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Linke Wange, rechte Wange

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Von: Stefan Brändle

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Freudenfeuer oder Bengalo? Ein wenig Sorge treibt Paris schon um. Foto: dpa
Freudenfeuer oder Bengalo? Ein wenig Sorge treibt Paris schon um. Foto: dpa © dpa

Im Grunde verstehen sich Franzosen und Marokkaner bestens. „La grande Fête kann begonnen, wenn nicht die Sorge um Krawalle auf den Champs Elysee wäre / Von Stefan Brändle

Eines darf angenommen werden: Es wird ein Spiel der Emotionen. In erster Linie natürlich für Marokko, das bei einer Fußball-WM noch nie so weit gekommen ist und die Hoffnungen eines ganzen Kontinentes auf den Schultern trägt. Aber auch für Frankreich, das auf dem Weg zu einem dritten WM-Titel, nach 1998 und 2018, ausgerechnet auf einen Gegner stößt, der ihm sehr nahesteht. 1,5 Millionen Marokkaner leben in Frankreich, viele davon in dritter oder vierter Generation. Die meisten leben sehr französisch, als Arbeiter, Buschauffeure, Zahnärzte. Einige haben es weit gebracht, als Ministerinnen (Najat Vallaud-Belkacem), Schriftsteller (Tahar Ben Jelloum) oder Chefin der in Paris ansässigen Uno-Organisation Unesco (Audrey Azoulay). Darunter sind auch sephardische Juden, die in Rabat nicht nur geduldet sind, sondern unter Marokkos König Mohammed VI. wichtige Beraterposten ausüben.

Den scharfen Kontrast dazu bildet der bekannteste Bataclan-Terrorist Salah Abdeslam, der ebenfalls marokkanische Eltern hat. Die meisten islamistischen Extremisten in Frankreich stammen allerdings aus den beiden anderen Maghrebländern Algerien und Tunesien, die ein sehr gespanntes, wenn nicht gestörtes Verhältnis zur ehemaligen Kolonialmacht haben.

Der Fußball gibt ein beredtes Zeugnis davon ab. Das bisher einzige Freundschaftsspiel Frankreich - Algerien musste 2001 vorzeitig abgebrochen werden. Als Marokko dort 2007 antrat, setzte es bei der französischen Hymne, der Marseillaise, zuerst Buhrufe ab, sie hielten sich in Grenzen.

Das sagt sehr viel aus: Marokko, 1956 ohne Blutvergießen unabhängig geworden, während der brutale Algerienkrieg noch heute nachwirkt, steht der ehemaligen Kolonialmacht entspannter, auch selbstbewusster gegenüber. Mohammed VI. legt sich derzeit gerade mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron an. Denn dieser geht fremd, schielt er doch auf das Erdgas aus Algerien – dem Erzfeind Marokkos im Westsahara-Konflikt.

Ansonsten verstehen sich Marokkaner und Franzosen sehr gut. Sie sind den Sinnenfreuden des Lebens zugetan, was auch all jene Franzosen bestätigen, die für das verlängerte Wochenende in ihren Riad, ihre Villa, in Marrakesch jetten. Für engste Bande sorgen auch die marokkanischen Zuwanderer in Frankreich, von denen ein Drittel Doppelbürger sind. Fußballpolitisch sind sie jetzt im Clinch. „Ich bin in Marokko geboren, aber in Frankreich lebe ich seit Jahrzehnten“, sagt eine Frau, als sie den Halbfinaleinzug ihres Landes zusammen mit 20 000 Fans auf den Champs-Elysées feierte. Um in die Fernsehkameras zu rufen: „Ich liebe auch Frankreich!“ Ihre Tochter hatte ihre linke Wange mit den französischen, die rechte mit den marokkanischen Landesfarben geschminkt. Ein älterer Marokkaner sagt, er sei seit der Ära von Zinedine Zidane für die französischen „Bleus“. „Aber diesmal ist meine Wahl klar“, fügte er fast entschuldigend an. Marokko, natürlich.

Ob all dieser Gefühlsverwirrung schreibt das Lokalblatt „Le Parisien“ fast schon poetisch: „Wie auch immer dass Spiel ausgehen wird: Die Tränen, die notgedrungen auf der einen oder anderen Seite des Mittelmeeres fließen werden, dürften nicht allzu bitter sein.“

Sehr versöhnlich klingt es auch in den übrigen französischen Medien. Einen Umstand nennen sie wie nebenbei: Zum Halbfinalspiel im fernen Doha werden auf den Champs-Elysée nicht weniger als 2000 Polizisten aufmarschieren. Mehr als wenn die Fans der „Blauen“ die Pariser Prachtavenue unsicher machen.

„La grande fête“, das große Fußballfest, birgt offenbar auch Risiken. Bushäuschen und Schaufenster der Luxusläden waren beim letzten Marokko-Spiel in die Brüche gegangen, Roller und Autos in Flammen aufgegangen. 91 Krawallmacher wurden verhaftet, 20 Polizisten verletzt. Auch in einer überschaubaren Zahl von französischen Banlieue-Vierteln gab es Randale. In Fréjus am Mittelmeer entzog der Bürgermeister dem Marokkaner-Viertel deshalb die städtischen Subventionen. Die französischen Medien verschweigen diese Vorgänge gerne – was fast mehr sagt über die französischen Ängste vor einer Krawallnacht.

Auch für Mittwoch zirkulieren in den sozialen Medien vieldeutige Appelle zum nächtlichen Stelldichein auf den „Champs“. Mit Fußball haben sie nichts zu tun, mit Marokko auch nicht. Eher tut sich eine Internationale der Krawallmacher zusammen. Sie nimmt die Szenen der arabisch-afrikanischen Verbrüderung in Doha zum Vorwand für aggressive Appelle gegen den „Kolonialisten“ – gemeint ist Frankreich. Zum Teil werden sogar russische Trolls hinter diesen Aufrufen vermutet; sie klingen nämlich ähnlich wie im Anti-Terror-Krieg in Mali, als russische Hacker offen Propaganda gegen Frankreich machen. Gegen die Europäer will Moskau den Sieg Marokkos. Ob das die Marokkaner nun wollen oder nicht.

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