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„WM-Boykott bringt nichts voran“: Goretzka packt im Interview aus und geht Infantino an

  • Jan Christian Müller
    VonJan Christian Müller
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Im FR-Interview verrät der Nationalspieler Leon Goretzka, wieso er nichts von einem WM-Boykott hält, was er über die Pressekonferenz der FIFA denkt und wie er Japan entgegenblickt.

Katar – Leon Goretzka kommt entspannt mit umgedrehter Baseballkappe zum Interviewtermin im Trainingszentrum der deutschen Nationalmannschaft in Katar. Der Mittelfeldspieler von Bayern München ist vor dem deutschen WM-Auftaktspiel am Mittwoch (23. November) gegen Japan dankbar, dass die Klimaanlage in dem zuvor auf achtzehn Grad heruntergekühlten Sitzungsraum ein paar Minuten vorher abgestellt worden ist. Dann redet der 27-Jährige sich warm. Das FR-Interview:

Leon Goretzka ist Teil des DFB-Teams bei der WM in Katar. (Archivbild)
Herr Goretzka, endlich geht es los. Haben Sie sich schon überlegt, wie Sie jubeln, wenn Sie im Auftaktspiel in Doha gegen Japan ein Tor erzielen?
Goretzka: Ehrlicherweise noch nicht.
Bei der EM vor anderthalb Jahren gehörte das Foto Ihres Herz-Jubels gegen Ungarn zu den eindrucksvollsten Bildern der EM. Braucht man bei dieser WM in Katar derartige Symbolik ganz besonders?
Goretzka: Symbolbilder sind bei dieser WM sicherlich noch wichtiger als bei der vergangenen EM. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir diese Zeichen hier in Katar sehen werden.
Ein Zeichen sollte auch Manuel Neuers „One Love“-Binde werden, die auch andere Kapitäne europäischer Nationen als Zeichen für Menschenrechte tragen wollten…
Goretzka: Wir als Mannschaft begrüßen jedes Zeichen für Vielfalt und gegen Diskriminierung. Dass die FIFA nun viele Wochen nach Kenntnis der Gemeinschaftsaktion Strafen für das Tragen androht, ist nicht nachzuvollziehen. Es ist aber auch klar, dass diese Aktion nicht auf dem Rücken und zu Lasten von Manuel Neuer und der weiteren Kapitäne ausgetragen werden kann, wie es der DFB zu Recht sagt.

Fan-Flucht bei WM-Eröffnungsspiel: Die besten Bilder zum halbleeren Katar-Stadion

Zu Beginn des Spiels war der katarische Fanblock noch gut gefüllt.
Zu Beginn des Spiels war der katarische Fanblock noch gut gefüllt. © IMAGO/Moritz Mueller
Auch die Fans aus Ecuador konnten den WM-Auftakt nicht erwarten.
Auch die Fans aus Ecuador konnten den WM-Auftakt nicht erwarten.  © IMAGO/Nick Potts
Aber noch während des Spiels verließen die Zuschauer das Stadion fluchtartig.
Aber noch während des Spiels verließen die Zuschauer das Stadion fluchtartig. © IMAGO/Matthias Koch
Die Zuschauerränge wurden mit der Zeit immer leerer.
Die Zuschauerränge wurden mit der Zeit immer leerer. © IMAGO/Moritz Mueller
Auch hier handelt es sich um eine Aufnahme während des Spiels ...
Auch hier handelt es sich um eine Aufnahme während des Spiels ... © IMAGO/Foto Olimpik
Teilweise waren die Wege zum Ausgang dichter besiedelt als die Ränge.
Teilweise waren die Wege zum Ausgang dichter besiedelt als die Ränge. © IMAGO/Charlotte Wilson / Offside
So leer waren die Zuschauerränge schon kurz vor dem Schlusspfiff.
So leer waren die Zuschauerränge schon kurz vor dem Schlusspfiff. © IMAGO/Matthias Koch
Der erste Vorgeschmack auf die Stimmung in den Stadien während der WM...
Der erste Vorgeschmack auf die Stimmung in den Stadien während der WM... © IMAGO/Matthias Koch
Die Fans aus Ecuador hatten zum Ende des Spiels massig Platz, ihre Flagge auszubreiten.
Die Fans aus Ecuador hatten zum Ende des Spiels massig Platz, ihre Flagge auszubreiten. © IMAGO/Cristian de Marchena

Leon Goretzka über die FIFA: „Die PK von Gianni Infantino hat uns alle irritiert“

Die FIFA hat am Wochenende kurzfristig eine eigene Symbolik mit Slogans wie „Save the Planet“ oder „Be active“ erfunden. Wird hier ein grundsätzlicher Konflikt sichtbar? Die FIFA, deren Präsident Gianni Infantino und der Ausrichter Katar auf der einen und Verbände aus Europa wie der DFB auf der anderen Seite?
Goretzka: Die Pressekonferenz von Gianni Infantino hat uns alle irritiert. Es war mehr als erstaunlich, was da passiert ist und was dort wie gesagt wurde.
Unter anderem sagte Infantino, wir Europäer müssten uns erst einmal in den nächsten 3.000 Jahren für das entschuldigen, was wir in den vergangenen 3.000 Jahren weltweit verursacht haben.
Goretzka: Um sein Wording aufzugreifen: Man kann nur hoffen, dass die Fifa jetzt nicht auch 3.000 Jahre braucht, um sich effektiv für Menschenrechte einzusetzen. 
Fürchten Sie einen Graben zwischen den Lagern?
Goretzka: Wir wollen keine Gräben, sondern Brücken bauen. Das ist auch die Intention hinter unseren DFB-Aktionen hier in Katar wie dem gemeinsamen Training mit jungen Frauen und Mädchen. Am stärksten sind natürlich gemeinsame Aktionen. Symbole wie unsere Kapitänsbinde sollten genau diese Zeichen setzen und zum Dialog beitragen.
 Fifa-Präsident Infantino bezeichnete die Kritik aus West-Europa als „Heuchelei“… 
Goretzka: Die Diskussion über die Einhaltung der Menschenrechte ist hoffentlich keine westeuropäische Perspektive, sondern eine globale.
 Ist die Messlatte zu hoch, die wir in Deutschland anlegen?
Goretzka: Wir nehmen die Menschenrechtssituation in Deutschland als Selbstverständlichkeit hin, was sie leider nicht ist. Umso wichtiger ist es, die universell geltenden Menschenrechte auch in Länder zu exportieren, in denen das nicht der Fall ist. 

WM 2022: Goretzka hält nichts von einem Boykott

Verstehen Sie Aufrufe zum WM-Boykott?
Goretzka: Menschenrechtsorganisationen haben uns in den vergangenen Monaten in unserer Haltung bekräftigt: Ein Boykott bringt nichts voran. Ein Austausch dagegen bietet die Chance auf Fortschritt. Wandel durch Annäherung, heißt es nicht umsonst.
Seit Monaten wird in Deutschland über Frauenrechte und die Situation von Arbeitsmigranten und Homosexuellen in Katar diskutiert. Infantino sagte jetzt, dass auch er wisse, wie es sich anfühle, diskriminiert zu werden. Er sei als Kind in der Schule wegen seiner roten Haare gemobbt worden. Was denkt man als Spieler, wenn man so einen Satz hört?
Goretzka: Man hat leider nicht das Gefühl, dass Herr Infantino verstanden hat, worum es bei der ganzen Diskussion überhaupt geht. Und das ist sehr schade. 
Das Lifestylemagazin GQ erklärte sie im vergangenen Jahr zum „politischsten Akteur der DFB-Auswahl“. Freuen Sie sich über solche Beschreibungen?
Goretzka: Ich bin Fußballer, kein Politiker. Aber ich bin schon politisch interessiert. Und ich bin vor allem daran interessiert, dass sich Dinge zum Positiven wandeln. Ich habe ein sensibles Radar dafür, wenn es nicht fair zugeht. Dann versuche ich, meine Reichweite als Fußballer auch für wichtige Themen zu nutzen.
 Fühlen Sie den Druck, dass Sie als sozial engagierter Mensch nicht nur als Fußballer gefragt sind?
Goretzka: Ich empfinde es nicht als Druck, sondern als Selbstverständlichkeit. Ich agiere ja bewusst so. Und solange ich das Gefühl habe, dass ich zum Fortschritt beitragen kann, mache ich das total gerne. Ich kann aber auch jeden Fußballer gut verstehen, der sich in diesem politischen Bereich lieber gar nicht äußern will. Es ist ein schwieriges Terrain. Jedes Wort, jede Formulierung wird ganz genau registriert. Die Gefahr, einen Fehler zu machen, ist riesengroß.

Fußball-WM: Deutschland gegen Japan - steht der Sieg schon fest?

Bei der WM ist Ihr direkter Vorgesetzter Hansi Flick, der die Aufgabe hat, Sie und Ihre Kollegen bestmöglich auf das Auftaktspiel gegen Japan vorzubereiten, obwohl die Politik den Sport so sehr überlagert. Wie macht er das?
Goretzka: Er sorgt dafür, dass wir uns bestmöglich auf den Sport fokussieren können. Das ist ja auch seine Aufgabe als Bundestrainer. Er bereitet uns extrem akribisch auf diese WM vor. So kenne und schätze ich ihn als Trainer schon aus unserer gemeinsamen Zeit bei Bayern München.
Bernd Neuendorf hat gesagt, dass Deutschland „sicherlich gegen Japan gewinnen“ werde. Dem Präsidenten widerspricht man nicht, oder?
Goretzka: Dem DFB-Präsident sollte man nicht widersprechen (schmunzelt). Natürlich werden wir alles daran setzen, unser erstes Spiel zu gewinnen.

(Interview: Jan Christian Müller)

Rubriklistenbild: © IMAGO / Ulmer/Teamfoto

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