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Wortführerinn des Frauenfußballs im Dialog: Alexandra Popp (l.) und Almuth Schult nach der Meisterschaft mit dem VfL Wolfsburg.
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Wortführerinn des Frauenfußballs im Dialog: Alexandra Popp (l.) und Almuth Schult nach der Meisterschaft mit dem VfL Wolfsburg.

Fußball und Gesellschaft

Lauter Ausrufezeichen

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Die deutschen Fußballerinnen erheben die Stimme gegen Homophobie, nehmen die Zwillingsmama Almuth Schult wieder auf und tragen pandemiegerechte Länderspiele aus – damit sind die Frauen ein Vorbild für die Männer.

Ihre Blase für die ersten Länderspiele des Jahres haben die deutschen Fußballerinnen dieser Tage einem Kongress-Hotel in Düsseldorf errichtet. Die Herberge gleich gegenüber der Rheinaue richtet sich an alle Geschäftsreisende, die trotz Corona noch ihrem Job nachgehen. Genau dort wollen auch Manuel Neuer, Toni Kroos oder Timo Werner in rund einem Monat residieren, wenn sich die deutsche Männer-Nationalmannschaft zu den ersten Länderspielen der WM-Qualifikation trifft. Vielleicht beziehen die Männer sogar dieselben Zimmer wie die Frauen – wenn direkt etwas von der Vorbildwirkung abfärbt, wäre das nicht verkehrt.

Vor dem Mini-Turnier „Three Nations. One Goal“, das mit den Länderspielen gegen Belgien (Sonntag 18 Uhr/Eurosport) und gegen die Niederlande (Mittwoch 18.30 Uhr/Eurosport) der gemeinsamen Bewerbung dieser drei Nationen um die Ausrichtung der Frauen-WM 2027 dient, bespielen die Frauen gerade eine Reihe gesellschaftlich relevanter Themenfelder. Kapitänin Alexandra Popp hat ein leidenschaftliches Plädoyer gehalten, warum sie zu den 800 Fußballern und Fußballerinnen gehört, die in einer Kampagne („Ihr könnt auf uns zählen“) homosexuellen Spielern ihre Unterstützung zugesagt haben. „Die Angst, nach einem Coming-out angefeindet und ausgegrenzt zu werden und die Karriere als Profifußballer zu gefährden, ist offenbar immer noch so groß, dass schwule Fußballer glauben, ihre Sexualität verstecken zu müssen“, hieß es in dem vom Magazin „11 Freunde“ veröffentlichten Appell, den auch Nationalspieler wie Max Kruse (1. FC Union Berlin), Jonas Hector (1. FC Köln) oder Matthias Ginter (Borussia Mönchengladbach) unterzeichnet haben.

Im Frauenfußball werden gleichgeschlechtliche Partnerschaften seit vielen Jahren als das behandelt werden, was sie sind: eine Normalität. „Wir wollen niemand irgendwie drängen, sich zu outen. Ich glaube aber einfach, dass dies Thema auf dem Fußballplatz und in anderen Sportarten grundsätzlich nichts zu suchen hat. Jeder sollte leben und lieben, wie er will“, betonte Alexandra Popp, die als authentisches Sprachrohr beim VfL Wolfsburg und im Nationalteam gilt.

„Wenn man Fußball spielt, ist es egal, ob jemand auf Frauen oder Männer steht – es geht einzig und allein um die Leistung. Ich denke, dass es für manchen, der sich outen würde, eine gewisse Befreiung sein könnte, sogar noch ein paar Prozente besser zu werden“, glaubt die 29-Jährige. Sich darüber im Jahr 2021 noch Gedanken machen zu müssen, sei schon traurig genug. Ob Manuel Neuer auch so klar auf einer Pressekonferenz zum Coming-out raten würde?

Am Tag danach kündigte DFB-Präsident Fritz Keller auf der Verbandshomepage an, „Teil eines Kulturwandels“ sein zu wollen. Denn: „Fußball ist für alle. Ausrufezeichen. Auf dem Rasen und auf den Tribünen. Diese Vielfalt wollen wir leben.“ Der Verband hatte jüngst mit dem Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) eine Anlaufstelle für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt im Fußball geschaffen. Keller: „Die Zeit ist reif, dass wir damit gelassen und selbstverständlich umgehen.“ In Deutschland habe sich bis heute „noch kein aktiver Profispieler zu seiner Homosexualität bekannt, aber auch im Amateurfußball ist ein Coming-Out noch lange keine Selbstverständlichkeit. Das wird es aber hoffentlich eines Tages“, sagte Keller.

Das beste Beispiel für Vielfalt in der sexuellen Orientierung gibt die Vita der bis 2023 an den Verband gebundenen Bundestrainerin her: Martina Voss-Tecklenburg brachte 1994 ihre Tochter Dina zur Welt und ist bis heute die einzige Nationalspielerin, die nach der Geburt eines Kindes wieder spielte. Ihre Zeit für das damals erfolgsverwöhnte Nationalteam endete vor den Olympischen Spielen 2000 abrupt nach einer öffentlichen Fehde mit ihrer damaligen Lebenspartnerin Inka Grings. Seit mehr als einem Jahrzehnt ist die 53-Jährige mit dem Bauunternehmer Hermann Tecklenburg verheiratet.

Die in Straelen am Niederrhein beheimatete DFB-Trainerin hat für die aktuelle Maßnahme auf alle Nationalspielerinnen verzichtete, die unnötig weit mit Bahn oder Flugzeug hätten fahren oder fliegen müssen. Unter der Prämisse eines pandemiegerechten Reiseverhaltens sind nicht nur die in London angestellten Melanie Leupolz, Ann-Katrin Berger, Leonie Maier zu Hause geblieben, sondern auch die in Madrid spielende Turid Knaak oder in Montpellier lebende Lena Petermann. Die Länderspiele selbst finden jetzt in Aachen und Venlo statt, so dass der Tross am Spieltag per Bus an- und abreisen kann. Auch das minimiert die Kontakte.

Parallel will die DFB-Auswahl noch beweisen, dass heutzutage eine Schwangerschaft keine Hürde sein muss, wieder professionell Fußball zu spielen. Almuth Schult hat zwar nach Verletzungs- und Babypause wochenlang am Comeback geschuftet, ist aber beim VfL Wolfsburg nur noch die Torhüterin Nummer drei. Normalerweise hätte sich damit eine Berufung zum Nationalteam erledigt, aber Voss-Tecklenburg hat die 64-fache Nationaltorhüterin trotzdem eingeladen, um sich „einen Überblick über den Leistungsstand zu machen“. In Wahrheit geht es um mehr: Wenn das Comeback der 30-Jährigen misslingt, dann soll es nicht daran scheitern, „dass Almuth Mama ist“, wie Voss-Tecklenburg sagt, die es selbst als extrem belastend empfand, damals als junge Mutter keine Unterstützung zu erfahren.

Die Wiedereingliederung wird von den Mitspielerinnen ausdrücklich begrüßt. „Für diesen recht kurzen Zeitraum, seitdem sie wieder im Training ist, macht sie ihre Sache unglaublich gut, sie ist sehr präsent im Tor“, schilderte Popp ihre Eindrücke. Sie würde der langjährigen Stammtorfrau das Comeback von Herzen gönnen: „Sie gibt nicht auf, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, will sie das schaffen. Sie ist weiterhin eine wichtige Führungsspielerin, gerade an meiner Seite.“ Kaum Zufall, dass auch die Zwillingsmama den Appell zur Unterstützung homosexueller Profis unterzeichnet hat.

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