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Löschen und zündeln

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Von: Frank Hellmann

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Weist auf Missstände unmissverständlich hin: Bruno Labbadia.
Weist auf Missstände unmissverständlich hin: Bruno Labbadia. © dpa

Wie Bruno Labbadia den abstiegsgefährdeten VfB Stuttgart wieder in die Spur bringen will.

Erfolgserlebnisse sind in dieser Saison rar gewesen beim VfB Stuttgart. Wer nur drei von 15 Bundesligaspielen gewann, den erfreut auch ein schnöder Sieg im Testspiel. So wie gerade ein 3:0 gegen den FC Sion im spanischen Marbella. „Das braucht die Mannschaft“, versicherte Bruno Labbadia. Deshalb sollte bitte auch am Donnerstag gegen Sparta Prag noch ein Sieg her, ehe es zurück ins graue Schwabenland geht. Das Trainingslager war extra ausgedehnt worden, weil der neue Cheftrainer einen hohen Arbeitsanfall ausgemacht hatte.

Es sind ja keine bösen Mächte, die diesen hochtalentierten, aber in vielerlei Hinsicht auf schmalem Grat wandelnden Kader auf den Relegationsrang gebracht haben. Zu lange hat Vorgänger Pellegrino Matarazzo den Eindruck erweckt, die viele Begabung reiche schon. Nein, es braucht definitiv mehr Hingabe und Identifikation. Dafür heuerte eben Labbadia das zweite Mal am Neckar an – und geht seitdem voran. Als Frühaufsteher, der bis zum Einschlafen Arbeit und Leidenschaft einfordert. Dem 56-Jährigen scheint diese Rolle auf den Leib geschneidert. Ob sie ihm passt oder nicht.

„Red Adair“ des deutschen Fußballs hat ihn das Fachmagazin „Kicker“ getauft. Weil er wie Feuerwehrmann Paul Neal Adair jeden Brand der Liga löscht, wobei er allerdings nicht kiloweise Dynamit in Ölquellen werfen muss. Dass er jedoch auch mal bewusst zündelt, um schläfrige Jungstars zu wecken, ist verbürgt. Dazu gehört ein Lauf in aller Herrgottsfrühe, wenn draußen alles noch stockfinster ist. Diese in Spielerkreisen wenig beliebte Maßnahme diente nur zum einen der Verbesserung der schlechten Stuttgarter Laufwerte. Zum anderen wollte Labbadia sehen, wer pünktlich fürs große Ganze schwitzt.

Dass sich so manch einer erst auf den letzten Drücker in die Trainingsklamotten warf, kam beim Disziplinfanatiker gar nicht gut an. Labbadia, aufgewachsen in nicht einfachen Verhältnissen in einer südhessischen Großfamilie, hat sich alles selbst hart erarbeiten müssen – und das erwartet er heute noch, von sich und anderen. So bekam gerade Novize Thomas Kastanaras, 20, ein Sonderlob: „Bei ihm passt die Einstellung. Das ist eine gute Basis.“ Tadel empfingen hingegen die Talente Lilian Egloff, 20 und Tanguy Coulibaly, 21. Letzterer wurde am Montag vorzeitig vom Trainingsplatz geschickt, weil er mit einer Abseitsentscheidung des Trainerteams haderte.

Labbadia handelt mit Rückendeckung des neuen Sportchefs Fabian Wohlgemuth: „Ab und an ist es wichtig, klar die Richtung vorzugeben. Aber das ist alles kein Drama, Reibung gehört dazu.“ Und auch für Torhüter Florian Müller sind die „langen“ und „anstrengenden“ Trainingseinheiten der richtige Weg: „Das ist die Basis, die wir brauchen“, sagte der 25-Jährige, der am übernächsten Samstag im Heimspiel gegen den FSV Mainz 05 auf seinen Ex-Klub trifft.

Wer vor ihm in der Abwehr aufläuft, hängt auch noch vom Transfermarkt ab. Ausgeschlossen sind Verkäufe von Stützen wie Konstantinos Mavropanos oder Borna Sosa nicht, sollten für beide noch lukrative Angebote eingehen. „Wer im Fußball etwas kategorisch ausschließen möchte, befindet sich schon auf dem Holzweg“, weiß Wohlgemuth. Immerhin hat Topscorer Silas vorzeitig bis 2026 verlängert.

Labbadia wird dafür geschätzt, dass er einer Mannschaft in Windeseile vermittelt, gemeinsam Widerstände zu überwinden, um zu bestehen. Kaum ein Trainer hat mit der immer gleichen Methode so viel Erfolg wie dieser Fußballlehrer, der als Retter irgendwie überall funktionierte. Unvergessen, wie Labbadia 2015 den abgerutschten HSV über das Last-Minute-Tor in der Relegation in Karlsruhe in der Liga hielt.

Zweite Mission beim VfB

2018 empfingen ihn die Fans in Wolfsburg trotzdem mit dem Spottgesang „Wir steigen ab, wir kommen nie wieder – wir haben Bruno Labbadia.“ Doch nur wenige Wochen später ließen sie ihn – nach geglückter Relegation – hochleben. Auch 2020 gelangen ihm die entscheidenden Handgriffe, um Hertha BSC in der Bundesliga zu halten. Besser ist es seitdem in Berlin nie mehr geworden.

Zu seiner zweiten Amtszeit in Stuttgart – die erste dauert von Dezember 2010 bis August 2013 – hat Labbadia bei Amtsantritt gesagt: „Der VfB hat Wucht. In alle Richtungen.“ Das trifft die Ausgangslage ziemlich gut. Das Ringen um den Klassenerhalt könnte sich noch zum echten Drama ausweiten, wenn beispielsweise auch Schlusslicht FC Schalke 04 zum Re-Start mit einer Englischen Woche die ersten Erfolgserlebnisse einfährt.

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