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Leitbild und Wirklichkeit bei Mainz 05

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Von: Jan Christian Müller

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Gibt den Ton bei Mainz 05 an: Christian Heidel,
Gibt den Ton bei Mainz 05 an: Christian Heidel, © dpa

Die Debatten zum Sportswashing von Saudi-Arabien können Mainz 05 nicht verborgen geblieben sein. Ein Kommentar.

Die Debatte um die gesellschaftliche Verantwortung des Profifußballs ist im Jahr 2022, dem Jahr der Weltmeisterschaft in Katar, eine andere geworden. Ein Beispiel: Zwischen 2013 und 2017 konnte die Frankfurter Eintracht noch fünfmal recht ungestört von kritischen Fragen zu Menschenrechten ihr Wintertrainingslager in den Vereinigten Arabischen Emiraten beziehen. Das wäre inzwischen so nicht mehr möglich. Das wissen die Verantwortlichen und verhalten sich entsprechend.

Auch im Deutschen Fußball-Bund ist man sich einig, dass es schier undenkbar ist, einen letzten WM-Test in Dubai aus purem Pragmatismus gegen Saudi-Arabien auszutragen. Andernfalls könnte DFB-Präsident Bernd Neuendorf den Schlüssel, den er zur Eröffnung des neuen Campus gerade überreicht bekommen hat, gleich wieder abgeben und seinen Rücktritt aus dem frisch bezogenen Präsidialbüro antreten.

Denn zuletzt ist neben Katar vermehrt das mächtige Saudi-Arabien in den Fokus einer kritischen, aber ehrlicherweise weitgehend auf Nordeuropa und die USA beschränkten Öffentlichkeit geraten. Auch in Saudi-Arabien, wo Menschenrechte noch viel mehr mit Füßen getreten werden als in Katar, wird „Sportswashing“ in zunehmend größeren Dimensionen betrieben. Wie die Kataris sind auch die Saudis bemüht, ihr Image durch Investitionen in den Profisport aufzuhübschen und ein weltweites Netzwerk zu spannen. Sie haben deshalb mehrheitlich den Premier-League-Klub Newcastle United übernommen, pumpen eine neue Golf-Profitour mit absurden Summen gigantisch auf und bauten einen Superdome in die Wüste, in dem alsbald ein hochdotierter Schwergewichts-WM-Boxkampf ausgetragen wird.

Die kritischen Debatten zu diesen Themen können Mainz 05 nicht verborgen geblieben sein. Umso mehr verwundert es, dass die Rheinhessen sich damit offenbar allenfalls oberflächlich beschäftigt haben, als sie einem Testspiel gegen Newcastle United zustimmten.

Der Fußball-Bundesligist hat sich vor einem Jahr einem von den Mitgliedern breit unterstützten Wertekanon verschrieben. Er wurde dafür gelobt. Es ist aber zu spüren, dass führenden Köpfen im Klub dieses taufrische eigene Leitbild nun, da es an der Realität gemessen wird, ebenso lästig ist wie kritisch nachfragende Medien. Sie wollen in erster Linie sicherstellen, dass die Lizenzmannschaft sich perfekt auf die neue Saison vorbereitet. Der „Fall Newcastle“ ist ein Störfaktor, der Druck der Öffentlichkeit wird als unangenehm und teils unangemessen empfunden. Die zuletzt so schön gepflegte Marke Mainz 05 hat dabei Schaden erlitten.

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