Plan ist schon mal aufgegangen. Deutschland klopft dank des Mittelstürmers von Werder Bremen ans große Tor zum Achtelfinale. Es hört sich jetzt an wie eine Geschichte aus Tausendundeiner Nacht. Füllkrug, den sie wegen seiner Zahnlücke der Einfachheit halber „Lücke“ nennen, stellt das persönliche Fußballmärchen dar wie einen Verwaltungsakt: „Man braucht jetzt keine Riesenfreudensprünge zu machen, wir haben das wichtigste Spiel noch vor der Brust. Das eine Tor bringt mir am Ende wenig, wenn wir die Gruppenphase nicht überstehen.“ Zudem, hey Leute: „Es war bestimmt nicht mein erstes wichtiges Tor.“

So redet einer, der schon alles erlebt hat in seiner wechselvollen Karriere, die ihn aus der Jugend des SV Werder über ein paar Umwege zurück nach Bremen führte: Drei Knorpelschäden in zwei Knien, obendrauf einen Kreuzbandriss, multiples drohendes Karriereende. Abstieg mit Werder Bremen, wo er aus der Jugend noch jeden Nebenplatz kennt, 19 Tore zum direkten Wiederaufstieg. Dann: Latente Unstimmigkeiten mit Trainer Markus Anfang, der im Spätsommer 2021 keine Verwendung für ihn fand.

Füllkrug überlegte, ob er nicht besser gehen sollte. Der Frust kumulierte nach einem 0:3 bei Darmstadt 98 in einen heftigen Disput mit Teammanager Clemens Fritz. Ein Spieler mit weniger Standing als Füllkrug wäre postwendend rausgeworfen worden. Er durfte bleiben. Werder war da gerade zur grauen Maus in Liga zwei mutiert. Ein Jahr ist es erst her, als der Mittelstürmer an einem verregneten Novemberabend das einzige Tor für den Tabellenzehnten beim 1:2 bei Holstein Kiel erzielte. Tristesse an der Waterkant

Impfpassbetrüger Anfang hatte sich da gerade selbst vom Hof gejagt. Ein Segen. Nachfolger Ole Werner setzte fortan aus Überzeugung auf das Mittelstürmerduo Füllkrug und Marvin Ducksch. Und brachte Füllkrug damit in das Scheinwerferlicht, in dem der jetzt in Katar zu finden ist. Seine Präsenz im Strafraum ist erfüllend, sein Abschluss führt zuverlässig zu Toren, zehn sind es schon in dieser Bundesligasaison, der Platz an der Sonne in der Torjägerliste, zwei in drei Länderspielen. „Es freut mich, dass es kein Hindernis ist, bei einem Aufsteiger Werder Bremen zu spielen, um bei der WM dabei nominiert zu werden.“ In Bremen platzen sie gerade fast vor Stolz. Kult-Moderator und Stadionsprecher Arnd Zeigler montierte Füllkrug bei Facebook in einen Mona-Lisa-Rahmen und erhielt Abertausende Likes.

Auch die Mitspieler sind voll des Lobes für den listigen Neuen, der nicht nur als Joker eine Rolle spielt. Kapitän Manuel Neuer höchstpersönlich äußert sich entsprechend: „Er bringt trotz seines nicht mehr ganz jugendlichen Alters eine gewisse Frische rein, er ist ein absoluter Teamplayer.“ Und einer, dem es nicht am Selbstvertrauen mangelt in einer Mannschaft, die gerade Halt suchte. So kam es, dass der Mann, den man zweckdienlich als „Vollblutstürmer“ bezeichnen kann, die Unverschämtheit besaß, vor seinem Tor keinem Geringeren als Jamal Musiala den Ball zu stibitzen. Der Balldieb bezeichnete das im Rückblick als „Instinkt, und das heißt meistens, dass es gut ist, weil die instinktive Handlung oft besser ist, als wenn man nachdenkt“. So agiert ein Goalgetter, der nicht automatisch davon ausgehen sollte, dass er nun gegen Costa Rica von Beginn an spielt. Co-Trainer Marcus Sorg deutete am Montag an, man beobachte genau, „welche Wirkung welcher Spieler zu welchem Zeitpunkt hat“. Füllkrug hat freilich im Nationaltrikot noch nicht beweisen können, welche Wirkung er als Startelfspieler hätte.

Denn sollte Spanien Donnerstag gegen Japan verlieren, braucht Deutschland Tore am Fließband. Niclas Füllkrug hat Extraschichten im Kraftraum auf sich genommen, um seine Oberschenkel zu stärken. Ausdrücklich gegen den ärztlichen Rat, der um seine ramponierten Knie fürchtete. Er mag Zusatzschichten nach Trainingsschluss. Er kocht gern selbst, isst gesünder und fühlt sich fit wie nie. Er ist zwar schon 29, aber er wirkt noch wunderbar unverbraucht. Er hat seinen Vertrag bei den notorisch klammen Bremern mit spürbar weniger Grundgehalt verlängert. Die Knochenmühle des Profifußballs hat seine Knorpel geschliffen, aber nicht seine Persönlichkeit. Für Deutschland könnte all das noch hilfreich sein. „Lücke“ füllt die Lücke dort vorn.

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