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Lionel Messi: Der letzte Tango

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Von: Frank Hellmann

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Aug’ in Aug‘ mit den Fußballgöttern: Lionel Messi.
Aug’ in Aug‘ mit den Fußballgöttern: Lionel Messi. © afp

Sein wohl finales Spiel für Argentinien ist das WM-Endspiel: Für Lionel Messi könnte sich in Katar ein ganz großer Kreis schließen. Unabhängig vom Ausgang hat der Superstar bei dem Turnier seine Legende fortgeschrieben,

Der Nabel der Welt ist das nicht. Nicht einmal der von Katar. Oder von Doha. „Roundabout 5“ steht an der Einfahrt eines Kreisels auf dem riesigen Gelände der Universität von Katar, das mehreren WM-Teilnehmer als Trainingsstätte diente. Spanien, Schweiz oder die Niederlande, alle sind längst abgereist. Nur eine Nationalmannschaft ist noch hier: Argentinien. Am Eingang zu Trainingsplatz 3 bilden sich neben dem Schild „Bienvenida Argentina“ lange Schlangen an der Sicherheitsschleuse. Auf dem nächsten Hinweisgeber steht „Media Tribune“. Wenn eine Tribüne für Medienvertreter bei einer Trainingseinheit jemals Sinn gemacht hat, dann jetzt: Sind es 400 oder 500 Reporter aus aller Welt? Auf jeden Fall unfassbar viele. Die meisten arbeiten für Radio oder Fernsehen, ungefähr jeder Dritte scheint per Handy eine Live-Schalte abzuhalten. Sie schreien, krächzen, rufen oder glucksen einen Namen, der glücklicherweise in allen Sprachen ähnlich klingt: Messi, Messi, Messi. 18 Uhr. Offizieller Trainingsbeginn. Die Aufregung steigt.

Aus einem fliederfarben getünchten Gebäude kommen ein Dutzend Fußballer heraus, aber dummerweise nicht derjenige, der am Platzrand den Pulsschlag erhöht. Die Stammbelegschaft übt an diesem Abend nicht auf dem grell erleuchteten Rasenplatz. Trotzdem wird weiter kommentiert, als würde in Kürze das WM-Finale angepfiffen. Uli Köhler hat für Sky Sport News HD einen Platz in der ersten Reihe ergattert, was wirklich mal eine deutsche Glanzleistung darstellt.

Noch nie schien eine Viertelstunde öffentliches Training einer Reservistenschar für die Welt und seinen Fußball so bedeutsam. Fata Morgana oder Wirklichkeit?

Gar nicht weit weg, auf der großen Verbindungsstraße zum Stadtzentrum, der Al Jamiaa Straße, die an der West Bay mit den glitzernden Prachtbauten vorbeiführt, hängen zwei riesige Argentinien-Trikots über der ganzen Fassade. Messi und Maradona. Angebracht von Anhängern, um die Verbindung zu bezeugen. Wenn einige Kilometer weiter nördlich im goldenen Schmucktempel von Lusail das WM-Finale zwischen Argentinien und Frankreich (Sonntag, 16 Uhr/ARD) angepfiffen wird, dann geht es genau darum, dass sich die lebende Ikone und die verstorbene Legende vereinen. Lionel Messi hat unglücklich (2006), krachend (2010, 2018) oder dramatisch (2014) bislang immer einen WM-Titel verfehlt, aber nun, im fünften Anlauf, scheint der Fußballgott an ihn zu denken. Um zu der ewigen Referenz Diego Maradona aufzuschließen, damit auch der 35-Jährige endlich den ersehnten Goldpokal küsst. Messi hat vor dem Turnier erklärt: „Es ist meine letzte Gelegenheit, den Traum zu verwirklichen, den wir alle haben.“ Maradona soll dabei von oben helfen, wie er nach dem mit Ach und Krach im Elfmeterschießen gewonnenen Viertelfinale gegen die Niederlande versicherte: „Diego sieht uns vom Himmel aus zu, er pusht uns. Und ich hoffe, dass das bis zum Ende so bleibt.“ Es gibt eigentlich kaum einen, der ihm dieses Happy End seiner glorreichen Karriere nicht gönnt, weil er im Nationaltrikot noch nie so gut war; und das muss bei 171 Länderspielen und 96 Toren etwas heißen. Eigentlich könnte er danach auf einen Schlag aufhören mit dem Fußball. Mehr geht dann nicht mehr.

Der Zauberfuß hat bei dieser umstrittenen WM mitten in der Wüste, ob es gefällt oder nicht, mit seinem Fußball alle noch einmal verzückt. Er wurde mit Superlativen überhäuft. „Der beste Messi aller Zeiten“, schrieb das argentinische Sprachrohr „La Nacion“. Endlich legt sich der zweite Nationalheilige auch mit aller Entschlossenheit, mit allem Elan für die „Albiceleste“ ins Zeug, um die von Fans und Fußballern in einem gemeinsamen Lieblingslied besungene Sehnsucht von der „tercera Copa“, dem dritten WM-Pokal nach 1978 und 1986, zu erfüllen. Das geht nur mit einem Genius, der fast wie in seinen besten Zeiten beim FC Barcelona täuscht, trickst und trifft.

Nie wurde er seiner Vorbildwirkung für das Land fußballerisch mehr gerecht als in diesen Wochen. Und wie sehr in die eigenen Mitspieler verehren, macht Sturmpartner Julian Alvarez deutlich, der vor elf Jahren, als Elfjähriger, gemeinsam mit seinen beiden Brüdern am Rande der Copa America in Argentinien ein Foto mit seinem Idol schießen konnte. Die völlig verwackelte Aufnahme mit Messi tauchte jetzt auf. Alvarez ist inspiriert davon, einer Nummer zehn zu dienen, die beim zweifachen Weltmeister im Zentrum des Spiels steht. Seine Gegenleistung: fünf Tore, drei Vorlagen. Messi löste Gabriel Batistuta als argentinischer WM-Rekordtorschütze ab, wird Lothar Matthäus mit seinem 26. WM-Einsatz überholen. Kinder, die ihn das erste Mal richtig erleben, fragen sich, woher diese Fähigkeiten stammen, die ihn außerirdisch erscheinen lassen.

Er ist aber immer noch ein Mensch. Geboren 24. Juni 1987 in Rosario, bürgerlicher Name Lionel Andrés Messi Cuccittini. Sein liebstes Spielzeug war bald der Ball. Wo und wie die Grundlagen vor seinem Umzug nach Barcelona gelegt wurden, hat der spanische Sportjournalist Guillem Balagué in der autorisierten Biographie „Messi“ beschrieben: „Jeden Sonntag spielte Leo mit seinen Brüdern Rodrigo und Matias auf einer Betonplatte vor dem Haus seiner Großmutter Celia Rondos oder Torros, zu Deutsch ‚Neckball‘ oder ‚Schweinchen in der Mitte‘. Oft spielten sie mit einem Tennisball Fußball, dann kamen seine Cousin Maxi und Emanuel dazu. … Zwei große Steine dienten als Torpfosten. Leos Großmutter und ihre Töchter waren stets in der Küche beschäftigt und kochten Nudeln mit Sauce. Die Ehemänner Jorge und Claudio unterhielten sich auf dem Sofa in dem kleinen, engen Wohnzimmer angeregt mit Leos Großvater Antonio. Oder sie saßen auf den Stufen vor dem Haus und beobachteten die Jungen beim Fußballspielen. Und es fiel ihnen auf: ‚Leo lässt sich einfach nicht den Ball abnehmen, obwohl er so klein ist …‘“

Der Spitzname „La Pulga“, der Floh, klebte in seinen Anfangszeiten beim FC Barcelona an ihm wie der Ball. Dass sich Messi heute eine andere körperliche Konstitution zugelegt hat als früher, belegt das Jubelfoto, dass nach dem gewonnenen Halbfinale gegen Kroatien entstand. Messi steht mit entblößtem Oberkörper neben „Dibu“, Torwart Emiliano Martinez, ein baumlanger Kerl. Wer Brust und Bauch der beiden betrachtet, stellt fest: Der fast einen Kopf kleinere Messi ist muskulöser als Martinez. Sein Körper war vielleicht noch nie so durchtrainiert wie jetzt, mit Mitte 30. Sonst wären Galaleistungen eines Kickers nicht möglich, der zur Marke mit unerreichter Strahlkraft wurde.

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