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Löws jahrelanger Feinschliff

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Von: Jan Christian Müller

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Besitzt Autorität, ohne autoritär werden zu müssen: Bundestrainer Joachim Löw in Watutinki.
Besitzt Autorität, ohne autoritär werden zu müssen: Bundestrainer Joachim Löw in Watutinki. © dpa

Die Nationalelf zieht ihre Stärke aus flachen Hierarchien und einem Trainer, der Autorität nicht vorspielen muss. Als Klebstoff der Nation dient sie aber nur unzureichend. Heute muss die DFB-Elf ihre WM-Qualität beweisen.

Es war morgens um kurz nach fünf Uhr an diesem 24. Juni 2004, eine laue Nacht, als Theo Zwanziger in seinem Hotelzimmer an der portugiesischen Algarve unsanft aus dem Schlaf gerissen wurde. Horst R. Schmidt, der Kollege aus dem Generalsekretariat, übermittelte telefonisch verstörende Nachrichten von der Herberge nebenan. Zwanziger, damals Schatzmeister des Deutschen Fußball-Bundes, hatte ohnehin unruhig geschlafen. Am Abend zuvor war die Nationalmannschaft beim 1:2 gegen Tschechien in Lissabon ruhmlos in der Vorrunde der Europameisterschaft gescheitert. Ohne Sieg mit nur zwei Toren in drei Spielen.

Noch in derselben Nacht, bald nach der Landung in Faro, bat der verantwortliche Teamchef Rudi Völler den Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder und den Bürochef Schmidt zum Gespräch. Die beiden erschrockenen Funktionäre konnten den Trainer nicht umstimmen. Am Morgen um kurz nach acht Uhr gab Völler offiziell seinen Rücktritt bekannt. Die meisten der erfahrenen Reporter schlurften betreten aus dem dunklen Konferenzgebäude hinaus in die gleißende Sonne von Almancil. Sie trauerten um die schöne Zeit mit dem kumpelhaften Rudi Völler. Und sie ahnten damals noch nicht, dass es ein Abschied für immer war: der Abschied vom Fußball herkömmlicher deutscher Machart. Völler hatte gespürt, dass er den Weg frei machen musste für etwas Neues, Mutiges, Aufregendes. Die „Es gibt keine Kleinen mehr“-Rhetorik hatte ausgedient.

Einen Monat später: Als sein Handy klingelt, ist Joachim Löw gerade vom Joggen am Rande des Schwarzwaldes zurückgekehrt. Er hat seit ein paar Monaten keinen Job mehr, seit Austria Wien ihn beurlaubt hat. Auf Platz eins der Tabelle. Löw hatte natürlich schon mitbekommen, dass Jürgen Klinsmann die herabgewirtschaftete Nationalmannschaft für die WM im eigenen Land zurück in die Spur bringen sollte, nachdem die Altvorderen Hitzfeld, Rehhagel, Hiddink, Wenger allesamt abgesagt hatten und der erzürnte Boulevard seinen Liebling Lothar Matthäus beim DFB nicht durchbekam.

Weil Klinsmann wusste, dass er zwar die Überzeugungskraft und das strategische Know-how hatte, um das große Ganze als Projektleiter zu formen, aber nicht das tiefe Wissen, um Fußball zu lehren, fragte er den alten Bekannten. Löw hatte mit Klinsmann und noch ein paar anderen Größen von gestern im Frühjahr 2000 in einem Kurzlehrgang für Ex-Nationalspieler die Trainerlizenz absolviert. Es war eine Gruppe von Ahnungslosen, Löw war Klinsmann als fachkundig aufgefallen. Jetzt wollte er ihn zu seinem Assistenten machen, um dem Land die Freude am Fußball zurückzugeben. Löw sagte spontan zu. Er hatte sowieso gerade nichts zu tun.

Dann trieben die beiden gemeinsam mit dem ebenfalls eilig herbeigerufenen Oliver Bierhoff den größten Veränderungsmanagementprozess in der Geschichte der Nationalmannschaft voran.

Zum ersten Treffen präsentieren Klinsmann, Löw und Bierhoff den Spielern ein Video der größten Ruhmestaten ihrer Vorfahren, untermalt von Musik des Rappers Eminem: „One shot, one opportunity“: das Wunder von Bern, die Titel 1974 und 1990, der monumentale Empfang in Frankfurt 2002 nach dem unverhofften Finaleinzug in Yokohama gegen Brasilien. Die Spieler verlassen den Raum mit einem Leuchten in den Augen. Die Macht der Bilder hat Eindruck hinterlassen. Joachim Löw wird seine Arbeit als verantwortlicher Chef später mehr an Fakten orientieren: Passhärte, Passgenauigkeit, Ballbesitzzeiten, Abstände im Raum, Tiefenläufe, defensive Ordnung – und vor allem: präzises Positionsspiel.

Dem Weltmeistertrainer sind Muskeln gewachsen

Knapp 14 Jahre später. Es ist ein schwülwarmer Mittag Anfang Juni im deutschen Trainingscamp in Eppan. Löw hat ein paar Minuten übrig. Er setzt sich zu zwei Reportern an den Tisch, bestellt einen Espresso und erzählt von alten Zeiten. Damals, Anfang der 1980er, als er mit wehendem Haar im Sturm bei Eintracht Frankfurt spielte und die Stutzen bis auf die Knöchel runterziehen durfte, weil Schienbeinschoner vom Weltverband noch nicht vorgeschrieben waren. Löw hatte als Spieler was von einem 68er. Aber das war er gar nicht. Dafür war er zu jung, aber er war unangepasst. Die dumpfen Lehren der Trainer seiner Zeit hat er schon immer hinterfragt.

Als Löw so locker erzählt, läuft Oliver Bierhoff mit verkniffenem Gesicht vorbei und müht sich zu einem flüchtigen Gruß an die Presseleute. Jeder kann sehen: Der Mann steht mächtig unter Druck. Irgendwas scheint nicht zu stimmen. Bierhoffs Laune ist ein feiner Seismograph für das, was im Innenleben des Teams vor sich geht. Die anhaltende Debatte um die türkischstämmigen deutschen Nationalspieler Gündogan und Özil nach deren Treffen mit dem türkischen Präsidenten Erdogan zerrt an den Nerven des Managers.

Auch Löw beginnt die Sache zuzusetzen. Aber er lässt sich davon kaum etwas anmerken. Am Nachmittag ist trainingsfrei, er wird die Zeit nutzen, mit dem Athletiktrainer zum Fitnesszelt zu radeln. Er ist seit vier Jahren Weltmeistertrainer. Gemeinsam mit seiner öffentlichen Anerkennung sind auch die Muskeln gewachsen. Die Schultern hängen nicht mehr nach vorn. Als Bundestrainer hat er Zeit genug, auf seinen Körper zu achten. Sein zweiter Wohnsitz ist Berlin. Ein Weltmann, der weiß: Er hat alles richtig gemacht. Mindestens vieles.

Die missglückten Testspiele in Österreich und gegen die Saudis hat der Bundestrainer mit seinen vier Assistenten Sorg, Schneider, Köpke und Klose, den Scouts und Analysten längst mit routinierter Akribie aufgearbeitet. Löw setzt auf Teamarbeit, die Spieler werden eng miteinbezogen – „der Spielerrat“, sagt er bei seiner ersten WM-Pressekonferenz in Russland, „ist sehr, sehr stark bei uns“. Mit ihm obendrauf als Spiritus Rector. Aber das sagt er natürlich nicht.

Gündogan, Özil und sie alle miteinander müssen da jetzt durch. Gut dass das Turnier in Russland stattfindet. Weit genug weg. Trotz Internet: 40 Kilometer vor Moskau, irgendwo im Nirgendwo, entfaltet die Debatte schon weniger Wucht als noch daheim. Sie soll auslaufen wie eine Welle am Strand.

2006 war eine solche Flucht unmöglich. An einem der letzten Tage im Mai sind es nicht mehr ganz zwei Wochen bis zum WM-Auftakt in München gegen Costa Rica. Gerade hat Deutschland mühevoll ein 2:2 im Test gegen Japan geschafft. Jens Lehmann im Tor ist der beste Mann. Immer wieder haben die kleinen Asiaten die schutzlose deutsche Abwehr frontal anlaufen können. Per Mertesacker und Christoph Metzelder sind oft nicht hinterhergekommen.

Später, in der Interviewzone des kleinen Leverkusener Stadions, spricht Michael Ballack wie ein Spielertrainer. Seine Botschaft ans Land und an den Bundestrainer: Klinsmanns Vorwärtsstrategie braucht einen Kompromiss. Der offensive Mittelfeldspieler Ballack will sich bei der WM im eigenen Land selbst zurückziehen, als Halt neben Torsten Frings ins defensive Mittelfeld. Co-Trainer Löw stimmt dem Kapitän zu. Klinsmann nimmt den Ratschlag an. Wahrscheinlich wäre Deutschland sonst ins Verderben gerannt. Am Ende wird es ein Sommermärchen. Der Spanier Xabi Alonso hat dieser Tage in der „SZ“ ein schönes lyrisches Bild gemalt: „Da haben wir den Embryo des Weltmeisters von 2014 gesehen.“

Acht Jahre lang hat Joachim Löw danach gebraucht, um die Abläufe so präzise zu schleifen, dass sein Baby das schönste der Welt ist. Ein Machtwort seines Kapitäns, wie damals von Ballack, kann es nicht mehr geben. Weil es keine Platzhirsche mehr gibt wie Ballack, weil die Hierarchie so flach und so stabil gewachsen ist und weil das Spielsystem auf einer festen Struktur fußt, die unumstößlich ist.

Angreifer Thomas Müller, der sehr lustig sein kann und manchmal sogar ernst, erklärt: „Wir haben eine einheitliche Philosophie, die der Bundestrainer immer wieder vorgibt und einschleift. Entsprechend haben wir ein gutes Korsett, an dem sich jeder Spieler orientieren kann. Das ist ein Riesenvorteil. An fehlenden Abläufen wird es bei uns auf keinen Fall scheitern. Wir sind flexibel, sowohl was unsere Charaktere betrifft als auch unser Spiel.“

Die Autorität des Südbadeners Löw ist so groß geworden, dass er agiert wie jemand, der auf Autorität verzichten kann. Er schaue vor allem, sagt Löw, dass „alles im Flow“ bleibe, das ist momentan allerdings kompliziert, womöglich so schwierig wie noch nie zuvor in seiner Amtszeit. Er ist längst der stärkste Mann im Verband, stärker als der Präsident und der Generalsekretär, die beide noch neu sind und ihm dankbar ergeben den Vertrag verlängern, so lange er will. Er lässt sich Freiheiten, die er auch den Spielern schenkt. Er kann sich das leisten, weil jeder weiß, was er zu tun hat, weil das Korsett so eng ist auf dem Platz. „Wir wissen, worauf es ankommt“, sagt Sami Khedira, der zu Löws größten Vertrauten gehört. Das gibt auch dem Trainer Sicherheit.

Im vergangenen Sommer, beim Confederations Cup, auf den er eigentlich gar keine Lust hatte, ist ein Glänzen in Löws Augen zurückgekehrt. Eine junge Horde spielte, völlig unvorbereitet, den Rest der Welt schwindelig. Der Trainer hat sich davon verzaubern lassen, dass seine kühne Versuchsanordnung so gut passte. Aber diese jungen Kerle, Goretzka und Süle, ter Stegen und Brandt, Rüdiger und noch ein paar andere, sind noch nicht so gut, als dass die Arrivierten nicht mehr gebraucht würden.

Nur der kluge Kimmich und der flinke Werner haben sich festgespielt, der Rest muss warten. Verteidiger Mats Hummels beschreibt es so: „Wir Älteren haben über die Jahre das Selbstverständnis entwickelt Widerstände zu überwinden. Aber vielleicht wird es dann auch mal in den kleinen Momenten auf einen der Jüngeren ankommen. Diese Momente können entscheidend sein.“

Bierhoff kapselt die Mannschaft vom Verband ab

Die Alten fürs Korsett, die Jungen für die besonderen Momente. So war es schon 2014 mit Lahm, Klose und Schweinsteiger, ehe André Schürrle und Mario Götze Deutschland zum Weltmeister machten. Flanke Schürrle, Tor Götze. Beide sind zwar noch jung, aber jetzt schon nicht mehr gut genug. Torwart Neuer sagt: „Es wird auf das Zusammenspiel der Generationen ankommen.“

Derzeit gestaltet sich der Prozess als schwierig. Sie alle miteinander spüren, dass es irgendwo hakt, nicht nur wegen der Özil-Gündogan-Erdogan-Sache. Toni Kroos spricht es an: „Wir müssen unangenehm sein für den Gegner. Er muss das Gefühl bekommen: ,Deutschland ist schwer zu bespielen.‘ Da haben wir noch Luft nach oben.“ Nur dann kann das passieren, was Alonso an den Deutschen so fürchtet: „Du musst ihnen einen Gnadenschuss verpassen, um sicherzugehen, dass sie tot sind.“

Das große Gewinde bei den Untoten ist geschmiert, aber es sind die vielen kleinen Schrauben, an denen Löw jetzt noch die richtigen Drehungen für den Weltranglistenersten finden muss. Am Sonntag (17 Uhr MESZ) geht es im Luschniki-Stadion gegen Mexiko. „Ein schwieriges Spiel“, sagt Löw, „aber wir werden die richtigen Lösungen finden.“ Wenn er so was sagt, klingt er wie ein Zahnarzt, der, kaum dass er Karies am Backenzahn diagnostiziert, den Bohrer schon angesetzt hat. Die Füllung wird präzise passen. Das ist die Botschaft. Luschniki soll Anfang und Ende sein. Dort findet am 15. Juli auch das Finale statt.

Der Trainer, sagt Julian Draxler, inzwischen sechs Jahre dabei, habe sich „noch mal verändert“. Löw fordere noch mehr von ihnen als zuvor. „Er ist noch fokussierter, weil er den Titel unbedingt verteidigen möchte. Er hat uns oft genug mit auf den Weg gegeben, dass die gleiche Leistung wie 2014 nicht reichen wird. Er ist sehr akribisch, und der Hunger, von dem er selbst immer spricht, den hat er nicht verloren.“ Joshua Kimmich sieht den Bundestrainer als einen, der daherkommt, „als ob er mit seinem Auftreten sagen will, vertraut mir, ich mach das schon“.

Parallel zur sportlichen Entwicklung hat Manager Bierhoff sich darangemacht, dass das DFB-Team vor allem als „Die Mannschaft“ wahrgenommen werden soll. Das wirkt mitunter arg angestrengt. Der Ex-Nationalspieler, der parallel zur Profikarriere sein BWL-Diplom im Fernstudium schaffte, ist bestrebt, das angekratzte Image des Verbandes so wenig wie möglich auf das Weltmeisterteam abstrahlen zu lassen. „Die Mannschaft“ wird auf sämtlichen Kanälen als dynamisches Start-up inszeniert, um sich so gezielt vom vermeintlich trägen und durch die WM-Affäre nach wie vor belasteten DFB abzugrenzen. Agenturgetriebene Wordings wie der aktuelle WM-Slogan „Best never rest“, aus denen die Hohlheit nur so trieft, sind dabei betrüblicherweise inbegriffen.

Die Außenwelt wird als störend empfunden

Ohnehin gehört Bierhoff nicht zu jenen Menschen, die falsche Bescheidenheit vor sich hertragen würden. Die Nationalmannschaft hat der jugendlich daherkommende 50-Jährige schon weit vor dem Titelgewinn 2014 als „quasi vierte Macht im Staat“ herausgestellt. Eine kühne These und ein Anspruch, an dem er sich auch messen lassen muss, wenn Spieler wie Gündogan und Özil auf politischem Parkett ausrutschen. Bierhoff musste erkennen, dass sein Krisenmanagement die Sache nicht aus der Welt schaffte, er pampte in der Aufarbeitung der Affäre schließlich live im Fernsehen frustriert gegen die Medien und ignorierte dabei die Stimmung im Land, weshalb er bald beibog: alles nicht so gemeint.

Der sorgsam vorangetriebenen Politik der Abschottung dürfte dieser Zwischenfall noch mehr Dynamik verschaffen. Die Außenwelt wird im Lager der „Mannschaft“ zunehmend als störend empfunden, man igelt sich ein gegen die böse Welt da draußen. Es ist fast anderthalb Jahrzehnte nach der Revolution das Gegenteil dessen, was Klinsmann atmosphärisch anstrebte, als er das Sommermärchen erfand. Zum frischen Klebstoff der Nation muss Deutschland unter Bierhoff und Löw erst noch wieder werden.

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