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Sieger mit Pott: FC Liverpool, die beste Klubmannschaft Europas.

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Alisson Becker - der Deutsche im Tor des FC Liverpool

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Torwart Alisson Becker hält den FC Liverpool im Spiel - anders als sein Vorgänger vor einem Jahr.

Hinterher, als das Tafelsilber endlich beim FC Liverpool angekommen war, hat Jürgen Klopp seinem Torwart fast den Rücken gebrochen, so doll hat er ihn umarmt und gedrückt. Und ihm sogar ein paar Küsschen auf die Wange gegeben. Dabei hatte Alisson Becker, sein brasilianischer Schlussmann, zuvor gar nichts Überragendes vollbracht. Sicher, der 26-Jährige hatte zum Schluss in der Drangperiode von Tottenham ein paar Bälle abgewehrt, aber da war nichts darunter, was ein halbwegs ordentlicher Torwart nicht auch gehalten hätte. Nichts, was auch nur ansatzweise so schwer gewesen wäre wie jene sensationelle Parade im letzten Gruppenspiel noch im vergangenen Jahr, als Becker in allerletzter Minute den 1:0-Sieg gegen den SSC Neapel verteidigte. Bei einem Remis wäre Liverpool im Dezember nämlich ausgeschieden. „So was habe ich noch nie gesehen. Das war lebensrettend“, lobte Klopp seinerzeit.

Alisson Becker, im vergangenen Jahr für die damalige Rekordsumme von 73 Millionen Euro vom AS Rom gekommen, ist, wie viele Brasilianer, ein gläubiger Mensch, unter seinem grünen Torwartdress trug er ein weißes T-Shirt, auf dem er ein Kreuz und ein Herz gemalt hat. Er liest die Bibel und hört Gospel-Musik. Zuvor hat der bärtige 1,93-Mann seinen Kasten sehr souverän sauber gehalten, kein Wackler, keine Unsicherheit war darunter. Und damit hob sich Becker deutlich ab von seinem Vorgänger.

Sein Vorgänger war Loris Karius, der im letzten Champions League-Finale 2018 zwei absurd lächerliche Gegentore kassierte, weswegen der FC Liverpool 1:3 Real Madrid unterlag: Erst warf er Stürmer Karim Benzema den Ball direkt auf den Fuß, dann ließ er einen harmlosen Weitschuss von Gareth Bale durch die fangbereiten Finger flutschen. Karius steht inzwischen bei Besiktas Istanbul im Tor, sehr zufrieden sind sie dort auch nicht mit dem schwer Tätowierten, zum Titelgewinn hat er seinen Ex-Kollegen eine Glückwunsch-SMS geschrieben. Er ist ja nur ausgeliehen.

Jürgen Klopp brauchte Torhüter auf höchstem Niveau

Jürgen Klopp war im letzten Jahr schnell klar, dass es mehr Qualität unter der Latte brauchte, dass Torhüter nötig sind, die auf allerhöchstem Niveau auch den einen oder anderen Unhaltbaren halten, die in den entscheidenden Spielen den Unterschied ausmachen. Wie etwa Manuel Neuer, der im deutschen Pokalfinale den FC Bayern zweimal im Spiel gehalten hatte. Oder Kepa Arrizabalaga vom FC Chelsea, mit einer Ablösesumme von 80 Millionen mittlerweile der teuerste Ballfänger der Welt, der im Europa-League-Halbfinale zwei Elfmeter von Eintracht Frankfurt parierte, die Londoner zogen deshalb ins Finale ein.

Ein Selfie mit goldener Erinnerungsmedaille: Liverpools starker Torwart Alisson Becker, sehr glücklich.

Dass der FC Liverpool in der abgelaufenen Saison in 38 Spielen die wenigsten Gegentore (22) aller 20 Teams kassiert hat, hat natürlich auch mit dem brasilianischen Nationaltorhüter zu tun. In seiner Heimat gilt der Familienvater, mit einer Tierärztin verheiratet, als „o goleiro Gato“, die Torwartkatze, als solide und ohne Mätzchen oder Show, er pflegt ein nüchternes, unaufgeregtes Torwartspiel.

Alisson Becker hat, man ahnt es, deutsche Vorfahren. Im 18. Jahrhundert waren die Beckers aus Mettnich im Saarland mit dem Schiff nach Brasilien ausgewandert, sie siedelten tief im Süden des Landes, in Novo Hamburgo, dort, wo viele Deutsche ein neues Leben beginnen wollten. Alissons Ururururgroßvater Nikolaus Becker gründete dort die erste Gerberei und Sattlerei in der Region, die mittlerweile ein Zentrum der Leder- und Schuhindustrie geworden ist. 

Heute hat die florierende Stadt fast 300.000 Einwohner, eine der Hauptstraßen trägt den Namen Avenida Nicolau Becker. Alissons Vater José Agostinho spricht heute noch deutsch, Alisson selbst nicht; vor einigen Jahre hat er sich wegen seiner deutschen Wurzeln um einen deutschen Pass bemüht, ihn aber nicht bekommen, weil er in siebter Generation Deutscher ist. „Den Pass bekommt man nur bis zur dritten Generation“, sagte er einst in der „Sportschau“. Bruder Muriel, 31, übrigens steht auch im Tor, bei Beleneses Lissabon; zeitweise waren beide in Porto Alegre Konkurrenten.

Im Alter von zehn Jahren schloss er sich Internacional Porto Alegre an, drei Jahre nach seinem Debüt in der ersten Mannschaft ging er, mit 21, für acht Millionen Euro zum AS Rom, seine Paraden verhalfen der Roma im vergangenen Jahr zum Einzug ins Halbfinale der Champions League - wo die Italiener pikanterweise am FC Liverpool scheiterten. In Rom galt er als „der Deutsche“. Nun hat es mit dem FC Liverpool sogar zum ganz großen Triumph gereicht.

Bei Alisson Becker, schwärmt der deutsche Trainer, „sehen die schwierigen Dinge so leicht aus. Deswegen kriegt Ali nicht genug Lob ab.“ Das hat Jürgen Klopp jetzt nachgeholt, keinen seiner Spieler herzte er nach Schlusspfiff noch auf dem Rasen so lange und so intensiv wie seinen Tormann. Er wusste, warum.

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