Grenzenlose Verehrung, grenzenloser Jubel: die Fans von Leeds United feiern Trainer Marceloa Bielsa und den Aufstieg.
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Grenzenlose Verehrung, grenzenloser Jubel: die Fans von Leeds United feiern Trainer Marceloa Bielsa und den Aufstieg.

Leeds United

Die Götter müssen verrückt sein

  • Jakob Böllhoff
    vonJakob Böllhoff
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Nach 16 turbulenten Jahren kehrt Leeds United in die erste englische Fußballliga zurück. Das hat der Traditionsverein dem exzentrischen Trainergenie Marcelo Bielsa zu verdanken.

Es ist 29 Jahre her, dass Marcelo Bielsa zum Verrückten wurde. Damals bekam der Fußballtrainer ungebetenen Besuch in seinem Haus in Rosario, seiner argentinischen Heimatstadt. Mit der Ortsmannschaft Rosarios, den Newells Old Boys, hatte Bielsa zuvor ein Pokalspiel schändlich verloren, 0:6 gegen San Lorenzo, weshalb ihn noch am Abend eine Gruppe aufgebrachter Ultra-Fans aufsuchte, um ihn zur Rede zu stellen. Bielsa erschien in der Haustür, allerdings wenig gesprächsbereit. Er hatte eine Handgranate dabei. Wenn ihr nicht verschwindet, ziehe ich den Stift, soll er der Legende nach gesagt haben, und als die Ultras die Flucht ergriffen, jagte er sie im Schlafanzug die Straße runter, rief: Wollt ihr jetzt immer noch reden? Die Ultras wollten nicht.

Seitdem wird Marcelo Bielsa „El Loco“ genannt in Argentinien: der Verrückte.

Am Samstagnachmittag nun hatte Bielsa wieder einmal Besuch von Fußballfans, aber diesmal hatte „El Loco“ es nicht nötig, als Grenadier aufzutreten. Das bezeugen all die Handyvideos im Internet, auf denen zu sehen ist, wie Bielsa in der kleinen Einfahrt steht, vor seinem Haus im englischen Leeds, umringt von Leeds-United-Fans, die ihn filmen und fotografieren und sehr nett zu ihm sind. „Wir lieben dich“, sagt einer, „du bist Gott“ ein anderer und klingt dabei so, als glaube er das wirklich. Und Bielsa, 64, wackelt in seinem Trainingsanzug hin und her zwischen den Autos und den Fans, lächelt schüchtern, hebt schüchtern die Hände, sagt nur „thank you, thank you“ und verweist ansonsten auf sein nicht vorhandenes Englisch.

Marcelo Bielsa hat Leeds United befreit

Dabei gäbe es so viel zu erzählen: Anderthalb Jahrzehnte lang tappte das große Leeds United durch die Dunkelheit, eingeschlossen in Miseren. Bielsa hat den Klub befreit.

Seit Samstag, durch die Niederlagen der Konkurrenz, steht der Aufstieg von United in die Premier League fest, der obersten englischen Fußballliga. Es ist nach 16 Jahren eine langersehnte Rückkehr für den stolzen Traditionsverein und dreimaligen Meister, der eine Insolvenz hinter sich hat und den zwischenzeitlichen Absturz in Liga drei. 16 turbulente Jahre, die sich für United-Fans wie hundert Jahre Hölle anfühlten, und diese Rückkehr ist das Werk Marcelo Bielsas, dem brillanten wie exzentrischen Mann aus Argentinien, der vor zwei Jahren wie ein Fußballmessias in der Grafschaft Yorkshire erschien. Ein birnenförmiger Mensch, ständig im Trainingsanzug, umgeben von der Aura eines irren Genies und zahllosen Mythen. Mythen, ohne die Bielsa nicht Bielsa wäre und der Fußball nicht der Fußball.

Er gilt als eine Art Mitbegründer des modernen Spiels. Pep Guardiola bezeichnet ihn unumwunden als „besten Trainer der Welt“, und bevor der Katalane seine eigene illustre Trainerkarriere begann, die ihn inzwischen zu Manchester City geführt hat, suchte er Bielsa in Argentinien auf wie einen Weisen im Morgenland. Elf Stunden lang sprachen sie über nichts als Fußball, heißt es. Als Spieler kam Bielsa nicht über wenige Jahre in der ersten Liga Argentiniens hinaus, Ende der Siebziger, als beinharter Verteidiger. Als Trainer hingegen steht dieser Marcelo Bielsa – von 1998 bis 2004 Nationaltrainer seines Heimatlandes und von 2007 bis 2011 von Chile – für den schönen Fußball, offensiv ausgerichtet, intensiv und temporeich, von der ersten bis zur letzten Minute. Und bis ins kleinste Detail durchkalkuliert. „So wie Alexander von Humboldt die Flüsse und Hügel dieser Welt vermaß, begegnete Bielsa dem Fußballsport“, schreibt der Taktikexperte Tobias Escher in seinem Buch „Zeit der Strategen“.

Leeds United: Trainer Marcelo Bielsa ist ein Perfektionist

Es ist auch die Angst vor dem Verlieren, die Bielsa zu einem Besessenen macht, einem Perfektionisten. Das Verlieren ist eine Qual für ihn, die er körperlich spürt. Chiles Nationalspieler berichteten einmal, sie hätten ihren Trainer nach Niederlagen mehrfach auf einem Tisch schlafen sehen, komplett nackt. Diese Sorge, ein Spiel verlieren zu können, treibt ihn unentwegt um und unentwegt an. Als sich die Klubführung um Präsident und Besitzer Andrea Radrizzani, ein italienischer TV-Rechte-Mogul, 2018 zu einem ersten Gespräch mit dem Trainer traf, hatte der bereits jedes einzelne United-Spiel der Vorsaison in voller Länge analysiert.

Durchsetzungsstark: Marcelo Bielsa verschafft sich bei Leeds United Gehör.

Im Zuge der sogenannten Spygate musste Leeds United eine Strafe von 200 000 Pfund zahlen, weil herauskam, dass Bielsa verbotenerweise das Training der gegnerischen Teams von einem Assistenten ausspionieren ließ. Anschließend rechtfertigte er sich mit einer einstündigen Videopräsentation vor der Presse, indem er anhand von Spielszenen zeigte, dass er ja sowieso alles über die Gegner wisse. Warum also die Spionage? „Es hilft mir, weniger Angst zu haben“, erklärte Bielsa, der auch dann noch mehr wissen will, wenn er schon alles weiß.

Diese Hingabe für den Fußball, seinen Fußball, erwartet er auch von seinen Spielern, Tag für Tag, in jedem Training. In Leeds steht mittwochs immer eine Trainingsform auf dem Programm, die „Mörderball“ genannt wird: Elf gegen elf, der Ball ist 45 Minuten lang ohne Unterbrechung im Spiel, es gibt keine Freistöße, und wenn der Ball ins Aus geht, schmeißt sogleich ein Co-Trainer einen neuen auf den Platz. So werden die Profis hart gemacht für Bielsas radikalen Powerfußball, den er als alternativlos betrachtet und der in der Vergangenheit immer wieder zu jenem Phänomen führte, das als „Bielsa Burnout“ bezeichnet wird: der körperliche Einbruch von „El Locos“ Teams im letzten Saisondrittel. Auch in seiner ersten Saison in Leeds ist es so gekommen, weshalb United den Aufstieg zum Schluss noch verspielte.

Er ist trotzdem in Leeds geblieben, und nun hat er es geschafft, und der Lohn, neben einem exorbitanten Jahresgehalt von sechs Millionen Pfund natürlich, ist Liebe. Bielsa selbst sagt, er liebe seine Spieler, „denn geliebt zu werden ist am Ende noch wichtiger, als zu gewinnen.“ Und weiß doch, dass das eine das andere bedingt. Die Fans verehren ihn ohnehin, für den tollen Fußball, den er spielen lässt, und für seine Persönlichkeit, eine nahbare Mischung aus Demut und Intelligenz und Exzentrik. Nie trägt er etwas anderes als einen Leeds-United-Trainingsanzug, er trägt ihn, wenn er in den Supermarkt geht, er trägt ihn, wenn er im Café ganz normal an einem Tisch vor seinem Laptop sitzt, um zu arbeiten, und er trägt ihn auch dann, wenn der Klub ein Galadinner zum hundertjährigen Bestehen feiert und alle anderen Gäste im Smoking erscheinen.

Im Trainingsanzug die Smokingträger aufmischen: in der wilden Arbeiterstadt Leeds stellt man sich die Rückkehr in die Premier League exakt so vor.

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