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Schnell, brandgefährlich, erfolgreich: Stürmer Luca Waldschmidt (li.) hat bei der U21-EM bereist vier Mal getroffen.

U21-EM

Titelverteidigung ist drin - dank Luca

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Die deutsche U 21 marschiert auch dank der überragenden Vorstellung ihres Stürmers Luca Waldschmidt leichtfüßig durch die Europameisterschaft.

Donnerstagnacht machte Stefan Kuntz in Triest mal eine Ausnahme. Normalerweise gibt der Trainer der Deutschen U-21-Nationalmannschaft Interna aus der Kabine nicht preis. Aber nach dem überzeugenden 6:1(3:0) gegen Serbien im zweiten EM-Spiel erzählte Kuntz im Stadio Nereo Rocco natürlich gerne die Anekdote, wonach die Stammspieler gerade jene Kollegen mit Applaus empfangen hatten, die nicht zum Einsatz gekommen waren und kurz vor Mitternacht noch ein paar Steigerungsläufe im Stadion absolviert hatten. Kuntz wertete dies als ein weiteres Zeichen für die tolle Stimmung in der Mannschaft; er sagte: „Die Qualität der Spieler ist da, der Klebstoff zwischen allem aber ist der Teamspirit.“

U21 EM: Tolle Stimmung in der Nationalmannschaft

Nach dem 3:1 zum Auftakt gegen Dänemark und dem Kantersieg gegen lustlose Serben genügt dem Titelverteidiger am Sonntag im abschließenden Vorrundenspiel gegen Österreich ein Remis zum Gruppensieg. Nur die Gruppenersten und der beste Zweite der drei Vierergruppen kommen ins Halbfinale. Auch wenn die Gegner bisher schwach waren, spielt die Auswahl von Stefan Kuntz bislang sehr gut und professionell. Dass die Qualität auf fast allen Positionen mit gestandenen Bundesligaspielern herausragend ist, war schon vor Turnierbeginn unbestritten. Aber selbst Kuntz schätzte die Qualität im Angriff als „einen Tick schwächer“ ein als vor zwei Jahren. Die damalige Kuntz-Auswahl gewann mit Serge Gnabry, der mittlerweile Stammspieler in der A-Nationalelf ist, sowie dem klassischen Mittelstürmertypen Davie Selke im Sturm den EM-Titel.

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In Italien haben nun überraschend nach zwei Partien zwei Stürmer sieben der neun deutschen Tore erzielt. Luca Waldschmidt vom SC Freiburg traf gegen Serbien drei Mal und insgesamt vier Mal, Marco Richter vom FC Augsburg insgesamt drei Mal. Kein deutsches Tor fiel nach einer Flanke oder einem Kopfball, alle Treffer wurden nach Kombinationen oder Ballgewinnen herausgespielt. Kuntz hat das Offensivspiel in einer 4-3-3-Grundordnung den Spielertypen angepasst, er sagt: „Einen Horst sehe ich nicht so in unserem Nachwuchs. Wenn man den nicht hat, dann muss man anders spielen. Das ist nicht neu, das macht der Jogi ja auch schon lange.“ Horst ist natürlich Horst Hrubesch, den sie einst „Kopfball-Ungeheuer“ nannten und, wie Kuntz, einst ein wuchtiger Angreifer. Die Mittelstürmer-Debatte im Mittelstürmer-Land Deutschland tobt ja schon seit dem Ende der Karriere von Miroslav Klose nach dem WM-Titel 2014. Läuft es gut, werden die großen, kantigen Typen nicht vermisst, läuft es weniger gut, wird der Ruf nach ihnen laut. Außenstürmer Marco Richter, 1,76 Meter klein und Luca Waldschmidt, 1,81 Meter, sind ganz andere Spielertypen, die im Verbund mit dem Mainzer Rechtsaußen Levin Öztunali, 1,76 Meter, und den klugen Mittelfeldspielern um den Bremer Maximilian Eggestein bei der U 21 spielerisch zu ihren Toren kommen.

Die Entwicklung von Richter, 21, und Waldschmidt, 23, überrascht. Der draufgängerische Richter erarbeitete sich erst zu Saisonende einen Stammplatz in Augsburg. Und Waldschmidt schaffte nach Stationen bei Eintracht Frankfurt und dem Hamburger SV erst in dieser Saison in Freiburg den Durchbruch (30 Bundesligaspiele, neun Tore).

Seine Spielweise erinnert an die von Antoine Griezmann

Bei der Eintracht spielte der gebürtige Siegener von 2010 bis 2016, konnte sich aber unter den Trainern Thomas Schaaf, Armin Veh und Niko Kovac nicht bei den Profis etablieren. „Wenn man aus der Jugend hoch zu den Profis kommt, ist das schon eine Umstellung. Man war immer gesetzt und muss sich dann seinen Platz erkämpfen. Wenn man gefühlt eine ganze Saison auf 110 Prozent läuft und keiner bemerkt es, dann fällt es auch mal schwer, sich immer wieder hochzuziehen. In Frankfurt war ich einfach noch nicht so weit“, sagt Waldschmidt im Rückblick. In Freiburg spüre er hingegen das Vertrauen von Trainer Christian Streich, auch wenn es mal nicht so laufe.

Waldschmidt ist ein eleganter Stürmer, dessen Spielweise an die seines Vorbilds Antoine Griezmann erinnert: Der Techniker lässt sich immer wieder ins Mittelfeld fallen, nimmt am Kombinationsspiel teil und entzieht sich so geschickt den Gegenspielern. Und: Bei der EM trifft er wie er will, per Abstauber, mit einem Lupfer, einem trockenem Schuss und nach einem Dribbling.

Im Gespräch ist der Sohn des ehemaligen Zweitligakickers Wolfgang Waldschmidt (14 Spiele für Darmstadt 98) angenehm zurückhaltend, die Gerüchte in italienischen Zeitungen über das vermeintliche Interesse von Lazio Rom scheinen ihn ehrlich zu überraschen. Er wolle sich nur auf diese Europameisterschaft konzentrieren, sagt er. Da hat Waldschmidt Luka Jovic etwas voraus. Der Serbe, der gerade für 70 Millionen Euro von Frankfurt zu Real Madrid gewechselt ist und am Donnerstag in Triest gegen seinen Nachfolger bei der Eintracht, Dejan Joveljic, ausgewechselt wurde (69.), wirkte nach seiner Vorstellung bei Real bei dieser Junioren EM wie einer, der angekommen ist in der großen weiten Fußballwelt und sich nur nicht verletzen wollte.

Wohin und wie weit der Weg von Luca Waldschmidt führen wird, ist offen. Fakt aber ist, dass diese deutsche U 21 auch mit einem Luca statt mit einem Horst im Sturmzentrum die Titelverteidigung zuzutrauen ist.

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