Leipzigs Emil Forsberg (l.) im Duell gegen Fabinho aus Monaco.
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Leipzigs Emil Forsberg (l.) im Duell gegen Fabinho aus Monaco.

Champions League

RB Leipzig hat Lust auf mehr

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Andere Rituale, höheres Niveau: Das Champions-League-Debüt leitet RB Leipzig in den nächsten Reifeprozess.

Gleich links hinter dem Eingangsbereich zum Sportforum liegt der Raum, in dem bei Heimspielen von RB Leipzig die Pressekonferenzen stattfinden. Die Ordnungshüter der Uefa mögen ja bei Champions-League-Partien so manche Bereiche zweckentfremden, aber als Ralph Hasenhüttl das 1:1-Remis gegen AS Monaco zur internationalen Premiere des Red-Bull-Konstruktes verorten sollte, saß der Fußballlehrer auf demselben Platz wie nach einer Bundesligabegegnung. Nur warum war es bloß so verdammt heiß und stickig?

Der 50-Jährige blieb zunächst tapfer, doch irgendwann zeigten sich Schweißtropfen auf seiner Stirn und dann vergaß der Österreicher alle Etikette: zog das Sakko aus und hängte es über die Stuhllehne. Eine gute Idee. Zumal Hasenhüttl ja bekannte, die Spieler hätten gelacht, als der Trainer mit Schlips und Anzug die Ansprache hielt. Was verdeutlicht: Beim sächsischen Emporkömmling, seit der Gründung 2009 von der Oberliga bis in die Königsklasse durchgestartet, ist der Adaptionsprozess noch in vollem Gange. Zur ungewohnten Kleiderordnung (Hasenhüttl: „Bei diesem Anlass kein Problem“) kommen veränderte Abläufe: Verlassen die Profis die Kabine, sollen sie an Stellwänden in der Tiefgarage durch die Mixed Zone gehen. Wer darauf keine Lust hatte, stakste wie Stefan Ilsanker einfach über die roten Absperrbänder im Rücken der drängelnden Journalisten vorbei.

Neben den Ritualen ist auch das Niveau auf dieser Bühne ein anderes. „Wenn es losgeht, hast du die Hymne vergessen und konzentrierst dich auf die Aufgabe“, erklärte Hasenhüttl. Auf dem Rasen merkten ja alle recht rasch: Die Latte liegt um einiges höher. Die vom Verlust solch exzellenter Kräfte wie Kylian Mbappé, Bernardo Silva oder Mendy betroffenen Monegassen zeigten im Grunde den höheren Reifegrad, obwohl sie noch längst nicht eingespielt sind – und haben trotzdem selten die Kontrolle verloren.

Kaum hatte Emil Forsberg in seiner besten Szene das 1:0 geschossen (33.), glich Youri Thielemans postwendend aus (34.). „Schlecht verteidigt, nicht gedoppelt“, mäkelte Hasenhüttl, der eingestand: „Uns wurde auch gezeigt, was uns noch fehlt.“

Ohne den Dosenöffner Naby Keita fehlte am Mittwochabend die Schlüsselfigur fürs Umschaltspiel: Den verletzten Dampfmacher durch den rustikalen Ilsanker zu ersetzen, sei bewusst die Sicherheitsvariante gewesen, klärte Hasenhüttl auf. „Wir sind nicht das letzte Risiko eingegangen, auch ich nicht.“ Unter dem Strich sei er aber nicht unzufrieden: „Wir haben das gekriegt, was wir wollten.“

Nämlich einen Punkt als Beleg, dass die Kicker mit dem Bullenlogo auf der Brust mithalten können. Hasenhüttl: „Für uns alle war das ein guter Anfang, der Lust auf mehr gemacht hat.“ Und einen hochspannenden Reifeprozess in Gang setzt. Denn: So leicht lässt sich ein Champions-League-Halbfinalist eben vom Leipziger Überfallkommando nicht auf die Hörner nehmen. Selbst Überflieger Timo Werner („Ein bisschen enttäuscht sind wir. Es war nicht unser bestes Spiel und Monaco schlagbar“) trat auf einmal ziemlich geerdet auf. Ihm seien bei der Hymne die „Knie weich“ geworden, räumte der 21-Jährige ein, der bei den Mitspielern bemerkte: „Da waren viele wacklige Beine dabei.“ Ein Handicap, das beispielsweise die Gäste nicht hatten.

Auch Hasenhüttl-Kollege Leonardo Jardim wirkte recht gelassen, lobte hernach die Qualität der Bundesliga („verfolge ich genau“) und die aggressive Spielart der Leipziger („ihr Vorteil ist, dass sie alle Spieler behalten“). Dann fiel dem in Venezuela geborenen Portugiesen ein, auch die Atmosphäre in der mit 40 068 Zuschauern besetzten Spielstätte zu preisen – schließlich hatte die Messestadt fast drei Jahrzehnte auf ein Europapokalspiel warten müssen: „Das Publikum hat sehr gepusht.“

Das Ambiente wäre sogar noch angemessener gewesen, wenn die Repräsentanten aus dem Fürstentum nicht von einer lächerlich anmutenden Fanschar begleitet worden wären, die beinahe in einen Kleinbus gepasst hätten. Der verwaiste Gästebereich bildete eines der wenigen Ärgernisse eines besonderen Abends, der allerdings bei RB Leipzig auch schnell abgehakt werden muss. Im Bundesligaspiel gegen Borussia Mönchengladbach (Samstag 18.30 Uhr) muss sich zeigen, wie der Vizemeister mit der eigentlichen Herausforderung klarkommt: der Mehrbelastung. Danach geht es nämlich Schlag auf Schlag. Erst kommt eine englische Woche in der Bundesliga (beim FC Augsburg, gegen Eintracht Frankfurt), dann geht es zu Besiktas Istanbul, wo am 26. September das erste Champions-League-Auswärtsspiel steigt. Die Türkei-Reise wird in heiklen politischen Zeiten den einen oder anderen auch ins Schwitzen bringen.

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