+
Nur gucken, nicht anfassen: Ralf Rangnick schlechtgelaunt nach dem Pokalfinale.

RB Leipzig

Noch reichlich Nachholbedarf

  • schließen

RB Leipzig nimmt ein Erlebnis wie das Pokalfinale als wichtigen Erfahrungsprozess auf – nur der Lehrmeister Ralf Rangnick wirkt verstimmt. 

Der Trostpreis fiel in langen Streifen vom Himmel. Etliches von der Goldfolie, die nach der Siegerehrung kiloweise vom Dach des Olympiastadions in den Innenraum regnete, segelte bis in die vorderen Zuschauerreihen. Woraus Fans beider Lager in dieser Pokalnacht noch ein persönliches Erinnerungsstück basteln konnten. Für die Gefolgschaft von RB Leipzig die ideale Gelegenheit, von dem erstmaligen Berlin-Trip mehr mitzubringen als nur Vereinsfähnchen, Kappen mit Bullenlogo oder Getränkedosen. Gab’s alles gratis beim im Zeichen des Getränkekonzerns stehenden Fanfest am Breitscheidplatz.

Die Stimmung war dort nicht übermäßig, aber besser als bei den Protagonisten nach dem verlorenen Endspiel gegen den FC Bayern. Selbst die interne Feier in einer Eventlocation in der Mohrenstraße in Stadtmitte soll nur schwer in die Gänge gekommen sein. Immerhin hatte Vorstandschef Oliver Mintzlaff im Innenraum des Olympiastadions als Erster ein aufmunterndes Interview gegeben. „Wir müssen den Kopf nicht hängen lassen, können stolz auf das sein, was wir geleistet haben“, betonte der frühere Leichtathlet. Auch wenn die Bayern in naher Zukunft weiterhin „Lichtjahre“ entfernt seien, wolle man wiederkommen. Botschaft: Die Roten Bullen haben Blut geleckt.

Der Pokal ist als werthaltiger Wettbewerb identifiziert. Gerade aus dem Marketingaspekt, der im Brauseklub immer mitspielt. Aber im ersten Moment überwog naturgemäß die sportliche Enttäuschung. Mit Schlusspfiff bildete sich unter den Spielern unweit der Mittellinie eine Achterkette: Die einen standen, die anderen saßen deprimiert auf dem Rasen. Als Ralf Rangnick unter Pfiffen zur Siegerehrung schlich, war dem RB-Baumeister anzusehen, wie sehr ihn das 0:3 wurmte.

„Wir sind deswegen so enttäuscht, weil wir dieses Spiel nicht hätten verlieren müssen. Das Ergebnis hat mit dem Spielverlauf nichts zu tun“, raunzte der 60-Jährige. Speziell wegen der intensiven Druckphase nach der Pause sei ein 5:5 oder 6:6 möglich gewesen, befand der Fußballlehrer, der noch nie ein guter Verlierer war, trotzig. Einen Bundesligisten dürfte der ehrgeizige Schwabe letztmals betreut haben. Was die Zukunft für den 60-Jährigen bringt, sollen die heute beginnenden Gespräche mit Mintzlaff („Wir befinden uns auf der Zielgeraden“) zeigen. Tendenz: Rangnick führt die Entwicklungsarbeit als Sportdirektor mit übergeordneten Strategieaufgaben fort, als erster Ansprechpartner für den neuen Trainer Julian Nagelsmann kommt Markus Krösche vom SC Paderborn.

Immerhin kam beim unterlegenen Finalisten niemand auf die Idee, wie im Vorjahr der FC Bayern nach dem finalen Nackenschlag gegen Eintracht Frankfurt einfach in den Katakomben zu verschwinden. Die Leipziger standen für den Rekordpokalsieger ordentlich Spalier. „Wir haben gesehen, wie schön es ist, die großen Spiele zu erleben“, sagte Abwehrchef Willi Orban, der um die Ursachen des Ausgangs nicht groß drumherum redete. „Uns hat ein Stück weit der Killerinstinkt gefehlt.“

So intensiv Orban und Co. auch pressten: Die besondere Qualität führten die Bayern mit ihren Toren von Robert Lewandowski (29. und 85.) und Kingsley Coman (78.) vor. Den Vergleich mit dem Bundesliga-Torschützenkönig, von Rangnick als „einer der besten und vermutlich auch teuersten Stürmer Europas“ geadelt, verlor Timo Werner um Längen. Weshalb Mintzlaff wiederum für den Nationalstürmer die Tür zu Vertragsverhandlungen in Leipzig noch einmal aufmachte: „Julian Nagelsmann, Champions League, eine geile Mannschaft, die noch mehr zusammengewachsen ist – vielleicht sind das Gründe für Timo Werner, zu sagen, das ist hier für mich genau der richtige Verein.“

Die Ambitionen am Standort sind verbürgt. „Die Mannschaft wird nächstes Jahr vielleicht sogar noch stärker werden“, glaubt Rangnick. Am Sonntag fuhr zur Mittagszeit ein Sonderzug mit den Profis zurück in die Messestadt, dort wartete ein Empfang auf der Festwiese. Das gesamte Rahmenprogramm, das sich der Verein einen sechsstelligen Betrag kosten ließ, wird als Investition in die Zukunft angesehen, um die Verankerung mit der Fangemeinde zu festigen. Was auch dringend nötig ist. Denn auch auf den Rängen war beim Finaldebütanten letztlich noch Nachholbedarf auszumachen. In den entscheidenden Momenten hatten auch hier die Bayern mehr Kraft und Klasse als die Sachsen zu bieten, deswegen gehörte der Goldpokal verdientermaßen ihnen. Dem Verlierer blieb nach der Berliner Premiere nur ein Teil der Goldfolie.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion