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Aufmunterung von der Basis für den Pokalfinalisten RB Leipzig: Fans im Gespräch mit der Mannschaft und Cheftrainer Ralf Rangnick (Mitte).

RB Leipzig

RB Leipzig kann im DFB-Pokalfinale gegen den FC Bayern seinen prägendsten Fußabdruck hinterlassen

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Dank eines Getränkegiganten hat sich RB Leipzig zu einer führenden Marke im deutschen Fußball entwickelt. 

Öffentliches Training findet in Leipzig am Cottaweg in der Regel einmal pro Woche statt. Diese Gewohnheit vor dem wichtigsten Spiel der sehr jungen Vereinsgeschichte beizubehalten, war auf jeden Fall eine gute Idee. So bekamen die Protagonisten von RB Leipzig direkt mit, dass ein Ereignis wie das DFB-Pokalendspiel gegen den FC Bayern (Samstag 20 Uhr/ARD) eine besondere Aufmerksamkeit bedingt: Zwei Reihen roter Schalensitze waren vollends belegt, und auf den Stehplätzen zogen beleibte Menschen im Gedränge sichtbar die Bäuche ein, als die Profis nacheinander auf den akkurat abgesteckten Trainingsplatz schlenderten. An den Sichtblenden hingen zwar die Motivationssprüche von Legenden wie Mika Häkkinen, „Vince“ Lombardi oder Phil Jackson aus Formel 1, American Football und Basketball, aber Applaus aus der eigenen Anhängerschaft ist für Fußballer immer noch wirkungsvoller.

Yussuf Poulsen, der Publikumsliebling, grüßte artig zurück, als der Beifall bei seinem Erscheinen anschwoll. Ralf Rangnick, der Lehrmeister, nickte anerkennend. Bei zwei Toren im Trainingsspiel von Timo Werner kreischten Kinder lauter. Kurz darauf brüllten viele: „Berlin, Berlin – wir fahren nach Berlin!“

RB Leipzig generiert am Wochenende ein Interesse, das weit über das Elsterbecken reichen wird. Zum zehnjährigen Bestehen bespielt das vom Getränkegiganten Red Bull erschaffene Konstrukt eine der größten Bühnen im deutschen Sport. Es ist eine Punktlandung – und keine Legende, dass der Brause-Impresario Dietrich Mateschitz einst erst einen Spaziergang unternahm, um die Messestadt und ihre Menschen auf sich wirken zu lassen. Dann stand der Entschluss, im brachliegenden deutschen Fußball-Osten mit massiver finanzieller Unterstützung einen Bundesliga-Standort zu schaffen.

Passt dieser Aufschwung zu einer stetig wachsenden Stadt?

Mit dem Eintrag im Leipziger Vereinsregister als RasenBallsport Leipzig e.V. am 19. Mai 2009 konnte der Ball in der Oberliga Nordost losrollen, nachdem der SSV Markranstädt sein Spielrecht verkauft hatte. In der Saison 2019/2020 spielt RB Leipzig das zweite Mal in der Champions League mit. Ein Jahrzehnt wie im Brauseschritt. Aber passt dieser Aufschwung nicht zu einer stetig wachsenden Stadt, bei der in diesem Jahr bereits die Marke von 600 000 Einwohnern überschritten wird?

Würde der inzwischen 74 Jahre alte Mateschitz den Rundgang noch einmal wiederholen, würde er feststellen, dass die Bauprojekte das Stadtbild noch genauso prägen wie Thomaskirche oder Auerbachs Keller. Teilweise sind sie fast vollendet oder gerade erst im Bau. Überall entstehen schicke Wohnungen, die allerdings in diesem Teil Sachsens nicht mehr billig sind.

Michael Ortlieb lebt seit fast drei Jahrzehnten an einem Ort, der sich in seiner Geschichte mehrfach gehäutet hat. Auch im Sport. Die zur WM 2006 neu gebaute Arena ist im alten Zentralstadion errichtet worden. Seit sechs Jahren besitzt der gebürtige Freiburger eine Dauerkarte, und weil er schon in der Dritten Liga dabei war, behauptet der Rentner mit fester Stimme: „Die Leute gehen wegen des guten Fußballs zu RB. Keiner trauert hier mehr den alten Zeiten hinterher.“

Vor ihm würden bei den Spielen immer ein ehemaliger Anhänger von Chemie und einer von Lokomotive Leipzig sitzen; „der eine hat mir das Ticket fürs Finale besorgt, der andere fährt mich nach Berlin.“ Auf die Grabenkämpfe der zu DDR-Zeiten erbittert verfeindeten Rivalen habe doch niemand mehr Lust, erklärt der 75-Jährige. „Inzwischen trauen sich die Kinder auch mit RB-Kleidung in die Schule. Das war vor drei, vier Jahren noch nicht möglich.“

Mit der bundesweiten Akzeptanz könnte es gleichwohl noch ein bisschen länger dauern, wie die hartnäckige Ablehnung aus vielen Fanszenen von Dortmund, Bremen oder Frankfurt belegt. In Leipzig geben sie sich einigermaßen gelassen. Die aktuelle Kampagne “#WirPokalisieren“ ist eine Anspielung auf den Polarisierungsfaktor. Selbstironische Antworten kommen oft besser an als lärmende Rechtfertigungen. Wie der Berlin-Trip Stadt, Verein und Umfeld elektrisiert, registriert der für Spielbetrieb und Organisation, Ticketing, Sicherheit und Fanbelange zuständige Ulrich Wolter mit Wohlwollen. „Wir haben ja noch nie 24 000 Karten in dreieinhalb Stunden verkauft. Für unseren Verein und unsere Region ist dieses Endspiel ein ganz wichtiger Faktor.“ Der gebürtige Bremer stand in der Kindheit mit Werder-Fahne in der Ostkurve des Weserstadions und fuhr für ein Auswärtsspiel in Wattenscheid mal zwei Tage mit dem Fahrrad. Der 45-Jährige weiß also, wie eng das emotionale Band zwischen Verein und Stadt werden kann, aber das entsteht nirgendwo von heute auf morgen.

RB Leipzeig könnte seine Ticketpreise runterfahren

Der RB-Fanshop liegt mittlerweile mitten in der Fußgängerzone am Petersbogen. Auf die Trikots gibt es aktuell gerade 30 Euro Nachlass. „Wenn nicht wir, wer soll dann die Bayern schlagen“, sagt ein Anhänger, der zugegriffen hat. Es könnte sein, dass der Bundesligist auch seine Ticketpreise mal runterfährt, denn das Live-Erlebnis am denkmalgeschützten Sportforum ist zwar meist attraktiv, jedoch vergleichsweise teuer. Die meisten Heimspiele waren zuletzt nicht mehr ausverkauft. Vielleicht ist der Reiz des Unbekannten verflogen? Oder es braucht mehr Geduld für die Verankerung? Auf jeden Fall sind die Pläne für den Stadionausbau erst einmal zurückgestellt.

Wer dieser Tage aus dem Hauptbahnhof schlendert, wird noch vor der Fußgängerzone von freundlichen Damen angesprochen, doch bitte am Gewinnspiel für die letzten Pokalkarten teilzunehmen. Dazu gibt’s gratis einen knallblauen Aufkleber: „Beflüüügelt ins Finale“. Und rund um den Breitscheidplatz in Berlin – ein den Anhängern von Eintracht Frankfurt aus den vergangenen Jahren gut bekanntes Areal – sind ähnliche Plakate angebracht. Warnung vor freilaufenden Bullen und so. Wäre ja dumm, das Final-Event nicht in die Marketingmaschinerie einzubetten, um den größtmöglichen Fußabdruck zu hinterlassen. Dynamisch und stylisch soll die Fußballmarke à la Leipzig sein.

RB-Kicker setzen im Wettkampf auf höchste Geschwindigkeit und bewegen sich im Training in einem Hightech-Labor. Mit der guten alten Umkleidekabine im Vereinsheim, in der Spieler sich auf Holzpritschen umziehen, gleich neben dem Mülleimer eine Kiste Bier steht und aus kaputten Duschen das Wasser tröpfelt, hat das Trainingszentrum nichts mehr gemein. Keine Stellschraube, an der Mastermind Rangnick nicht gedreht hat. Bevor überhaupt ein Spieler unter ihm nur einen Schritt auf den Trainingsplatz macht, sind Creatin-Kinase-Wert, Energiezustand oder Schlafdauer erfasst. Das passiert auch anderswo, aber unter ihm wirkt alles noch akribischer.

RB Leipzig „ist schon so eine Art Lebenswerk“, gesteht der 60-Jährige, der an das dramatische Aufstiegsspiel bei den Sportfreunden Lotte vor sieben Jahren erinnert. Inmitten von Maisfeldern entfloh der sächsische Emporkömmling der Provinz, um den deutschen Profifußball aufzumischen. „Was seitdem alles passiert ist, ist außergewöhnlich“, findet Rangnick. Neue Mitarbeiter müssen bei ihm davon beseelt sein, Topniveau abzubilden.

So wie Julian Nagelsmann, den der Projektleiter schon seit Jahren auf dem Zettel hatte. Mit dem smarten Überflieger der TSG Hoffenheim übernimmt wahrlich kein Nostalgiker das Traineramt. „Die Traditionalisten müssen umdenken“, hat der 31-Jährige im „Kicker“ bereits angekündigt und einen flotten Spruch bemüht: „Tradition ist wie eine Laterne. Den Intelligenten leuchtet sie den Weg, die Dummen klammern sich an sie.“

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