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Leroy Sané: Ein Rätsel ohne Lösung

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Von: Jan Christian Müller

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Kann viel, zeigt wenig: Leroy Sane überläuft den Italiener Davide Frattesi.
Kann viel, zeigt wenig: Leroy Sane überläuft den Italiener Davide Frattesi. © dpa

Nationalspieler Leroy Sané zeigt gern, was er sich leisten kann, aber er zeigt zu selten, was er leisten kann. Bundestrainer Hansi Flick will reden und fordern.

Als sich die Kollegen schon geraume Zeit den Ball zuschieben, steht Leroy Sané noch am Ofen. Die anderen wärmen ihre Körper auf, Sané seine Fußballschuhe. Der Deutsche Fußball-Bund hat seinen Nationalspielern ein solches Heizgerät an den Trainingsplatz in Herzogenaurach gestellt. Bei 75 Grad werden die Kickstiefel so geschmeidig gemacht. Sané nutzt das Angebot weidlich, stopft das Schuhwerk ein paarmal rein, holt es prüfend wieder raus, noch mal rein, noch mal raus - und schlurft schließlich als Letzter auf den Platz.

Man hätte sich einen Tag vor dem Spiel der Nations League gegen England in der noch nicht ganz ausverkauften Münchner Arena (20.45 Uhr/ZDF) auch eine andere Reaktion vorstellen können nach der spärlichen Vorstellung des 26-Jährigen beim 1:1 in Italien. Aber diejenigen, die Leroy Sané besser kennen, wissen, dass Trotzreaktionen bei ihm eher zu einem „Ihr könnt mich mal“ führen als zu einem „Ich zeige es euch jetzt“.

Was tun mit einem Spieler, der so viel kann und so wenig liefert? Hansi Flick kennt Sané aus gemeinsamen Münchner Zeiten. Mit dem Prinzip „Zuckerbrot und Peitsche“ hat der Bundestrainer seinerzeit beachtliche Resultate erzielt. Ende Dezember 2020 in Leverkusen wechselte er Sané nach 32 Minuten ein und nach 68 Minuten wieder aus. Selten zuvor ist ein amtierender Nationalspieler non-verbal deutlicher abgewatscht worden.

Sané, einer der Topverdiener der ohnehin top-verdienenden Bayern, verrichtete seinen Job fortan eine Zeit lang seriöser. Aber: Bei der EM 2021 bekam Joachim Löw den schwer erziehbaren Offensivmann, den er kurz vor der WM 2018 noch entnervt aus dem Kader bugsiert hatte, wiederum nicht recht ins Laufen.

Das gelang zunächst Julian Nagelsmann in der formidablen Hinrunde der Bayern. Sané absolvierte mehrere Klassespiele, vor allem dann, wenn er etwas zentraler agieren durfte. Aber der Zauber verflog. Nagelsmann und Hasan Salihamidzic versuchten es zunächst, ihre Überzeugungskraft intern einzusetzen. „Wir haben viele Gespräche geführt“, sagte Salihamidzic. Als eine Reaktion ausblieb, versuchte es der Sportchef auf die harte Tour über die Öffentlichkeit: „Jetzt muss er kommen. Wir erwarten alle von ihm, dass es auf dem Platz knallt, dass er explodiert und Gas gibt.“

Sané schaltete daraufhin endgültig in den Leerlauf. Beim 1:3 Ende April in Mainz präsentierte er sich nach seiner Einwechslung derart aufreizend lustlos, dass seine Vorstellung einer Unverschämtheit glich. In München überlegen die Verantwortlichen nun, ob sie ihren teuren Problemfall einfach mal in Ruhe lassen: keine persönlichen und keine öffentlichen Druckszenarien.

Schwer vorhersehbar, ob das der richtige Umgang mit einem hochbegabten Fußballspieler ist, dessen Exzentrik niemandem verborgen bleibt. Zum Camp im fränkischen Herzogenaurach fuhr Sané mit einem hochgetunten 571-PS-Gefährt mit Flügeltüren vor. Sané zeigt gern, was er sich leisten kann. Er zeigt aber zu selten, was er leisten kann.

Hansi Flick lehnte es unmittelbar nach dem Spiel in Italien noch ab, den Spieler öffentlich zu rügen. Wenn der einigermaßen desillusioniert wirkende Bundestrainer davon spricht, seine Mannschaft habe sich „den Schneid abkaufen lassen“, dürfte er auch den Flügelstürmer meinen. Den sah man in Bologna irgendwann nach einem Ballverlust mit den Händen in die Hüften gestemmt übers Feld trotten - um im nächsten Moment einem Gegenspieler hinterherzujagen. Was geht da vor in seinem Kopf? Öffentlich äußerte sich Sané zuletzt nicht.

Das tat am Montag dann Flick. Und zwar einerseits mit dem bekannten Vokabular, das er auf Fragen nach dem rätselhaften Profi fast wie ein Sprech-Automat parat hat, um Sané den Rücken zu stärken: „Leroy hat enorme Qualität“, er könne „ein Unterschiedsspieler“ sein. Kritisch fügte der Bundestrainer aber hinzu: „Er muss die Bereitschaft zeigen, dass er aktiv ist. Wir sind da dran.“ Flick will die Personalie sensibel angehen. Es sei wichtig, im Gespräch mit Sané zu bleiben, „ich will wissen, was ihn privat umtreibt“; auch gemeinsam darüber nachzudenken: „Ist die Position die richtige?“ Diese Episoden der Einfühlsamkeit will der Bundestrainer von „klaren Vorgaben“ begleiten. „Leroy hat gezeigt, was er kann, das wünschen wir uns auch hier.“ Die Wortwahl dokumentiert, dass dieser Wunsch noch nicht annähernd zur Genüge in Erfüllung gegangen ist.

Gegen England könnte Sané eine Versetzung auf die Ersatzbank bevorstehen, Flick schloss das ausdrücklich nicht aus. Er stellte sich auch schützend vor den vielkritisierten Timo Werner, den er zu seiner Münchner Zeit übrigens lieber verpflichtet hätte als Sané, sich jedoch seinerzeit nicht gegen den Sportvorstand Salihamidzic durchsetzen konnte, Bei Werner, so Flick eindringlich, würde „ein bisschen unterschätzt, was er für die Mannschaft tut“. Wie er „Räume vor der Abwehr schafft“. Klingt verdächtig danach, als dürfte der Chelsea-Stürmer eine weitere Chance von Beginn an gewährt bekommen.

Auch die Premier-League-Profis Kai Havertz und Ilkay Gündogan - beide nach der Einwechslung in Italien belebende Elemente - gelten als potenzielle Startelf-Kandidaten für den Klassiker gegen England. Für Havertz gab es ein Sonderlob des Bundestrainers. Der Offensivmann habe gelernt, seinen Körper gewinnbringender einzusetzen. Flick erinnerte an den deutschen Ausgleichstreffer in Bologna, als Havertz im Strafraum einen schon verloren geglaubten Ball eroberte und so Joshua Kimmich den Weg zum 1:1 bereitete: „Das ist die Intensität, die wir einfach brauchen“, fordert Flick. Die Bereitschaft dazu, diese Hingabe stabil zu liefern, erwartet er auch von Leroy Sané. Noch hat Hansi Flick die Geduld nicht verloren.

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