Will sich diesmal besser durchsetzen: Werder-Stürmer Milot Rashica gegen den Ex-Bremer Marnon Busch (re.), jetzt Heidenheim.
+
Will sich diesmal besser durchsetzen: Werder-Stürmer Milot Rashica gegen den Ex-Bremer Marnon Busch (re.), jetzt Heidenheim.

Werder Bremen unter Druck

Letzte Ausfahrt Heidenheim

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
    schließen

Für die Bremer wird das Relegationsrückspiel beim Zweitligisten zum Drahtseilakt - und Heidenheims Trainer Frank Schmidt hat sich schon wieder etwas einfallen lassen.

Von Tim Wiese wäre gewiss etwas zu hören gewesen, hätte der SV Werder die Relegation nicht gegen den 1. FC Heidenheim 1846, sondern gegen den etwas berühmteren, aber nun einmal nicht besseren Hamburger SV gespielt. Wie der Nordrivale in die Knie zu zwingen ist, weiß keiner besser als der Karatekämpfer und Hobbywrestler. Dabei hatte es Werders streitlustiger Protztorwart in seinen besten Zeiten auch mit jenem Gegner zu tun, bei dem Werder nach einer Nullnummer im Hinspiel am heutigen Montag (20.30 Uhr) das Rückspiel bestreitet.

Am 30. Juli 2011 waren die Bremer schon mal Gast in Heidenheim. Erste DFB-Pokalrunde. Volksfeststimmung. Eine überhebliche Attitüde, besonders vom heutigen Assistenztrainer Tim Borowski zur Show getragen, war Nährboden für die 2:1-Sensation. Das Siegtor auf der Schwäbischen Ostalb, wie sollte es anders sein, erzielte ein gewisser Marc Schnatterer. Wie begossene Pudel schlichen die damaligen Werder-Stars vom Rasen. Düpiert von einem Drittligisten. Dass sich diese Geschichte wiederholt, will der Bundesligist partout vermeiden, obwohl sich die beiden Vereine trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft so gefährlich angenähert haben, dass ein Favorit nicht mehr auszumachen ist. Niemand bei den Grün-Weißen wird diesen Gegner noch einmal unterschätzen.

Florian Kohfeldt versuchte sich am Sonntagmorgen vor der Abreise in dem Spagat aus Druckabbau und Spannungsaufbau: „Die Ausgangslage lässt uns die Möglichkeit, das zu überstehen.“ Seine Spieler müssten „in jedem Moment mehr Lust haben zu gewinnen, als Angst haben zu verlieren.“ Das ist einfach gesagt vor einer Alles-oder-Nichts-Konstellation, die Kollege Frank Schmidt zwar als das „größte Spiel der Vereinsgeschichte“ bezeichnete, was aber etwas anderes ist als das „wichtigste Spiel der Vereinsgeschichte“ zu bestreiten. Ein bisschen sind die Rollen nämlich wieder so wie vor neun Jahren im Pokal: Die einen können nur gewinnen, die anderen alles verlieren.

Mit dem einzigen Vorteil, dass Werder – analog zum HSV in der Relegation 2014 in Fürth – ein 1:1 reichen würden, um den Rettungsanker ohne Verlängerung auszuwerfen.

Auf das eher provinziell anmutende Ambiente, versicherte Kohfeldt, müsse er seine Mannschaft in Corona-Zeiten nicht mehr einstellen. Die kleinen Stadien in Paderborn oder Freiburg hätten ihnen bei den letzten Auswärtsspielen sogar behagt. Trotzdem wollen die Norddeutschen nach Spielschluss nichts wie weg: Noch in der Nacht geht ein Charter zum Flughafen Nordholz/Cuxhaven. Kohfeldt hat vor der ultimativen Entscheidung („das letzte Finale von vielen, danach gibt es keine Hintertür mehr“) daran appelliert, einerseits rational zu bleiben, andererseits nicht die Emotionen zu vergessen.

Schmidt hat eine neue Idee

Den 37-Jährigen selbst wurmt nach der katastrophalen Leistung im Hinspiel noch immer, wie ihn sein Gegenüber mit der mannorientierten Spielweise vollkommen überrumpeln konnte. Schmidt kündigte nonchalant an, ihm sei schon wieder etwas richtig Gutes eingefallen. „Ich habe mich aufs Fahrrad gesetzt, dann bin ich durch den Wald gefahren. Danach war der Kopf frei, eine Idee war geboren“, plauderte der 46-Jährige auf der Pressekonferenz aus. „So einfach kann man sich erholen und einen neuen Matchplan erstellen.“

Verwundbar wirkt Werder an zentralen Stellen, für die Kohfeldt sogar Jobsharing in Erwägung zieht. Für den gesperrten Abwehrchef Niklas Moisander könnten sich Ömer Toprak, seit dem Pokalspiel in Frankfurt mit Syndesmosebandriss ausgefallen, und Sebastian Langkamp, zuletzt angeschlagen nicht im Kader, die Aufgabe teilen. Im Angriff spricht vieles dafür, dass erst mal Josh Sargent beginnt und Niclas Füllkrug später reinkommt, der noch keine drei Startelfeinsätze hintereinander verkraftet. Die begrenzte Belastbarkeit der Bremer Berufsfußballer steht symbolisch für eine saisonübergreifend ungenügende Widerstandskraft, die jetzt auch die Relegation zum Drahtseilakt macht.

Kommentare