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Lockerer bleiben

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Von: Frank Hellmann

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2019: Alexandra Popp (l.) und Martina Voss-Tecklenburg vor der Abreise zur WM in Frankreich. dpa
2019: Alexandra Popp (l.) und Martina Voss-Tecklenburg vor der Abreise zur WM in Frankreich. dpa © dpa

Was Bundestrainerin Voss-Tecklenburg aus der WM gelernt hat.

Es ist unbestritten, dass drei Trainingslager in knapp vier Wochen irgendwie auch Martina Voss-Tecklenburg gut getan haben. Die Bundestrainerin wirkte entspannt, aufgeräumt und zugleich zuversichtlich, dass die deutsche Frauen-Nationalmannschaft nach drei Jahren ohne größere Bühne bald bundesweite Unterstützung erfährt. Sie wünsche sich nur noch, „dass jetzt dieser Funke überspringt nach Deutschland, dass wir tatsächlich ein großes Fußballturnier vor uns haben – und das ist nicht die WM in Katar, sondern das ist die EM in England“. Am Sonntag hebt um 15 Uhr vom Frankfurter Flughafen der Charterflieger nach London-Luton ab, ehe sich der Tross für seine Gruppenspiele gegen Dänemark (8. Juli), Spanien (12. Juli) und Finnland (16. Juli) in Brentford einquartiert.

Voss-Tecklenburg hat keine Sorge, dass ihr Team nicht schon im wichtigen Auftaktspiel „die nötige Frische und Energie“ aufbringt. Die Vorbereitung lief aus ihrer Sicht nahezu optimal. Man hat das Privileg sehr genossen, zuerst auf dem DFB-Campus in Frankfurt die Akademieplätze einweihen zu dürfen und danach am Stammsitz des DFB-Ausrüsters in Herzogenaurach dieselben „hervorragenden Bedingungen“ vorzufinden wie die Männer. Man sei „miteinander gewachsen“.

Wichtig ist für eine erfolgreiche Frauen-EM 2022, nicht die Fehler aus der missglückten WM 2019 in Frankreich zu wiederholen. „Ich habe unbewusst die eine oder andere überfordert. Ich hatte nicht das Wissen über den Charakter und die Persönlichkeit aller Spielerinnen. Heute haben wir eine viel bessere Basis“, gestand die Bundestrainer nun offen ein. Nach dem Viertelfinalaus gegen Schweden (1:2) kam zudem heraus, dass es auch im Zusammenspiel mit ihrem Trainerteam mächtig hakte.

Dafür sind ihre Assistentin Britta Carlson als langjährige Co-Trainerin des VfL Wolfsburg, der ehemalige Horst-Hrubesch-Vertraute Thomas Nörenberg, der Schweizer Trainerausbilder Patrick Grolimund und der Torwarttrainer Michael Fuchs auch viel zu verschieden. „So viele starke Charaktere müssen erst zusammenwachsen – das war bei der WM zeitlich nicht möglich“, sagt die 54-Jährige.

Heute wisse man, „was wir jeder einzelnen zumuten können, wo sollten wir eine Streicheleinheit geben“. Wenn man im Trainerteam „nicht titelreif“ arbeite, könne man das auch von der Mannschaft nicht erwarten.

Zudem hat sie für sich festgestellt, dass es wenig bringe, wenn sie angespannt und verkrampft sei und sie „immer mit dem erhobenen Zeigefinger“ herumlaufe – besser ist es, zwischendrin locker zu bleiben. „2019 waren wir nicht ganz so gefestigt. Das ist ein Learning. Wenn wir Klarheit geben, entsteht Sicherheit, daraus wächst Vertrauen.“ Da hat eine selbstkritische Fußballlehrerin so einige Reflexionsprozesse angestoßen.

Frauen-EM 2022: Spielplan, Gruppen und Ergebnisse im Überblick

Sie hat ihren Spielerinnen „mehr Freiheiten“ zugestanden; zudem holt sie sich immer wieder Feedback ein. Das kam gut an, wie Kapitänin Alexandra Popp am Tag zuvor erzählte. Es habe sich auch „der Teamgeist in den letzten Wochen extrem entwickelt.“ Die 31-Jährige macht das an Kleinigkeiten fest: „Beim Essen gibt es keine klare Sitzordnung mehr, Klara Bühl hat ein Turnier auf der Konsole organisiert, wir hatten einen Teamabend.“ Und was die gestörte Kommunikation mit dem Trainerteam angehe, „haben wir den richtigen Weg zueinander gefunden“.

Näher zusammenzurücken ist alternativlos: Die Zeiten, dass die mittlerweile als Teampsychologin eingespannte Rekordtorjägerin Birgit Prinz ein DFB-Team fast im Alleingang zu einer Trophäe schießt, sind lange vorbei. Der achte und bislang letzte EM-Titel 2013 ist das beste Beispiel, dass es nur mit einem besonderen Zusammenhalt gelingen kann. Damals in Schweden setzten Führungsspielerinnen wie Nadine Angerer oder Saskia Bartusiak nach einer holprigen Vorrunde im Dachgeschoss eines Hotels auf der Urlaubsinsel Öland eine Aussprache ohne die damalige Bundestrainerin Silvia Neid an. Erst danach rauften sich Alt und Jung zusammen, gewannen drei K.o.-Spiele knapp mit 1:0, um sich nach der Rückreise aus Stockholm auf dem Frankfurter Römer feiern zu lassen.

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