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Bundestrainer Joachim Löw ist in eine Defensive geraten, aus der er nur schwer herauskommt.

Kommentar

Löw und die Defensive

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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DFB und Nationalmannschaft stehen arg in der Kritik. Jeder darf mal draufhauen. Und Joachim Löw wehrt sich nur halbherzig. Droht schon eine Trainerdämmerung? Ein Kommentar.

Der DFB und seine Fußball-Nationalmannschaft taugen gerade gut als Punchingball. Jeder darf mal draufhauen: Die Steuerfahndung und der Bayern-Boss auf den Verband. Die Ex-Internationalen, traut zum Jubiläumstreffen in der Toskana versammelt, auf die Mannschaft und ihren Trainer. Es wehrt sich ja niemand. Selbst dem Bundestrainer geht so langsam die Puste aus. Er versteckt das Leben in dünner Luft noch recht geschickt hinter vielen Worten. Und weiß doch: Er ist in eine Defensive geraten, aus der er nur schwer herauskommt.

Joachim Löw wurde stets eine gewisse Naivität nachgesagt, wenn es um Fragen der Abwehrbereitschaft ging. In Russland wurde Deutschland zum WM-Auftakt von Mexiko nach allen Regeln der Kunst ausgekontert und hat sich davon nie mehr erholt. Löw möchte nicht, dass ihm das nochmal passiert. Der vormalige Bundesvorwärtstrainer hat sich eine Verteidigungsattitüde angewöhnt, die auf den Platz ausstrahlt. Sie manifestiert sich dort in einer Dreierkette. Zugunsten der Absicherung verzichtet Löw inzwischen selbst gegen minderbemittelte Gegner auf einen Offensivmann. Man kann das als Kleinmut bewerten oder als notwendige Konsequenz für ein verunsichertes Team. Oder etwa gar als Bundestrainerdämmerung?

Die hat es in heftigerer Form schon 2012 gegeben nach dem EM-Aus gegen Italien und dem bald folgenden 4:4 gegen Schweden nach 4:0-Führung. Löw war gefühlt schon entlassen. Stattdessen blieb er stoisch da, wo er heute noch ist, wurde 2014 Weltmeister und gewann 2017 mit einer blutjungen Truppe den Confederations Cup. Ein Jahr später, im Spätsommer 2018, rügte er sich im Rückblick selbst für arrogantes Coaching. Ohne die Verdienste der Vergangenheit wäre das 0:2 gegen Südkorea sein letztes Spiel als Bundestrainer gewesen.

Löws Unantastbarkeit in der öffentlichen Wahrnehmung ist seitdem perdu. Seine Autorität nach innen? Schwer zu sagen, man ist in diesen Zeiten so weit entfernt von der Blase wie nie. Mutmaßlich ist seine Akzeptanz intern ungleich größer als die nach außen. Nationalspieler danken es einem Bundestrainer in der Regel, wenn er sie auch mal zu Hause ausruhen lässt. Neulinge sind dankbar fürs Debütieren. Man macht sich so Freunde drinnen und Feinde draußen. Bundestrainerschicksal.

Fußballfachlich hat Löw mit seiner Personalrotation in einer sehr besonderen Situation (hier: Länderspielhäufung wegen Coronavirus) ehrlicherweise nicht viel falsch gemacht. Die meisten lizenzierten Fußballlehrer - Lothar Matthäus und Berti Vogts natürlich ausgenommen - werden ihm Recht geben. Aber er hat das in einem Land getan, in dem die Nationalmannschaft auch dann mit viel zu viel Bedeutung angereichert wird, wenn ein Testspiel tatsächlich besser als unbedeutend hingenommen werden sollte. Zwischen 2014 und 2018 hätte Löw so etwas offensiv erklären können, jetzt muss er sich defensiv dafür rechtfertigen.

Es ist kein Trost, sondern macht die Situation noch unkomfortabler, dass sein Arbeitgeber DFB schon lieber ganz schweigt als sich überhaupt zu rechtfertigen. Jedes Wort kann gerade nur falsch sein. Dabei mutet es mindestens irritierend an, dass ausgerechnet Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge den Verband der Profitgier und Treulosigkeit ziemt. „Rolex-Kalle“ ist ein anerkannt fundierter Kenner des internationalen Fußballs. Aber Fragen der Moral sollte er besser anderen überlassen.

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