Mainz_191020
+
Mainzer Debattenkultur: Trainer Jan-Moritz Lichte (graue Jacke), Spieler der Nullfünfer und ein besonders aufgewühlter Fan.

Lebenszeichen eines Untoten

Mainz-Trainer diskutiert mit aufgebrachten Fans

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
    schließen

Mainz 05 stabilisiert sich immerhin defensiv, und der junge Trainer Lichte sucht die emotionale Auseinandersetzung.

Wer geglaubt hatte, dass der Fußballverein Mainz 05 sich schon im Zustand eines Scheintoten befindet, weiß es jetzt besser: Hurra, sie leben noch. Trotz der vierten Niederlage im vierten Saisonspiel. Kaum war das 0:1 gegen Bayer Leverkusen abgepfiffen, rummste es. Trainer Jan-Moritz Lichte, bisher nicht als ausnehmend emotional aufgefallen, machte sich im Eilschritt auf zur Gegentribüne, wo ein bis zwei der 250 zugelassenen Fans dem jungen Coach ihre Meinung sehr deutlich kundtaten. Lichte hielt im verbalen Nahkampf dagegen, wirkte aufgebracht, es kam zu einem längeren Wortwechsel, die Kameras hielten drauf.

Hinterher präsentierte der zum Chef beförderte 05-Trainer sich dann wieder gewohnt heruntergedimmt. Es habe sich um einen „Meinungsaustausch“ gehandelt, er sei nicht beleidigt worden, „die Kritik war, dass wir uns keine richtigen Torchancen herausgespielt haben“.

Diese Kritik war richtig. Auch im zweiten Spiel unter dem neuen Chef hatte Mainz 05 nicht einen einzigen Schuss aufs gegnerische Tor hinbekommen. Jan-Moritz Lichte hat den Kritikern von der Tribüne erklärt, dass er erst einmal den zuvor unsortierten Laden hinten dicht kriegen muss. Das hatte gegen Leverkusen fast ausnahmslos geklappt. „Wenn einer ein Problem hatte, war ein anderer da. Das hatte zuletzt gefehlt.“ Eine Aussage, die einiges sagt über die zuvor elementaren Mängel bei Mainz 05.

Mateta enttäuscht

Lichte hat es immerhin mit seiner Trainingsarbeit in den ersten zwei Wochen geschafft, wieder so etwas wie Struktur in die Defensivarbeit zu bekommen. Die Abstände stimmten wieder, Räume wurden dichtgelaufen. Es wurde von fast allen Spielern Basisarbeit verrichtet, die in der höchsten deutschen Spielklasse unabdingbar ist.

Beim entscheidenden Gegentor, einem Kopfball von Lucas Alario, war zuvor der Mainzer Mittelstürmer Jean-Philippe Mateta unter dem Eckball hindurchgehüpft. An dem Franzosen, der sich nach einer recht ordentlichen Auftaktsaison in Mainz bereits in der Premier League wähnte, lassen sich die Mainzer Defizite im Spiel nach vorn gut nachzeichnen. Der 23-Jährige ist - mal ganz abgesehen von wenig beispielhaften privaten Eskapaden - weit davon entfernt, rechtschaffene Arbeit für sein Team zu erledigen. Er macht keine Bälle fest, er beteiligt sich nicht mit Inbrunst am Pressing, er verliert fast jeden Kopfball oder geht Luftduellen gleich ganz aus dem Weg, er erarbeitet sich keine Chancen und ist im Kombinationsspiel überfordert.

Und ja, er wird auch nicht dort in Szene gesetzt, wo er den Ball für sein Spiel unbedingt braucht: im gegnerischen Strafraum. Dorthin gelangt Mainz 05 nämlich nahezu gar nicht mehr. Es stimmt, wenn die Spieler hinterher darauf hinweisen, man habe gemeinsam „ein anderes Gesicht gezeigt“. Es war das Gesicht, das schön genug war, um gemeinschaftlich die meisten Leverkusener Angriffe wegzuverteidigen, aber auch zu hässlich, um Druck nach vorn zu entwickeln. Langholz auf Mateta prallte an den Bender-Zwillingen ab wie an einer Betonmauer. Mangels Fähigkeit zum geordneten Spielaufbau setzte Lichte auf Umschaltfußball. Eine nachvollziehbare, aber auch leicht durchschaubare Strategie.

Eingeübte Laufwege und Passfolgen sind in dem Trümmerfeld, das Mainz 05 in diesem Herbst hinterlassen hat, nicht mehr existent. Es ist ein wahrer Jammer. Und es ist eine Herkulesaufgabe für den „Bis-auf-Weiteres-Trainer“ Lichte, das eine (Toreschießen) zu machen, ohne das andere (Toreverhindern) zu vernachlässigen. 2:12 Treffer aus vier Spielen bilden das auch statistisch realistisch ab. Und nächste Woche kommt Borussia Mönchengladbach. Laufkundschaft sieht anders aus. Vielleicht ist Neuzugang Kevin Stöger dann fit genug, um es in den Kader zu schaffen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare