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Von Jogi Löw ausgewechselt: Timo Werner.

Kommentar

Leerstellen und Lehrstellen

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Bundestrainer Joachim Löw kann einem starken Mittelblock vertrauen mit mehreren Klassespielern - doch davor und dahinter tun sich Lücken auf, die Sorgen machen. Der Kommentar.

Auch wenn es dem langjährigen Vernehmen nach (siehe bei: Hans-Hubert Vogts, Rudolf Völler) keine Kleinen mehr geben mag im Fußball: So ein 4:0-Sieg gegen Weißrussland ist für eine deutsche Nationalmannschaft natürlich nur ein Muster mit wenig Wert. Um ein Beispiel zu nennen: Sicher hat ein oft etwas unterschätzter Fußballprofi wie Matthias Ginter alles Lob verdient, das ihm nach dem gelungenen Auftritt im heimatlichen Mönchengladbach zuteil wurde. Es wäre aber verfrüht, deshalb schon davon auszugehen, dass Deutschland nach der Verletzung von Niklas Süle einen neuen Abwehrchef gefunden hätte. Und nach wie vor klafft in der Innenverteidigung noch ein weiteres Loch, Ginters Nebenmann Robin Koch konnte es nicht überzeugend stopfen. Es wäre auch etwas zu viel verlangt von einem Burschen, der gerade erst gut gelernt hat, sich für den SC Freiburg nützlich zu machen und dabei das Glück hatte, dass der Bundestrainer um die Ecke wohnt.

Während im Tor und im Mittelfeld ein Ausbund an Klasse herrscht, für welche die Namen Neuer, Kimmich, Gündogan, Kroos und Goretzka stehen, konnte man auch gegen die tapferen Weißrussen besichtigen, dass ein gelernter Mittelstürmer mit der dazugehörigen Kopfballstärke gegen tiefstehende Gegner hilfreich wäre. Timo Werners Kinderkopfball irgendwann Mitte der ersten Halbzeit war so ein Beispiel. Den hätten von Uwe Seeler bis Mario Gomez alle denkbaren Vorgänger mit einiger Leichtigkeit verwandelt, und vermutlich hätte das auch das Bundesliga-Strafraum-Ungeheuer Nils Petersen lässig hinbekommen. Aber noch ein Freiburger im Kader von Joachim Löw wäre dann doch des Südbadischen zu viel gewesen. Deutschland ist ja schon ein bisschen größer als die Region zwischen Breisach und Titisee, auch wenn der Bundestrainer sich dort besser auskennt als anderswo und für den Eintritt ins Schwarzwaldstadion noch nicht mal eine Ehrenkarte benötigt, sondern nur sein Gesicht und seine Frisur.

Aber wie gesagt: Ein Petersen-Füllkrug-Terodde-Selke-Typ auf Miro-Klose-Niveau würde Löw natürlich helfen. Stattdessen setzt der Coach auch gern auf eine schwimmende Lösung, in der unternehmungslustige Kerle wie Serge Gnabry, Timo Werner, Julian Brandt und im neuen Jahr wohl auch wieder Marco Reus und Leroy Sané fast so frei umherlaufen dürfen wie Springböcke in einem afrikanischen Nationalpark. Brandt hält das (ein bisschen vielleicht auch im eigenen Interesse) für gar nicht mal so übel: „Wir haben keine richtige Neun, deshalb sind wir immer in Bewegung. Das kann auch ein Vorteil sein, dadurch sind wir nicht richtig zu greifen.“ In den beiden besten Halbzeiten dieses Kalenderjahres, den jeweils ersten Hälften in den Niederlanden im Frühjahr und gegen Argentinien im Herbst, klappte das tatsächlich gut.

Und dann gibt es da noch die beiden Außenpositionen, auf denen ein kompletter Spieler sowohl Verteidiger als auch Angreifer sein muss. Früher hatte Deutschland dort Könner wie Manni Kaltz, Andreas Brehme und Philipp Lahm. Jetzt hasten Lukas Klostermann und Nico Schulz die Linie auf und ab und geben sich dabei alle erdenkliche Mühe. Ob diese Mühe dann aber auch für die Anforderungen an eine EM-Endrunde reicht? Beide haben schon gut gespielt für Deutschland, aber jeder Fachmann kann auch sehen, dass die Außenverteidigerpositionen nicht optimal besetzt sind - auch hinter Schulz und Klostermann drängeln sich die rechtschaffenen Kandidaten Hector, Halstenberg und Kehrer nicht zwingend in der höchsten Schublade. Es wird bei der EM 2020 wohl ein paar typisch deutsche Tugenden benötigen. Warum auch nicht?

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