+
Die Augsburger Ja-Cheol Koo (l-r), Christoph Janker, Trainer Martin Schmidt, Andre Hahn und Torwart Andreas Luthe freuen sich nach dem Sieg.

FC Augsburg

Liebeserklärung an die Bundesliga

  • schließen

Martin Schmidt findet den emotionalen Schlüssel, um dem FC Augsburg wieder Leben einzuhauchen – und vieles erinnert beim Schweizer an seine Anfänge bei Mainz 05.

Da sage noch einer, die Schweizer Berge seien von der Außenwelt abgeschnitten. Im Kanton Wallis stehen im Hause von Martin Schmidt nach dessen Eigenbeschreibung „15 Server und Receiver“, deren vorrangige Aufgabe es sei, Fußballpartien für die Nachwelt zu erhalten. Was ihm ermöglicht habe, sich jede Woche „20 bis 25 Spiele anzusehen“. Vorrangig aus der Bundesliga. „Ich habe jedes Einzelspiel geschaut, die anderen dann zeitversetzt“, erzählte der neue Trainer des FC Augsburg im Nachgang seiner erfolgreichen Rückkehr in die höchste deutsche Spielklasse.

Schmidt schien im Nachgang von besonderen Glücksgefühlen durchströmt. Nach 14 Monate ohne die Stressmaschine Profifußball sah der Tausendsassa extrem erholt aus. Die Bestätigung auf der Trainerbank hatte er indes herbeigesehnt wie früher als Extremskifahrer den ersten Schnee auf seinem Hausberg. „Ich liebe Deutschland. Die Sprache, die Herangehensweise, wie Fußball hier gelebt wird. Für mich ist das die geilste Liga in Europa“, verriet der facettenreiche Fußballlehrer bei einer Liebeserklärung der anderen Art. „Vor einer Woche war ich noch in den Bergen, nun erlebe ich diese riesige Freude.“

Mit derlei Vitalität löste der 52-Jährige die Blockaden in den Köpfen und auf dem Platz. Nur an „drei, vier Stellschrauben“ habe er gedreht; kein einziges Mal die Defensive geübt, sondern ausschließlich die Offensive, sagte er. „Ich habe auch nur vom Sieg geredet und das in die Köpfe reingepflanzt.“ So penetrant, dass sich seine Profis bestimmt gefragt hätten: „Weiß der eigentlich, wo wir stehen?“ Aber das sei ja sein Vorteil gewesen: „Man ist nicht mitschuldig und kommt unbelastet.“

Seine Mannschaft offenbarte Eigenschaften, die bislang nicht zum Markenkern der Fuggerstädter gehörten: Effektivität (erste Halbzeit) oder Dominanz (zeitweise zweite Halbzeit). Gewinnbringend sollen auch die wüsten Tritte gewesen sein, die der Einpeitscher gegen eine unschuldige Metallkiste anbrachte, die bei der Ansprache in der Kabine mitten im Raum stand. „Die lag so schön, da musste ich nichts mehr sagen“, erzählte Schmidt. Manchmal seien es „kleine Dinge“, die große Wirkung entfalten.

Doppeltorschütze Marco Richter fand den Wachrüttler erwähnenswert, weil damit endgültig die Botschaft angekommen war: „Nicht zurückziehen, Vollgas geben.“ Der U21-Nationalspieler, der seine drei Bundesligatreffer nunmehr allesamt im Frankfurter Stadtwald erzielt hat, verkörpert genau wie André Hahn jenen Spielertyp ist, den Schmidt für sein präferiertes Spielsystem benötigt. „Schnelle Leute, die Tempo auf die Bahn bringen. Wir wussten ja, dass die Eintracht auf den Seiten Räume anbietet.“

Tabula rasa hat gewirkt

Geschäftsführer Stefan Reuter durfte sich bestätigt fühlen, in der Vorwoche auf sportlicher Ebene Tabula rasa gemacht zu haben. „Der Trainer hat in die psychologische Trickkiste gegriffen und das, was da war, wieder zum Leben erweckt.“ Mit Ansprache und Ausrichtung habe Schmidt „direkt den Nerv“ getroffen, wobei dieser die Vorarbeiten von Manuel Baum nicht unerwähnt ließ. „Kompliment an meinen Vorgänger, der mir eine funktionierende, fitte, mentalitätsstarke Mannschaft überlassen hat. Ich musste nur ein bisschen den Kopf lüften.“ Es sei aber nur der erste Schritt gemacht worden, denn: „Im Abstiegskampf muss man die richtigen Spiele gewinnen.“ Etwa das Duell am Ostersamstag gegen den VfB Stuttgart, „da wollen wir die Bonuspunkte vergolden.“ Bei einem Sieg hätte der FCA satte zehn Zähler Vorsprung vor dem Relegationsplatz. Das wäre schon die Rettung.

Beim VfL Wolfsburg kam sich der Schweizer ziemlich früh ziemlich allein vor, beim FC Augsburg, ein eher familiär geprägtes Gebilde, das jenem beim FSV Mainz 05 nicht unähnlich ist, könnte es wieder passen. Der Einstand bei den bayerischen Schwaben verlief deckungsgleich zu dem bei den Rheinhessen: Im Februar 2015 hatte der Mann seine Bundesliga-Mission mit demselben Ergebnis gegen denselben Gegner gestartet. Kein Wunder, dass Schmidt am Sonntag sagte: „Es war ein schönes Zurückkommen ins Rhein-Main-Gebiet, in dem ich acht, neun Jahre gelebt habe.“ Vorteil Augsburg: „Ich bin in zwei Stunden in den Bergen.“ Daheim bei den Servern und Receivern, die ihn so gut auf dem Laufenden gehalten haben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion