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Für Heiko Herrlich läuft es wieder.

Bayer Leverkusen

Leverkusener Wundertüte

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Dass ein Trainer binnen acht Tagen vom Saulus zum Paulus wird, kommt selbst im Bundesligazirkus nicht so häufig vor. Heiko Herrlich hat es geschafft. Ein Kommentar.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass der Leverkusener Trainer Heiko Herrlich schwer angeschlagen in den Seilen hing und öffentlich angezählt wurde. Bayer 04 hatte sich mit Ach und Krach ein 2:2 gegen Hannover 96 erkrampft, der glückliche Ausgleich fiel durch einen Treffer von Karim Bellarabi – in der 94. Minute. Die Fans forderten den Kopf des Trainers, und Sportchef Rudolf Völler wand sich in seinen Verlautbarungen wie ein Aal zwischen den Fingern. Aber er war zumindest ehrlich, der Rudi, als er sagte, dass er eine Jobgarantie nicht bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag ausstellen könne, und also benutzte er dehnbare und interpretierbare Begriffe wie „im Moment“ oder „noch“. Das hörte sich dann so an: „Es gibt kein Ultimatum für den Trainer, im Moment noch nicht.“ Oder: „Noch hat er unser Vertrauen. Man muss es so sagen – so ehrlich muss man sein.“ 

Es folgte der nächste Tiefschlag, Europa League, auswärts in der Schweiz, 2:3 beim FC Zürich. Die Reise des stets so bierernst und irgendwie traurig wirkenden Trainers schien ein vorzeitiges Ende zu nehmen. Das liegt, wie erwähnt, nicht so furchtbar lange zurück, eine Woche nur, um genau zu sein. Und heute, acht Tage später, meldet das größte meinungsmachende Boulevardmedium: „Leverkusen wieder HERRLICH.“ Ja, sapperlot. Es ist kein Geheimnis, dass die Usancen der Branche zuweilen arg merkwürdig sind, das Geschäft ist ein verflucht schnelles, klar. Aber dass ein Trainer binnen acht Tagen vom Saulus zum Paulus wird – das kommt selbst im schrillen Bundesligazirkus nicht so häufig vor. 

Die Chemie stimmt

Verantwortlich dafür sind zwei Siege der Werkself, beide auswärts, einer in der Liga, einer im Pokal, beide errungen bei guten Teams, dem Dritten der aktuellen Bundesligatabelle und dem Vierten, beide deutlich und überzeugend ausgefallen, 6:2 in Bremen am Sonntag, 5:0 in Mönchengladbach am Mittwoch. Elf Tore in zwei Partien – das ist ein starkes Statement. 
 Für den Fußballlehrer Heiko Herrlich darf man sich freuen, er ist mit der tiefen Krise, der Stimmungsmache und dem drohenden Jobverlust sehr souverän und unaufgeregt umgegangen. Kritik gehöre zum Geschäft dazu, bemerkte er nonchalant. „In Deutschland herrscht Meinungsfreiheit. Und das ist gut so.“ Sehr wohltuend. 

Das Zwischenhoch am Rhein bedeutet nicht, dass der 46-Jährige jetzt bombensicher im Sattel sitzt und eine Garantie hat, sich noch lange zu halten. Dazu ist seine Mannschaft zu labil und wankelmütig, dazu sind auch die (internen) Vorbehalte gegen den Ex-Profi zu groß. Herrlich wird durchaus kritisch gesehen, es ist kein Zufall, dass Leverkusen schon vor Wochen Kontakt zu Ralph Hasenhüttl aufgenommen, sich aber eine Absage eingehandelt hat. Herrlich bleibt weiter unter Beobachtung, irgendwie auf Bewährung. 

 Aber er hat erst einmal den Turnaround geschafft und mehr Luft zum Atmen, ein erster Befreiungsschlag ist ihm gelungen. Und eines spricht für den Coach, ein nicht zu unterschätzender Fakt: Hätte er die Mannschaft verloren, hätte es tiefe Risse im Gefüge und in der Beziehung zueinander gegeben, dann hätte das Team nicht zwei solche Paukenschläge gelandet. Denn Fußballprofis wissen genau, wie sie es anstellen und was sie zu tun haben, wenn sie einen Trainer tatsächlich „abschießen“ wollen. Leistungen wie in Bremen und Gladbach bringt man nur auf den Rasen, wenn die Chemie stimmt. 

Auch das muss nicht bedeuten, dass Leverkusen das Feld von hinten aufrollt. Nein, Bayer 04 ist und bleibt eine Wundertüte, ein Ensemble mit begnadeten Fußballern, die an guten Tagen alles und jeden in Grund und Boden spielen können. Und die an schlechten Tagen auch gegen den, sagen wir, 1. FC Kaan-Marienborn verlieren würden. Das ist eine Frage der Einstellung und Mentalität. Aber es muss nicht immer alles am Trainer liegen. 

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